Von Hendrik Behrendt
Es ist der 29. Juli 1753. In der Nedlitzer St.-Nicolaus-Kirche hat sich eine Trauergemeinde eingefunden, um Juliane Pforte, die Ehefrau des lokalen Oberamtsmanns, zu Grabe zu tragen. Im Alter von 65 Jahren war sie kurz zuvor verstorben.
Zweieinhalb Jahrhunderte später stehen Peter Weber und Eberhard Aepler am Sarg der Verblichenen und heben gemeinsam den schweren Holzdeckel an. Der Blick der sachsen-anhaltinischen Heimatforscher fällt auf die sterblichen Überreste Pfortes. Voll bekleidet und kaum verwest ruht die Dame in ihrem Sarg. "Der Luftzug in der Gruft sorgte für eine rasche Austrocknung des Leichnams und führte so zur Mumifizierung des Körpers", erklärt Aepler. "Insgesamt liegen hier sieben Mumien, die zur gehobenen Klasse in Nedlitz gehörten."
Die Heimatforscher gehen davon aus, dass sich ihre Vorfahren vorsätzlich mumifizieren ließen. Warum sie sich zu diesem Schritt entschlossen, ist allerdings nicht mehr eindeutig zu klären. "Eine Theorie besagt, dass der Glaube an die Wiederauferstehung weit verbreitet war und die Verstorbenen in diesem Fall ihrem Schöpfer in einem vollständigen Körper gegenübertreten wollten", so Weber.
Doch der Zahn der Zeit nagt auch an den Nedlitzer Mumien. Zudem gingen die Dorfbewohner nicht immer so sorgsam mit ihren Vorfahren um, wie es heute der Fall ist. "In den sechziger Jahren haben die Kinder die Särge geöffnet und einzelne Körperteile herausgenommen", erzählt Peter Weber. "Mit dem Kopf einer Mumie wurde dann auf dem Vorhof Fußball gespielt."
Juliane Pforte entsteht im Computer wieder auf
Heute herrscht ein anderes Bewusstsein. Weber und der Förderverein der St.-Nicolaus-Kirche möchten die Mumien als Kulturschatz dauerhaft erhalten. Zwei der Verstorbenen sollen dafür exemplarisch konserviert werden. Auch Juliane Pforte wurde für die Grundsanierung ausgewählt. Samt Sarg wird die 324-Jährige nach Hildesheim gebracht, wo Restaurator Jens Klocke sie in Empfang nimmt.
Zunächst wird der Zustand der Mumie dokumentiert. Dazu wird ein Handscanner in 50 Zentimetern Abstand um den geöffneten Sarg geführt. "Ein Sensor im Gerät erfasst dabei die Geometrie der Verstorbenen, eine Kamera nimmt zeitgleich die Farbtöne der Mumie auf. Die gewonnen Daten werden an einen angeschlossenen Computer übermittelt, der daraus unmittelbar eine 3-D-Grafik errechnet", erklärt Klocke. Aus über 700 Aufnahmen ersteht Juliane Pforte so als digitale Kopie im PC.
Dann geht Klocke an die Restaurierung. "Die größte Herausforderung ist es, die Mumie nach all der Zeit aus ihrem Sarg zu heben, ohne sie zu beschädigen", sagt der 38-Jährige. Da es kein standardisiertes Verfahren in diesem Bereich gibt, setzt Klocke auf einen Seilzug, Mullbinden und viel Kreativität. Er nestelt die Verbände unter der Mumie hindurch und befestigt sie an einem Holzrahmen, der über dem geöffneten Sarg schwebt. Anschließend zieht er diesen sachte mit einem Seilzug in die Höhe. Zentimeter für Zentimeter erhebt sich Juliane Pforte so erstmals nach über 250 Jahren wieder aus ihrem Sarg.
Frischzellenkur gegen der Verwesung
Rasch entdeckt der Restaurator, dass Frau Pforte in den vergangenen Jahrhunderten offensichtlich Gesellschaft hatte. "Im Bereich der Beine finden sich Kokons von Schmeißfliegenlarven. Die Insekten sind vom Verwesungsgeruch der Leiche angezogen worden. Später ist es ihnen dann wohl zu eng geworden, und sie haben sich einen Weg nach draußen gesucht."
Im nächsten Schritt reinigt Klocke Sarg und Mumie vom Staub der Jahrhunderte. Dabei setzt er statt auf Hightech auf einen handelsüblichen Staubsauger und feine Ziegenhaarpinsel - ein ebenso schmutziges wie langwieriges Verfahren. Mehrere Wochen dauert es, bis alles gereinigt ist und alle Textilien der Verstorbenen wieder in Form gebracht wurden. Bevor Juliane Pforte zurück in ihren Sarg kommt, passt Klocke der Verstorbenen eine Glasfaserschale an. Damit kann die Mumie künftig im Handumdrehen aus ihrem Sarg gehoben werden.
Grundsaniert kann Pforte die Hildesheimer Schönheitsfarm sechs Monate nach ihrer Ankunft wieder verlassen - als eine der ersten Mumien Deutschlands wurde sie so aufwendig restauriert. Im Miettransporter bringt Peter Weber sie zurück in die sachsen-anhaltinische Provinz. Unter dem Turm der St.-Nicolaus-Kirche findet sie nun erneut Ruhe - und wird nun auch in den kommenden Jahrhunderten der Verwesung trotzen.
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