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Gruppenbeziehungen: Warum der Feind meines Feindes mein Freund ist

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Mit wem befreunde ich mich, wer wird mein Feind? Forscher haben festgestellt, dass es für Beziehungen in menschlichen Gemeinschaften fast zwangsläufig nur zwei Endpunkte gibt: Entweder werden alle Freunde und haben sich lieb - oder die Gruppe zerfällt in exakt zwei Lager, die sich hassen.

Dreieckskonstellation: Was, wenn ich die Freunde meines Freundes hasse? Zur Großansicht
Corbis

Dreieckskonstellation: Was, wenn ich die Freunde meines Freundes hasse?

Stefan ist mit Jörn befreundet. Und mit Mike.

Das Problem: Jörn ist HSV-Fan, Mike mag St. Pauli. Die beiden können sich nicht ausstehen.

Was bedeutet das für Stefan?

Und für seine Freundschaft zu den beiden?

Dreiecksbeziehungen können schwierig sein. Dies zeigt gerade Tom Tykwer im Kino mit seinem neuen Film "Drei" - doch sogar wenn es nicht um Liebe geht, sondern nur um Freundschaft, kann es in einem Dreieck schnell zu Verwerfungen kommen.

Schon länger beschäftigen sich Netzwerkforscher mit Phänomenen wie im Beispiel Stefan-Jörn-Mike. Im Fall dieser Beziehung ist die Lage aus Sicht der Experten weitgehend geklärt: Ein Dreieck aus zwei Freundschaften und einer Feindschaft ist instabil. Entweder gelingt es Stefan, die beiden Freunde zu versöhnen. Dann sind alle befreundet, und das Dreieck ist stabil. Oder aber eine der Freundschaften zerbricht: Stefan ist nur noch mit Jörn befreundet, Mike wird zum Ausgestoßenen. Respektive umgekehrt.

Als ausbalanciert oder stabil bezeichnen Netzwerkforscher drei Freundschaften oder eine Freundschaft kombiniert mit zwei Feindschaften. Wobei letztere Konstellation die Frage aufwirft: Muss der Feind eines Freundes tatsächlich immer auch der eigene Feind sein? Und was passiert eigentlich, wenn es sich nicht um die Beziehungen von nur drei Personen oder Staaten handelt - sondern um ein weit größeres Netzwerk? Zum Beispiel um einen Sportverein oder eine Firma mit 100 Mitarbeitern?

Wie gut kann A mit B?

Mathematiker und Informatiker der Cornell University in Ithaca haben jetzt Dreiecksbeziehungen in größeren Netzwerken untersucht. Steven Strogatz und seine Kollegen haben simuliert, wie sich solche Beziehungen entwickeln und verändern - und Erstaunliches herausgefunden.

In einer früheren Arbeit hatten sie Freund- und Feindschaften quasi physikalisch beschrieben. Demnach erfordert eine balancierte Verteilung weniger Energie zur Erhaltung als eine nichtbalancierte, berichteten die Forscher 2009 in den "Physical Review Letters". In diesem Modell tendiert also alles zu stabilen Zuständen - wobei es unter Umständen auch möglich ist, dass das Netzwerk in einem Zustand zwischen stabil und instabil verharrt.

In seiner neuen Studie, veröffentlicht im Fachblatt "Proceedings of the National Academies of Sciences", wählte das Team allerdings einen anderen Ansatz. Die Bindung zwischen zwei Personen i und j wird mit einer Zahl angegeben: xij. Sie kann im Prinzip jeden Wert annehmen. Je größer, umso fester die Freundschaft. Negative Zahlen stehen für Feindschaft.

Bei insgesamt n Personen in einem Netzwerk kann man diese Beziehungszahlen in eine quadratische Tabelle schreiben, mit n Zeilen und n Spalten. Diese sogenannte Matrix zeigt kompakt, wer wie zu wem steht. Und sie mutiert. Denn solange sich das System nicht in einem stabilen, statischen Zustand befindet, entwickeln sich die Freund- und Feindschaften, die Werte xij verändern sich.

