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Ausgegraben

Tauchgang zum Antikythera-Wrack Die "Titanic" der Antike

Antikythera-Wrack: Tauchgang zur Titanic der Antike Fotos
DPA/ Greek Ministry of Culture

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Es war wohl das größte Schiff der Antike: Vor der Insel Antikythera liegt ein riesiges Wrack - jetzt haben es Wissenschaftler in Hightech-Tauchanzügen erstmals gründlich untersucht.

"Was wir da unten gefunden haben, spricht dafür, dass dies das größte antike Schiffswrack ist, das jemals gefunden wurde", freut sich Brendan Foley von der Woods Hole Oceanographic Institution. "Es ist sozusagen die Titanic der Antike!" Die Rede ist vom berühmten Schiffswrack von Antikythera, das zwischen Kreta und der griechischen Halbinsel Peloponnes liegt.

Vor mehr als hundert Jahren hatten Schwammtaucher die Überreste des Schiffs entdeckt. Doch das Wrack liegt mit 55 Metern so tief, dass es mit herkömmlicher Tauchausrüstung kaum zu erforschen ist. Nachdem bei den ersten Tauchexpeditionen ein Taucher gestorben war und zwei weitere nach zu schnellem Auftauchen gelähmt blieben, brach man rasch die Untersuchung ab.

Bereits Tauchgänge ab 30 bis 40 Metern gelten als riskant, weil sich - wenn nicht die vorgeschriebenen Dekompressionspausen eingehalten werden - beim Wiederauftauchen durch die Druckveränderung Gasblasen im Körperinnern bilden, was zur Bewusstlosigkeit und im schlimmsten Fall zum Tod führen kann. Nach den Tauchunfällen vor Antikythera hatte sich lediglich der französische Meeresforscher und Dokumentarfilmer Jacques-Yves Cousteau im Jahr 1976 noch einmal am Wrack umgesehen - bis jetzt.

Das Team um Foley und Theotokis Theodoulou vom Hellenic Ephorate of Underwater Antiquities kehrte mit besonderer Ausrüstung ins Meer zurück. Ein moderner Hightech-Tauchanzug ermöglichte ihnen, Luft unter Atmosphärendruck zu atmen. Was sie bei ihrer Expedition zu sehen bekamen, versetzte sie in Erstaunen.

Erster Computer der Menschheitsgeschichte an Bord

"Die Funde sind über ein viel größeres Gebiet verteilt, als die Schwammtaucher vermuteten, sie bedecken rund 300 Quadratmeter Meeresboden", erklären die Taucher in einer Pressemitteilung. "Dieser Umstand belegt zusammen mit der gewaltigen Größe der Anker und den gefundenen Schiffsplanken, dass das Schiff von Antikythera viel größer war, als bislang angenommen - vielleicht sogar bis zu 50 Meter lang."

Wahrscheinlich war das Schiff im ersten Jahrhundert vor Christus während eines Sturms an den Klippen der Insel Antikythera zerschellt. Berühmt wurde es vor allem durch die seltsame Maschine, die es an Bord hatte: den Mechanismus von Antikythera. Der gilt als der erste Computer der Menschheitsgeschichte.

Mit dem komplizierten Räderwerk lassen sich sowohl Sonnen- und Mondfinsternisse berechnen wie auch die sportlichen Wettkämpfe in den Jahren zwischen den Olympischen Spielen planen. So viel zumindest haben die Wissenschaftler bislang herausfinden können, noch längst hat das Rechengerät nicht alle seine Geheimnisse preisgegeben.

3D-Karte vom Wrack

Damit nicht genug: Das Schiff hatte außerdem extrem wertvolle Statuen an Bord. Einige davon waren bereits antik, als das Schiff sank, sie datieren zurück auf das 4. Jahrhundert. Andere sind exzellente Kopien älterer Werke, die im ersten vorchristlichen Jahrhundert gefertigt wurden. Zu diesen Funden konnten die Taucher nun ein weiteres Stück hinzufügen. Sie brachten eine riesige bronzene Speerspitze mit nach oben.

Die Waffe ist zu groß und zu schwer, um jemals in einem tatsächlichen Kampf zum Einsatz gekommen zu sein. Stattdessen, vermuten die Forscher, gehörte sie zur überlebensgroßen Statue eines Kriegers - oder der Göttin Athena. Die Schwammtaucher hatten 1901 von vier gigantischen Marmorpferden in dem Wrack berichtet - möglicherweise gehören diese Funde zusammen: eine speertragende Person, die auf einem Streitwagen in den Krieg zieht.

Außerdem bargen die Taucher Geschirr, darunter einen kostbaren Krug, das Bein eines luxuriösen Bettes sowie Schiffsteile. Und sie fertigten mit Unterwasserkameras erstmals eine 3D-Karte des Wracks und der näheren Umgebung an. Alles deutet darauf hin, dass unter dem Sediment am Meeresgrund noch weitere Schätze verborgen sind - und vielleicht ja sogar noch ein paar der fehlenden Teile des Antikythera-Mechanismus.

Für dieses Jahr ist die Expedition erst mal beendet. Aber die Taucher planen, im nächsten Jahr ihre Arbeit fortzusetzen, um noch mehr der kostbaren Ladung bergen zu können. Die jüngsten Funde jedenfalls seien schon "sehr vielversprechend", so Theodoulou. "Es gibt noch jede Menge Arbeit an dieser Stelle zu tun, bis wir die Geheimnisse des Schiffes vollständig aufdecken können."

22 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
post-nationalist 30.10.2014
caligus 30.10.2014
jojack 30.10.2014
Beauregard 30.10.2014
charietto 30.10.2014
ein-interessierter-mensch 30.10.2014
fabian-im-urlaub 30.10.2014
stitch2 30.10.2014
stitch2 30.10.2014
Mach999 30.10.2014
schlaubix 30.10.2014
schlaubix 30.10.2014
waelder 30.10.2014
syracusa 30.10.2014
post-nationalist 30.10.2014
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phboerker 30.10.2014
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günter1934 30.10.2014
michael.schlenger 30.10.2014
knuty 31.10.2014
gorontalo 01.11.2014

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
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