Grenzforschung Telepathie-Test mit Hightech

Auch seriöse Forscher streiten bis heute darüber, ob Telepathie oder Telekinese möglich sind oder nicht. Britische Wissenschaftler wollen nun einen definitiven Test für Gedankenübertragung entwickeln - mit Hilfe virtueller Realität.

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Wenn David Wilde über seine Arbeit redet, glaubt man, ein verschämtes bisschen Hoffnung herauszuhören. Deshalb spricht der Forscher von der University of Manchester lieber von "Standardisierung" und "methodologischen Tests", als von Parapsychologie. In Wirklichkeit aber arbeitet Wilde - mit Hightech als Werkzeug - an einem System, das endlich nachweisbar machen soll, worüber die Menschheit seit Jahrhunderten grübelt: Gedankenübertragung.

Virtual-Reality-Experiment: Simulierte Objekte bewegen
University of Manchester

Virtual-Reality-Experiment: Simulierte Objekte bewegen

Die Liste der mit solchen Forschungsthemen ins Abseits abgeglittenen Wissenschaftler ist lang. Doch nur einmal hat sich ein echter Star der psychologischen Forschung auf die Seite der Beschwörer des Übersinnlichen geschlagen: 1994 veröffentlichte der US-Psychologe Daryl J. Bem von der Cornell University gemeinsam mit einem notorischen Parapsychologen namens Charles Honorton im höchst renommierten "Psychological Bulletin" einen Artikel mit dem Titel "Existiert Psi? Replizierbare Belege für einen anomalen Prozess der Informationsübertragung" (Bd 115, S. 4). Dieser stellte, in solch ernstzunehmendem Rahmen bis dahin einzigartig, einen Überblick von Studien vor, mit sensationellem Ergebnis: Telepathie funktioniert.

Bem ist nicht irgendwer. Jeder Psychologiestudent kennt seinen Namen, schon seit den Sechzigern publiziert der Sozialpsychologe in den renommiertesten Blättern seiner Disziplin. Vielleicht auch "wegen eines für mich vorteilhaften Vorurteils", gestand er später selbst ein, wurde der Artikel damals überhaupt veröffentlicht. Honorton hingegen erlebte die Publikation, seinen größten Erfolg, nicht mehr.

Senden von Geist zu Geist?

Die Studien, die Bem und Honorton zusammenfassten, benutzten alle die gleiche Methode: Im sogenannten Ganzfeld-Verfahren soll geprüft werden, ob Gedanken von einem Raum in den nächsten übertragen werden können. Die Versuchspersonen bekommen dafür zwei halbe Pingpongbälle über die Augen, die zusätzlich mit rotem Licht bestrahlt werden, was ein völlig gleichförmiges Bild schafft, ein "Ganzfeld". Über Kopfhörer wird ein gleichmäßiges Rauschen vorgespielt, die Probanden werden weich gebettet. So wenige Sinneseindrücke wie möglich sollen sie erreichen, denn, so die Theorie, wenn es Telepathie überhaupt gibt, dann ist sie vermutlich so schwach, dass jeder andere Umweltreiz sie übertönen würde.

Eine zweite Person in einem anderen Raum sieht sich üblicherweise Bilder oder Videos an, und versucht dann durch schiere Konzentration, das Gesehene an den "Empfänger" im sensorischen Kokon zu schicken, von Geist zu Geist. Lässt man die "Empfänger" anschließend raten, welches von vier angebotenen Bildern der "Sender" gesehen hat, liegt die Wahrscheinlichkeit für einen Zufallstreffer bei 25 Prozent - der Metastudie von Bem und Honorton zufolge lagen die tatsächlichen Ergebnisse aber eher bei 30 bis 40 Prozent. Das sei der Beweis, sagen die Einen, direkte Kommunikation von Geist zu Geist sei möglich. Das sei ein Ergebnis schlampiger Experimente und des Zufalls, sagen die Anderen.

