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Gruppendynamik: Die Bestrafung der Gutmenschen

Von Andreas Maisch

Wenn Gruppenmitglieder die Egoisten unter sich bestrafen, arbeiten sie besser zusammen. Jetzt zeigt eine globale Studie: In einigen Ländern werden auch jene in die Mangel genommen, die sich für die Gruppe engagieren - ein bisher unbekanntes Phänomen in der Verhaltensforschung.

Egal ob es ums Steuern zahlen, den Schutz der Umwelt oder Energiesparen geht - das Wohl aller ist vor allem durch eins gefährdet: den Egoismus des Einzelnen. Wenn ich keine Steuern zahle, habe ich mehr Geld auf dem Konto, aber wenn es alle machen, bricht das System zusammen. Genau diesen Wettstreit zwischen Egoismus und Eintreten fürs Allgemeinwohl simulierten jetzt Forscher rund um den Globus - mit erstaunlichen Ergebnissen, wie sie in der aktuellen Ausgabe von "Science" berichten.

Rote Karte in Bundesligaspiel (Archivfoto): In Gemeinschaften mit anerkannten Regeln werden Bestrafungen eher akzeptiert
DPA

Rote Karte in Bundesligaspiel (Archivfoto): In Gemeinschaften mit anerkannten Regeln werden Bestrafungen eher akzeptiert

Boston, Bonn, Riad - in 16 über die ganze Welt verteilten Städten ließen Wirtschaftswissenschaftler der Universitäten Nottingham und St. Gallen insgesamt 1120 Studenten folgendes Spiel spielen: Jeder von vier Mitspielern bekommt 20 Marken, die er behalten oder für ein gemeinsames Projekt spenden kann. Wird etwas in den Gruppentopf gegeben, bekommt jeder 40 Prozent davon - egal, ob er selbst was einzahlt oder nicht.

Was also tun? Behalte ich meine Marken und sahne trotzdem ab, weil die anderen schon bezahlen werden? Oder bezahle ich und hoffe, dass es alle tun und wir gemeinsam verdienen? Denn wenn alle Gruppenmitglieder ihren gesamten Einsatz hergeben, konnte jeder 32 Marken verdienen - die am Ende gegen echtes Geld eingetauscht werden durften.

Die vier Teilnehmer einer Gruppe waren über Computer verschaltet und bekamen über die anderen Teilnehmer nur eine einzige Information: Wie viel jeder in den Gruppentopf gespendet hat. Bei zehn Spielrunden erweiterten die Forscher die Handlungsoptionen. Die Teilnehmer bekamen die Möglichkeit, ihre Mitspieler jeweils nach Abschluss der Runde zu bestrafen: Für den Einsatz von einer Marke konnten sie bestimmen, dass einem Mitspieler drei Marken abgezogen werden. Die Teilnehmer erfuhren anschließend nicht, von wem sie bestraft wurden.

Geld für alle investieren?

Es zeigte sich, dass Bestrafung die Kooperation auf der ganzen Welt fördert: Ohne Bestrafung nahm hingegen die Bereitschaft, Geld für das gemeinsame Projekt zu geben, von Durchgang zu Durchgang ab - egal ob in Minsk, Zürich oder Seoul. Ergebnis: Die Spieler opfern etwas von sich, um einen Trittbrettfahrer in die Schranken zu weisen und der Gruppe Gutes zu tun. Für dieses Verhalten hat die Wissenschaft bereits einen paradoxen Namen erfunden: altruistisches Bestrafen.

Aber in den Untersuchungen trat ein bisher noch unbekanntes Verhalten auf: Menschen bestraften nicht nur Gruppenmitglieder, die weniger als sie selbst bezahlten, sondern auch jene, die mehr als sie selbst in den Gruppentopf warfen. Die Wissenschaftler sprechen von antisozialer Bestrafung, da die Teilnehmer andere ja nicht wegen des sozialen Zusammenhalts abwatschen. Ein Phänomen, das in der bisherigen Erforschung von Gruppenverhalten keine Rolle spielte.

In einigen Ländern war antisoziales Bestrafen sogar stärker ausgeprägt als die Bestrafung von Trittbrettfahrern - mit enormen Auswirkungen auf das Kooperationsverhalten. Denn je höher die Bereitschaft zu antisozialem Bestrafen in einem Land war, desto niedriger fiel die Kooperationsbereitschaft aus.

Strafen akzeptieren oder ablehnen

Aber warum bestrafen Menschen andere Menschen, obwohl diese doch mehr für die Gruppe tun? Warum müssen Menschen für ihr kooperatives Verhalten auch noch büßen?

Ein Erklärungsansatz der Wissenschaftler: Die Trittbrettfahrer akzeptieren die Strafe nicht und rächen sich an den Gutmenschen, weil sie vermutlich ja gerade von diesen bestraft wurden. Dazu passt, dass die Teilnehmer umso stärker antisozial bestraften, je mehr sie zuvor von der Gruppe in die Mangel genommen wurden.

Hier scheinen kulturelle Faktoren entscheidend zu sein, denn im Gegensatz zur Bestrafung der Trittbrettfahrer war antisoziales Bestrafen in den verschiedenen Ländern unterschiedlich ausgeprägt. Während in Boston, Melbourne oder Kopenhagen fast ausschließlich die Schmarotzer abgewatscht wurden, traf es in Riad, Athen oder Muscat in Oman auch die Kooperativen. Ein Verdacht, den die Wissenschaftler bereits vor den Untersuchungen hatten. Deshalb hatten sie Länder anhand bestehender Daten gezielt ausgewählt, um eine möglichst große kulturelle Variation zu erhalten.

Es habe sich gezeigt, dass antisoziales Bestrafen besonders in den Ländern ausgeprägt sei, in denen Normen des sozialen Zusammenhalt und das Vertrauen in den Rechtsstaat gering ausgeprägt wären, schreiben die Forscher. "Wenn ein Rechtsstaat als funktionierend wahrgenommen wird, akzeptieren Trittbrettfahrer anscheinend ihre Bestrafung und rächen sich nicht", so Co-Autor Christian Thöni von der Universität St. Gallen gegenüber SPIEGEL ONLINE. Und wenn die Schmarotzer von der Gruppe diszipliniert werden könnten, steige die Kooperationsbereitschaft insgesamt. Deshalb sollten formale und informelle Kontrolle auch nicht gegeneinander ausgespielt werden, meint Thöni: "Unsere Ergebnisse deuten an, dass ein funktionierender Rechtsstaat und die Kontrolle untereinander Hand in Hand gehen sollten".

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