Großveranstaltungen: Drängeln im Dienst der Forschung

Am Hut-Code eindeutig zu unterscheiden: Hunderte Probanden werden durch einen Parcours in Düsseldorf geschleust Zur Großansicht
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Am Hut-Code eindeutig zu unterscheiden: Hunderte Probanden werden durch einen Parcours in Düsseldorf geschleust

Stau, Panik, tödliches Gedränge - auf Veranstaltungen kann Platznot zur gefährlichen Falle werden. Wie lässt sich eine Massenpanik wie bei der Loveparade 2010 verhindern? In Düsseldorf wird das nun erforscht, mit Hunderten Probanden und künstlichen Engstellen.

Wer verstehen will, wie Menschenmassen sich verhalten, braucht einen umfangreichen Versuchsaufbau: In der Düsseldorfer Messehalle haben am Mittwochmorgen Experimente mit 350 Probanden begonnen, in den nächsten Tagen sollen es bis zu 1000 werden. Die Versuchsteilnehmer müssen einen künstlichen Parcours durchqueren, wobei jede ihrer Bewegungen aufgezeichnet und analysiert wird.

Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich wollen so herausfinden, wie bedrohliche Staus und lebensgefährliches Gedränge in Menschenmassen entstehen. Und sie wollen wissen, wie viel Platz ein Mensch in einem Strom ohne Gegenverkehr benötigt, damit alles reibungslos läuft. In ihren Modellen gehen die Forscher von fünf bis sieben Quadratmetern aus. Mit dem Ergebnis sollen Sicherheitskräfte abschätzen können, ob der vorgesehene Platz für die kalkulierten Besucher reicht, sagte der Jülicher Forscher Armin Seyfried.

In der Messehalle wurde dafür eine künstliche Kreuzung aufgebaut, abgegrenzt von großen Kunststoffquadern. Von allen vier Seiten sollten die Versuchsteilnehmer auf die Kreuzung zulaufen und diese überqueren. Wer sich dabei wie verhielt, zeichneten 24 Kameras unter der Hallendecke auf. Jeder Proband lässt sich auf dem Filmmaterial anhand eines eindeutigen Codes auf seinem Hut wiedererkennen.

Wissenschaftler der Universität Siegen testen dabei zum ersten Mal den Einsatz digitaler und animierter Grafiken und Schilder. Bei einem Stau sollen sie eingeschaltet werden und den Fußgängern die Bewegungsrichtung anzeigen, um den Stau aufzulösen. Dann lautet die zentrale Frage, ob sich die Probanden auch im Gedränge an die Schilder halten - oder ob ihr Fluchtinstinkt so stark ist, dass sie sich darüber hinwegsetzen.

Das Projekt ist Teil der vom Bund geförderten Forschung BaSiGo" zur Sicherheit von Großveranstaltungen. Bei der Loveparade vor drei Jahrn in Duisburg waren im tödlichen Gedränge auf einer Zugangsrampe 21 Menschen gestorben, mehr als 500 wurden verletzt.