Was Iris und Jens auseinanderbringt

Ein Beispiel: Iris (i) und Jens (j) sind miteinander befreundet, aber sie haben keine gemeinsamen Freunde. Vielmehr ist des einen Freund des anderen Feind. In diesem Fall ist es sehr wahrscheinlich, dass Iris und Jens über kurz oder lang ebenfalls zu Feinden werden - xij also negativ wird.

Ein anderes Beispiel: xij ist negativ, Iris und Jens sind also verfeindet. Doch sie haben viele gemeinsame Freunde. Dann wird xij über kurz oder lang positiv - die beiden freunden sich an.

Mathematisch lässt sich ein solches Phänomen mit einer Differentialgleichung beschreiben, die polnische Forscher 2005 entwickelt haben. Die Matrix ändert sich demnach im Zeitverlauf so, dass sowohl gemeinsame Freundschaften als auch gemeinsame Feindschaften die Freundschaft zweier Personen stärken. Ist der eigene Freund aber der Feind des anderen, schwächt dies die Bindung. Im Extremfall entstehen Feindschaften.

Strogatz und seine Kollegen rechneten dieses Modell mit verschiedenen Anfangsszenarien durch - mal mit sehr vielen Freundschaften, mal mit weniger. Am Ende waren nach einer Weile dann entweder alle Personen miteinander befreundet. Oder es kristallisierten sich zwei Gruppen heraus, die intern sämtlich befreundet, untereinander aber verfeindet waren.

Auch frühere Studien von Forscherkollegen hatten ein solches Ergebnis nahegelegt - doch nun weisen die US-Wissenschaftler nach, dass tatsächlich nur diese beiden Varianten existieren, keine Zwischenstufen.

Entweder Dauerstreit oder Harmonie

Das Modell ermöglicht sogar Voraussagen darüber, wie sich ein Netzwerk entwickelt. "Die anfängliche Verteilung der Freundschaften in großen Netzwerken entscheidet, ob sie in globaler Harmonie oder in einer dauerhaften Fehde enden", schreiben die Forscher. Je mehr Freundschaften es am Anfang gebe, umso wahrscheinlicher sei, dass alle Beteiligten zu Freunden werden.

Der wohl spannendste Teil der Studie ist die Überprüfung des Modells in der Wirklichkeit. Die Forscher untersuchten den schon 1977 von Wayne Zachary beschriebenen Zerfall eines Karate-Clubs an einer US-Universität. Die 34 Sportler hatten sich in zwei Gruppen gespalten, und Zachary untersuchte, wie viele außerhalb des Karate-Clubs miteinander zu tun hatten. Diese Verbindungen lassen sich durch Zahlen beschreiben, was die Forscher um Strogatz nun für ihre Freundschaftsmatrix nutzten. Sie starteten mit diesen Annahmen ihre Modellrechnung. Ergebnis: Für 33 der 34 Clubmitglieder sagten sie voraus, in welchem der zwei zerstrittenen Lager sie landen.

Auch bei einem ganz anderen Fall behauptete sich das Modell - nämlich bei der Entstehung der zwei feindlichen Lager im Zweiten Weltkrieg. Die Forscher starteten die Simulation 1939 mit Kriegsbeginn. Nach und nach mussten sich die involvierten Staaten entscheiden: Gehört man zu den Alliierten gegen Hitler oder zu den sogenannten Achsenmächten um Deutschland? Die Forscher benutzten als Ausgangswerte für ihre Freundschaftsmatrix den Grad der Zusammenarbeit zwischen zwei Ländern 1939. Ergebnis: Das Modell lag bei den allermeisten Staaten richtig, nur bei Dänemark und Portugal nicht.

