Die meisten Dinge, die alles verändern, sind schnell Normalität. Das Internet zum Beispiel ist schon so gewöhnlich, dass man sich kaum noch an die Zeit ohne erinnert. Und wenn morgen jemand ein quantencomputierendes Hirnimplantat auf den Markt bringen sollte, mit dem sich jede einzelne Zelle im Körper kontrollieren und so der Krebs besiegen ließe, so wäre dies übermorgen schon wieder Vergangenheit. Denn wer oder was besiegt dann die Dekohärenz?
Auf Dauer alles verändernd ist nur die Erkenntnis. Halten ihre Ergebnisse Einzug in den Alltag, so werden sie alltäglich. Doch die Erkenntnis selbst bleibt verblüffend und besteht in Form der Weltbilder, die sie entwirft. Nur schwer kann man sich zum Beispiel daran gewöhnen, dass die Milchstraße eine Galaxie unter Millionen ist, in einem Universum, das, sich ausdehnend, aus einer unvorstellbar heißen und dichten Urknallphase zu kommen scheint. Das Internet dehnt sich auch aus, aber das erwarten wir von ihm.
Erkenntnis beruht auf Erfahrung, auf den Sinnen. Das wissenschaftliche Ereignis, das alles verändern wird, ist die Entwicklung eines neuen Sinnes, den nie zuvor ein Mensch erlebt hat. Ganz Neues wird erkannt werden, und Altes neu erfahren. Nein, hier ist nicht die Rede von hyperhumanen Monstermenschen, die operiert oder implantiert, gezüchtet oder gedopt in horrende Höhen gehetzt werden. Es wird uns schlicht ermöglicht werden, das Universum nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören.
Vieles in unserem Weltbild wird sich verändern
Man stelle sich vor, eine der Statuen von Homer oder etwa Buddha würde plötzlich den steinernen Mund aufreißen und zu uns sprechen - nicht einfach nur mechanisch animiert das reden, was wir schon durch die Schriften wissen, sondern uns Unbekanntes verkünden. Die Geschichtswissenschaft würde revolutioniert werden; die Denkmäler, die ihr schon immer den Weg gewiesen haben, würden zu ungeahnten Informationsquellen.
Der Kosmologie, der Geschichtswissenschaft mit dem weitesten Blick, steht dies kurz bevor: Ihre Statuen - Sterne, Galaxien, der Urknall - werden bald nicht nur gesehen, sondern auch gehört werden.
In den 400 Jahren, die das Teleskop nun schon seine Dienste geleistet hat, haben wir das Universum auf viele unterschiedliche Weisen, aber nur mit einem Sinn erkundet. Ferne Botschaften aus den Weiten haben uns über elektromagnetische Strahlung wie das Licht erreicht. Nun sind Gravitationswellen-Detektoren im Aufbau, die uns für eine unabhängige Signalquelle empfindsam machen werden: Erschütterungen von Raum und Zeit, die wir - entfernt verwandt mit Druckschwankungen in der Luft, wie sie unsere Ohren vernehmen - werden aufzeichnen können.
Vieles in unserem Weltbild wird sich verändern. Zunächst wird erst einmal so manche Erwartung bestätigt werden, die wir aufgrund von Theorien schon haben, und anderes als fehlerhaft entlarvt. Doch ein neuer Sinn erschließt immer auch Unerwartetes. Und Interessantes - das Düstere und das Tragische - spielt sich auch und gerade im Universum im Dunkel ab, wovon uns kein Licht Kunde tut.
Die bedeutendsten Ereignisse im Kosmos:
All diese epischen Schlachten im All sind verhüllt von sie tarnenden Schleiern, die niemand zu lüften vermag.
Aber wir können lauschen. Und genau das werden uns die Gravitationswellen-Detektoren der Zukunft ermöglichen. Ob auf der Erde oder als Satelliten im All. Diese Ohren werden uns die Welt in einem neuen Klang zeigen. Wer kann heute schon ahnen, wohin uns das führen wird. Das Teleskop hat unser Weltbild weit über die Erde, das Sonnensystem, die Milchstraße und unsere Nachbargalaxien hinaus ausgedehnt.
Heute sehen wir fast das ganze Universum und seine Ausdehnung. Wohin kann das Weltbild da noch erweitert werden? Es gibt weiterhin Grenzen wie den Urknall, der zu heiß ist, um Licht oder andere elektromagnetische Wellen passieren zu lassen. Das Universum vor dem Urknall werden wir niemals sehen, aber vielleicht werden wir es hören.
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