Kritiker der Ganzfeld-Methode monieren etwa, es könnten doch irgendwie Informationen auf anderem als mentalem Wege von einem Raum in den anderen gelangt sein - etwa durch Fingerabdrücke auf Bildkarten oder durch verräterische Blicke oder Bewegungen des Versuchsleiters.

Verbundenheit stärkt die Verbindung?

Auch wenn man all diese Einwände experimentell ausräumt bleibt jedoch ein Problem: "Ich kann keine Ganzfeld-Studie machen und Ergebnisse garantieren", gab Bem selbst einmal zu, in einem Gespräch mit dem "Skeptical Inquirer", der Zeitschrift der Skeptikerorganisation "Commitee for the scientific Investigation of Claims of the Paranormal". Telepathie-Resultate sind nicht jederzeit wiederholbar - das aber ist eine Grundvoraussetzung für die Anerkennung als wissenschaftlich nachgewiesenes Phänomen.

David Wilde hofft nun, die Methode, die seine Kollegen und er entwickeln, werde alle Fragezeichen ein für alle mal ausräumen. Mit einem Virtual-Reality-Helm und einem Datenhandschuh sehen die Versuchspersonen die zu betrachtenden Objekte in einem simulierten statt in einem realen Raum. Sie können sie aufheben und bewegen, sogar passende Geräusche sollen die virtuellen Gegenstände machen. "Wir kontrollieren alles, was die Versuchspersonen sehen und hören", sagt Wilde im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Teilnehmen sollen Paare von Freunden oder Verwandten, denn bei denen rechnet man sich die besten Chancen für funktionierende Gedankenübertragung aus - Verbundenheit verstärkt die Verbindung, so die Logik.

Der "Sender" soll in der Studie im virtuellen Raum nacheinander verschiedene Objekte sehen, sie betrachten oder virtuell in die Hand nehmen, etwa ein Telefon, einen Regenschirm oder einen Ball. Der "Empfänger" sieht in seinem Helmdisplay das entsprechende Objekt, aber auch noch drei andere und soll nun raten, welches der Sender im gleichen Augenblick betrachtet. Alle möglichen Probleme der Ganzfeld-Methode kann man so ausschließen, glaubt Wilde: Das System erlaube "die bislang objektivste Erforschung von Telepathie".

"Newton und Einstein kümmerlich aussehen lassen"

Ziel sei es aber nicht "ihre Existenz zu beweisen oder zu widerlegen, sondern eine experimentelle Methode zu schaffen, die wissenschaftlicher Prüfung standhält". Trotzdem hofft Wilde auch, dass eventuell vielleicht doch vorhandene Gedankenübertragungs-Effekte in der virtuellen Umgebung besonders gut funktionieren können - weil die Versuchspersonen in solchen Umwelten besonders stark auf das hier und jetzt und auf ihre Aufgabe fokussiert seien. Er zieht Parallelen zu Computerspielen, die den Spieler ja auch völlig in ihren Bann ziehen könnten: "Die Leute haben die Tendenz, sich sehr in solche Umgebungen zu versenken."

Billig war die Ausrüstung nicht, "ein paar tausend Pfund" habe man schon investiert, sagt Wilde, und seine Kollegen haben etwa sechs Monate gebraucht, die Software zu entwickeln. Sollten die Experimente jedoch eines Tages zum Ziel führen, hätte sich der Aufwand gelohnt - die von einem Skeptiker gegründete "James Randi Educational Foundation" hat einen Preis von einer Million Dollar für die erste überzeugende Demonstration einer "paranormalen Fähigkeit" ausgeschrieben.

Ganz zu schweigen vom wissenschaftlichen Gewinn: Ray Hyman, einer der hartnäckigsten Kritiker der Methoden von Honorton und anderen Erforschern parapsychologischer Phänomene, sagte einmal: "Der erste, der auf diesem Gebiet einen Durchbruch erreicht, wird Newton und Einstein kümmerlich aussehen lassen."

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