Gruppendynamik Verzicht aufs Rauchen ist ansteckend

Wenn der beste Freund aufhört, ist man selbst der nächste: Der Trend zum Nichtrauchen breitet sich auf ähnliche Weise aus wie Epidemien, haben Forscher herausgefunden. Soziale Gruppen schwören meist zeitgleich dem Tabak ab.


Ein Mensch kann Menschen beeinflussen, die er gar nicht kennt. US-Forscher haben diese These jetzt auf einem Gebiet bestätigt, wo man es zunächst kaum vermuten würde: dem Nichtrauchen. Mit dem Rauchen aufzuhören, ist in sozial gleichen Gruppen offenbar ansteckend, schreiben die Wissenschaftler im "New England Journal of Medicine".

Zigaretten-Kippen: Das Aufhören steckt an
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Zigaretten-Kippen: Das Aufhören steckt an

Bei einer Analyse der sozialen Netze von rund 12.000 Untersuchungsteilnehmern fanden Nicholas Christakis und seine Kollegen von der Harvard University heraus, dass gesellschaftliche Gruppen von Menschen, die sich nicht persönlich kannten, häufig zeitgleich auf das Rauchen verzichteten. Ursache für das Nichtrauchen seien meist ein "kultureller Wandel" oder eine "Änderung des Zeitgeistes" innerhalb dieser Gruppen.

"Das eigene Rauchverhalten hängt nicht nur von dem der eigenen Bekannten ab, sondern auch vom Verhalten jener Menschen, die die Bekannten kennen", sagte Christakis. Die Studie ergab allerdings auch, dass der größte Einfluss von nahestehenden Personen ausgeht. Wenn der eine Ehepartner aufhört zu rauchen, macht es der andere auch - und zwar mit einer Wahrscheinlichkeit von 67 Prozent. Wenn Freunde dem Tabak abschwören, beträgt die Wahrscheinlichkeit, es ihnen gleich zu tun, 36 Prozent. Ähnlich groß ist die Rate bei Arbeitskollegen und Geschwistern.

Die Nichtraucherstudie reiht sich ein in frühere Untersuchungen des Teams von Christakis. So hatten die Forscher nachweisen können, dass Fettsucht ansteckend ist - ähnlich wie auch politische Meinungen und Alkoholismus. Der Mensch unterliege auch dem Einfluss von Leuten, die er gar nicht kenne, sagte Christakis in einem SPIEGEL-ONLINE-Interview.

Die Erkenntnisse der Forscher basieren auf Daten aus der sogenannten Framingham Heart Study. Von 1971 und 2003 wurden darin Informationen über 12.067 Bewohner einer Vorstadt von Boston kontinuierlich erfasst, unter anderem jegliche Veränderung im familiären Umfeld, jede Heirat und jeder Todesfall. Die Teilnehmer gaben zudem Auskünfte über ihre Freunde, Arbeitskollegen und Nachbarn. So konnten die Forscher mehr als 53.200 zwischenmenschliche Beziehungen untersuchen.

hda/AFP/AP



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