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Grundsatzurteil: Europa-Gericht verbietet Patent auf embryonale Stammzellen

Der Europäische Gerichtshof hat ein grundlegendes Urteil zur Stammzellforschung gefällt. Menschliche embryonale Stammzellen dürfen nicht patentiert werden. Potentiellen Milliardengeschäften mit biomedizinischen Produkten und Therapien ist damit ein Riegel vorgeschoben worden.

Forschung an Stammzellen: "Gegen die guten Sitten" Zur Großansicht
AFP

Forschung an Stammzellen: "Gegen die guten Sitten"

Luxemburg/Hamburg - Das Grundsatzurteil des Europäischen Gerichtshofes beschränkt damit die Verwendung von menschlichen embryonalen Stammzellen für die Forschung. Die Entscheidung gilt für Patente auf embryonale Stammzellen sowie auch für die Verfahren, mit denen sie gewonnen werden. Der Einsatz dieser Zellen ist äußerst umstritten, weil sie aus frühen Embryonen stammen, die zur Gewinnung der Zellen zerstört werden.

Nach Ansicht des Gerichts verstößt dies gegen die guten Sitten, weil es sich auch bei befruchteten Eizellen rechtlich um Embryonen handle. "Der Begriff des menschlichen Embryos ist weit auszulegen", schreiben die höchsten EU-Richter in ihrer Begründung.

Das Urteil beschränkt damit die Verwendung der Zellen für Forscher. Allerdings halten die Richter Patente für möglich, wenn die Stammzellen für eine Therapie oder Diagnose zum Nutzen des Embryos eingesetzt werden - zum Beispiel bei Missbildungen.

Hintergrund des jetzt gefallenen Gerichturteils ist ein Patentstreit zwischen der Umweltorganisation Greenpeace und dem Neurobiologen Oliver Brüstle. Der Bonner Forscher ist Inhaber eines 1997 angemeldeten Patents für nervliche Vorläuferzellen. Diese werden zur Behandlung von Nervenleiden wie etwa Parkinson oder Multipler Sklerose erprobt. Die Vorläuferzellen, aus denen sich dann Nervenzellen bilden, stellt Brüstle aus menschlichen embryonalen Stammzellen her. Greenpeace hatte wegen ethischer Bedenken gegen die Patente des bekannten Wissenschaftlers geklagt.

Das Bundespatentamt hatte das Patent daraufhin für nichtig erklärt und auf den Schutz der Menschenwürde und des menschlichen Lebens verwiesen. In nächster Instanz war der Bundesgerichtshof mit der Sache befasst, der die Frage nach Luxemburg verwies.

wbr/dpa/AFP

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insgesamt 109 Beiträge
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1. Klasse
spon-tan100 18.10.2011
Dem Gericht sei Dank!
2. Sehr gut!
andipizza 18.10.2011
Und wenn jetzt noch weltweit Patente auf gentechnisch veränderte Pflanzen verboten werden würden, hätten wir einige Probleme weniger, zumindest in der Dritten Welt. Aber davon werde ich bei der Lobby wohl noch einige Zeit träumen können. Obwohl, man müsste entsprechende Aufklärungsfilme einfach zum Pflichtprogramm in Schulen machen, dann würden die kommenden Generationen vielleicht reagieren.
3. .. traugig...
RubyRhod 18.10.2011
... dass das Urteil nicht sowieso selbstverständlich war.
4. Der Preis der Wertegesellschaft
P.H., 18.10.2011
der läßt sich manchmal sogar beziffern. Meinen Applaus! Auch wenn es manchen weh tut.
5. Das wird viele Tote geben
Politiker2014 18.10.2011
Durch die Blockade der Stammzellforschung werden viele Krankheiten erst später heilbar werden. Dadurch werden viele Menschen frühzeitig schmerzhaft sterben. Jetzt verfolgt Greenpeace schon die absurden Vorstellungen der katholischen Kirche.
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Stammzellen - die zellulären Multitalente
Embryonale Stammzellen (ES)
DPA
Sie gelten als die zellulären Alleskönner: Reift eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem kleinen Zellklumpen, heran, entsteht in deren Inneren eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln. Voraussetzung ist, dass sie mit den richtigen Wachstumsfaktoren behandelt werden.
Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
MPI Münster / Jeong Beom Kim
Körperzellen einfach in Stammzellen umprogrammieren - das gelang Forschern durch das Einschleusen ganz bestimmter Steuerungsgene. Aus den dabei entstandenen maßgeschneiderten Stammzellen züchteten sie erfolgreich verschiedene Körperzellen. Diese Methode ist nicht nur elegant, sondern auch ethisch unbedenklich, da dabei kein Embryo hergestellt und zerstört wird. Allerdings birgt die Methode noch Risiken, weil für das Einschleusen der Gene Viren benötigt werden. Die Gene werden vom Virus verstreut im Genom eingebaut, wichtige Gene der Zelle können dabei beschädigt werden, die Zelle kann entarten. Es besteht Krebsgefahr. Zudem bauen auch die Viren ihr Erbgut ein. Forschern gelang jedoch mittlerweile die Reprogrammierung ohne Viren und mit anschließender Entfernung der Gene.
Proteininduzierte pluripotente Stammzellen (piPS)
Zellen reprogrammieren - nur durch Zugabe von Molekülen und ohne Veränderung des Erbgutes. Dies gelang Forschern erstmals im April 2009. Damit räumten sie potentielle Risiken aus, die das Einschleusen der Reprogrammiergene barg.
Keimbahn abgeleitete pluripotente Stammzellen (gPS)
Keimbahn-Stammzellen können normalerweise nur Spermien erzeugen. Aber man kann sie auch in pluripotente Stammzellen verwandeln. Diese germline derived pluripotent stem cells (gPS) bieten ein großes Potential, denn ihr Erbgut ist noch relativ unbeschädigt. Forschern gelang die Verwandlung an Hodenzellen von Mäusen - nur durch ganz bestimmte Zuchtbedingungen.
Adulte Stammzellen
Nicht nur Embryonen sind eine Quelle der Zellen, aus denen sich verschiedene Arten menschlichen Gewebes entwickeln können. In etwa 20 Organen inklusive der Muskeln, der Knochen, der Haut, der Plazenta und des Nervensystems haben Forscher adulte Stammzellen aufgespürt. Sie besitzen zwar nicht die volle Wandlungsfähigkeit der embryonalen Stammzellen, bereiten aber auch keine ethischen Probleme: Einem Erwachsenen werden die adulten Stammzellen einfach entnommen und in Zellkulturen durch Zugabe entsprechender Wachstumsfaktoren so umprogrammiert, dass sie zu den gewünschten Gewebearten heranreifen.
Ethik und Recht
Die Stammzellforschung birgt ethische Konflikte. Embryonale Stammzellen werden aus Embryonen gewonnen, die entweder eigens hergestellt werden oder bei künstlichen Befruchtungen übriggeblieben sind. Dabei wird der Embryo zerstört. Die Argumentation der Befürworter: Die Embryonen würden ohnehin vernichtet. Kritiker sprechen dagegen von der Tötung ungeborenen Lebens.

In Deutschland ist das Herstellen menschlicher Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen verboten. In Ausnahmefällen erlaubt das Gesetz aber den Import von Stammzellen, die vor dem 1. Mai 2007 hergestellt wurden. In Großbritannien und Südkorea ist das therapeutische Klonen ausdrücklich erlaubt, ebenso in den USA.


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