che/dpa

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Gut, daß nicht immer wieder nur dieser Schreckenberg unkritische Presse bekommt
UCL 20.06.2013
Sehr dankbar bin ich, daß im Beitrag zu der immens wichtigen und allzu lange sträflich vernachlässigten Forschung in diesem Bereich nicht erneut dieser M. Schreckenberg von der Uni Duisburg-Essen bemüht wird. Er hat mutmaßlich (nach prächtig saftiger Bezahlung für ein fragwürdiges Gutachten) im Vorfeld der Loveparade in Duisbrug durchaus eine sehr, sehr strittige Verantwortung zu tragen, die leider nicht kritisch hinterfragt wird (an Schreckensberger's Live Beiträge im WDR am traurigen Abend der Love-Parade setzte er sich noch allwissend in Szene; daß hervorzuholen und erneut zu sichten macht alleine schon einen Beitrag zur wissenschaftkritischen Diskussion aus, der weit über ein paar Zeilen in lokaler Presse hinausreichen müsste und hoffentlich bei Gericht Bedeutung bekommt). Angenehm so nun hier zu erfahren, daß neben jenem Briten, der die (wie inoffiziell von seiten des WDR vor ca. 2-3 Wochen bekannt wurde) völlig haltlosen damaligen sog. wissenschaftlichen Fakten und Vorhersagen eines bezahlten Schreckenberg sehr deutlich in Frage stellt - gar verwirft, hieß es. So ist allein schon der Loveparade-Tragödie wegen gut zu erfahren, zumindest als Headline und Zusammenfassung, daß es tatsächlich seriöse und hoffentlich erkenntnisreiche Ansätze gibt. Ohnehin unverständlich, wie in der Presse & den Medien stets jene abgehalfterten Figuren auftauchen, die immer wieder als Pseudo-Koryphäe stilisiert werden …
2. Wissenschaft?
Bernd.Brincken 20.06.2013
Zitat von UCLSo ist allein schon der Loveparade-Tragödie wegen gut zu erfahren, ... daß es tatsächlich seriöse und hoffentlich erkenntnisreiche Ansätze gibt.
Also mit mehr Wissenschaft, und seriöserer, wäre eine Love-Parade Tragödie zu verhindern gewesen? Für mich hörte sich das seinerzeit eher nach Verantwortungsdiffusion an, was ja dann gut daran sichtbar wurde, dass wirklich niemand Verantwortung übernehmen wollte, nicht die Stadtverwaltung, der Bürgermeister, die Polizei, die Veranstalter, die Security, schon gar nicht die Wissenschaftler. Also wenn hier eine Wissenschaft ins Spiel kommt, dann eine, die mit dem Begriff "Verantwortung" irgendwie umgeht. Oder man lässt die Wissenschaft weg und fragt gleich - und vorher: Wer ist verantwortlich?
3. ...
ohmeinsire 20.06.2013
... die Frage ist doch, ob die Probanden mit der gleichen Einstellung und Energie sich verhalten, so wie sie es auch in "freier Wildbahn" tun würden. Sprich ich will so schnell wie möglich zu meinem Ziel und drängel mich da mal irgendwie durch. Solche Grundsatzforschung finde ich nicht erst seit der Tragödie bei der Loveparade wichtig. Ich wünsche gute und vorallem brauchbare Ergebnisse.
4. Geldverbrennung
Das Auge des Betrachters 20.06.2013
Zitat von sysopStau, Panik, tödliches Gedränge - auf Veranstaltungen kann Platznot zur gefährlichen Falle werden. Wie lässt sich eine Massenpanik wie bei der Loveparade 2010 verhindern? In Düsseldorf wird das nun erforscht, mit Hunderten Probanden und künstlichen Engstellen. Großveranstaltungen: Drängeln im Dienst der Forschung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/grossveranstaltungen-draengeln-im-dienst-der-forschung-a-906733.html)
Das Chaos ist nicht berechenbar, weil alle Rechenmodelle nur zur Motivation und Bedingung von Probanden und Testraum passen. Gesunder Menschenverstand reicht völlig, was sag ich, ist weitaus mehr geeignet solche Probleme zu kontrollieren. Gerade der Versuch, die Massen in Bahnen zu lenken und Widerstände zu blockieren hat das Unglück verursacht. Von daher halte ich eine Evaluation zur Lenkung für ein gefährliches Rechtfertigungsinstrument. Duisburg war das Ergebnis von unverantwortlicher Wichtigtuerei einiger Provinzfürsten, die wären auch mit noch so viel Forschung in ihrem Wahn nicht erreichbar gewesen. Wer so dummdreist ist, die 2,5 fache Bewohnerzahl der eigenen Großstadtbevölkerung, durch einen Tunnel auf ein eingezeuntes Gelände zu pressen, von wo aus der Ausgang der selbe Tunnel ist, der ist jedem intelligenten Einwand unzugänglich. Und noch eins, die gleichen Bedingungen an einem anderen Ort mit anderer Zielgruppe und anderer Kultur, hätte ein völlig anderes Ergebnis ergeben. Ich spekuliere mal, in China hätten die Menschen zivilisiert gewartet, in Sao Paulo hätte es wohl hunderte Tote gegeben. Richtig schlimm ist, dass Leute wie Sauerland noch immer frei herumlaufen. Das zeigt gravierende Mängel im Rechtstaat auf.
5. Fazit nach der Studie:
analyse 20.06.2013
Platz lassen ! Ausweichmöglichkeiten obligatorisch einplanen ! Für Paniksteuerung:Leider keine befriedigende Lösung gefunden !
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