"Graf Zeppelin" Sonar identifiziert Nazi-Flugzeugträger

Neue Tauch- und Sonarbilder zeigen, dass es sich bei dem kürzlich in der Ostsee entdeckten gigantischen Wrack mit großer Wahrscheinlichkeit um die "Graf Zeppelin" handelt. Archäologen erwarten nun Antworten auf spannende Fragen. Hätte Hitlers Flugzeugträger noch in den Krieg eingreifen können?

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Sie soll von den Deutschen gesprengt, auf eine Mine gelaufen, von Torpedos getroffen oder von Bomben zerrissen worden sein: Zum Untergang der "Graf Zeppelin" gibt es mehrere höchst unterschiedliche Versionen. Doch auf den Sonarbildern der polnischen Marine ist jetzt ein überraschend intaktes Wrack zu sehen: Der gewaltige Flugzeugträger der Nazis, der nie im Krieg zum Einsatz kam, hat seine Versenkung und die Jahrzehnte unter Wasser offenbar in einem Stück überstanden.

Experten hegen nach der Prüfung der Aufnahmen kaum noch Zweifel daran, dass es sich bei dem vor wenigen Tagen entdeckten Wrack tatsächlich um das der "Graf Zeppelin" handelt. "Das ist hundertprozentig ein Kriegsschiff", sagte Thomas Förster vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund zu SPIEGEL ONLINE. Darauf deute die lange, schmale Form hin. Weitere Merkmale zeigen nach Meinung des Unterwasser-Archäologen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass es sich hier um einen Flugzeugträger - und damit um die "Graf Zeppelin" - handelt.

Eindeutige Hinweise auf Sonarbildern

So falle beim Vergleich zwischen dem Sidescan-Sonarbild und einer historischen Aufnahme nicht nur die Ähnlichkeit zwischen den beiden Umrissen auf. Auch Details wie Teile des Decks und einzelne Aufbauten ließen darauf schließen, dass beide Bilder dasselbe Schiff zeigen. Verräterisch sei zudem der lange helle Fleck im vorderen Teil des Schiffes, zu sehen in der linken Bildhälfte: "Das war wahrscheinlich der Raum für die Flugzeuge", vermutet Förster.

Das farbige Bild des Multibeam-Sonars enthalte weitere Hinweise auf die "Graf Zeppelin". "Die lange Vertiefung in der Mitte des Schiffs ist wahrscheinlich das eingebrochene Flugdeck", erklärt Förster. Gut zu erkennen seien auch Erhöhungen auf der Steuerbordseite des Kolosses. Modelle, Baupläne und historische Fotos zeigen, dass an dieser Stelle die Aufbauten der "Graf Zeppelin" inklusive Artillerie und Schornstein in die Höhe ragten. Hinzu kommen die gewaltigen Ausmaße des Wracks: Schiffe von rund 260 Metern Länge und 30 Metern Breite sind auch in der mit Wracks vollgestopften Ostsee selten.

Wissenschaftler erhoffen sich nach der Entdeckung des Wracks Antworten auf einige wichtige Fragen über die "Graf Zeppelin". Bis heute ist nicht abschließend geklärt, auf welche Weise das Schiff sein Ende fand. Als gesichert gilt lediglich, dass es im April 1945 von den Deutschen gesprengt wurde, damit es nicht in die Hände der anrückenden Roten Armee fällt. Die Sowjets machten den Flugzeugträger jedoch wieder flott.

Wäre Kriegseinsatz noch möglich gewesen?

Über die weitere Geschichte der "Graf Zeppelin" gibt es unterschiedliche Versionen. Diesen zufolge soll das Schiff entweder auf eine Mine gelaufen oder aber durch Überbeladung mit Beutegut in einem Sturm gesunken sein. Der Historiker Ulrich Israel vertritt in seinem Buch "Graf Zeppelin - Einziger deutscher Flugzeugträger" dagegen die These, dass das Schiff den Experimenten der Sowjets zum Opfer gefallen ist. Die Rote Armee habe testen wollen, wie man die Flugzeugträger der US-Marine am besten versenken könnte. Mehrere Bomben seinen an Bord der "Graf Zeppelin" gezündet worden. Am Ende habe man das Schiff mit zwei Torpedos auf den Grund der Ostsee geschickt.

Jetzt könnten die letzten Fragen über das Schicksal des Riesen endgültig geklärt werden. "Es wird sicherlich schon bald die ersten Expeditionen geben", sagte Hanz Günter Martin von der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Unterwasserarchäologie (Deguwa) im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Dabei könne man nicht nur herausfinden, wie die "Graf Zeppelin" wirklich gesunken sei. "Denkbar wäre auch eine Antwort auf die Frage, wie nahe der Flugzeugträger an der Einsatzbereitschaft war und ob er noch in den Krieg hätte eingreifen können."

Eine Tauchtourimus-Welle von Wehrmachts-Verehrern, Nazi-Phantasten oder Wrackplünderern dürfte allerdings kaum zu erwarten sein - denn dafür liegt die "Graf Zeppelin" schlicht zu tief. "Eine Tiefe von 80 Metern erreicht nur ein handverlesener Kreis von Spezialisten", sagt Unterwasserforscher Förster. Die beste Möglichkeit zur Erforschung des Wracks seien deshalb ferngesteuerte Roboter.

Völlig ausgeschlossen ist es jedoch nicht, dass der stählerne Koloss von Geschäftemachern genutzt wird. "Schließlich sind auch schon Touristen zur 'Titanic' getaucht, und die liegt vier Kilometer tief", sagt Deguwa-Vizedirektor Martin. "Man kann nie wissen, wer sein Tauchboot für solche Späße einsetzt."

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