Die Forscher glauben, dass ihre Methode auch bei anderen Netzwerken voraussagen kann, ob und welche Lager entstehen. Gerade für die gigantischen sozialen Netzwerke im Internet sind solche Studien von großem Interesse - kein Wunder, dass Google, Yahoo und Microsoft die Studie mitfinanziert haben.

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1. Warum der Feind meines Feindes mein Freund ist
Paul Newman 04.01.2011
Zitat von sysopMit wem befreunde ich mich, wer wird mein Feind? Forscher haben festgestellt, dass es für Beziehungen in menschlichen Gemeinschaften fast*zwangsläufig nur zwei Endpunkte gibt: Entweder*werden alle Freunde und haben sich lieb - oder die Gruppe zerfällt in exakt zwei Lager, die sich hassen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,737476,00.html
[QUOTE=sysop;6898269] Der Feind meines Feindes ist mein Freund: Dieses Prinzip ist nicht neu und vor allem linke unbd rechte Israel- und Judenhasser scheinen es zu praktizieren. Für diese Personengruppe ist das islamfaschistische iranische Mullahregime seit seiner Israel-Vernichtungsphantasie das Paradies auf Erden, das "natürlich Atomkrafwerke bauen darf".
2. Psychologisches Allgemeinwissen
Transmitter, 04.01.2011
Zitat von sysopMit wem befreunde ich mich, wer wird mein Feind? Forscher haben festgestellt, dass es für Beziehungen in menschlichen Gemeinschaften fast*zwangsläufig nur zwei Endpunkte gibt: Entweder*werden alle Freunde und haben sich lieb - oder die Gruppe zerfällt in exakt zwei Lager, die sich hassen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,737476,00.html
Das weiß die Evolutionspsychologie schon immer. Homo sapiens ist so geprägt, seit ein paar hunderttausend Jahren so geprägt. Nur gut, dass es seit ein paar Jahren die Reformpädagogik und die libertine Gutmenschen-Zivilisation gibt. Die haben uns allen diese furchtbar gewaltbereite Ur-Prägung ja endlich ein für allemal ausgetrieben, nicht? Wir kennen keine Abgrenzungen mehr und haben uns alle ganz doll lieb. Insbesondere unsere lieben Mitbürger mit mulimischem Migrationshintergrund haben wir lieb zu haben. Auch wenn die uns nicht ganz so doll lieb haben.
3. Unglaublich,...
boo79 04.01.2011
... dass jede Idiotie heutzutage untersucht werden muss. Mann, Mann, dafür braucht man doch wahrlich keine hochbezahlten Wissenschaftler und eine hochgejazzte Studie, um zu diesem Ergebnis zu kommen - ein bisschen Lebenserfahrung und Hobbypsychologie reicht.
4. Interessant!
Tastenhengst, 04.01.2011
Zitat von TransmitterDas weiß die Evolutionspsychologie schon immer. Homo sapiens ist so geprägt, seit ein paar hunderttausend Jahren so geprägt. Nur gut, dass es seit ein paar Jahren die Reformpädagogik und die libertine Gutmenschen-Zivilisation gibt. Die haben uns allen diese furchtbar gewaltbereite Ur-Prägung ja endlich ein für allemal ausgetrieben, nicht? Wir kennen keine Abgrenzungen mehr und haben uns alle ganz doll lieb. Insbesondere unsere lieben Mitbürger mit mulimischem Migrationshintergrund haben wir lieb zu haben. Auch wenn die uns nicht ganz so doll lieb haben.
In einem präzise aufgestellten Modell mathematisch beweisen konnte die Evolutionspsychologie aber noch nie. Was das "Wissen" dieser Disziplinen arg ambivalent erscheinen läßt.
5. ---
runzel 04.01.2011
Was meine Beziehung zu A nun B angeht oder gar betrifft/betreffen soll, habe ich noch nie verstanden und werde ich wohl auch nicht.
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