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Gruppenexperiment: Bushs Gesicht macht aggressiv

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Mächtige Menschen rufen heftige Reaktionen hervor, sei es Bewunderung oder Ablehnung. Psychologen haben jetzt herausgefunden, dass US-Präsident George W. Bush etwas Besonderes ist. Sein Anblick macht immer aggressiv - und zwar nicht nur seine politischen Gegner.

George W. Bush: Das Bild des US-Präsidenten löst Aggressionen aus
REUTERS

George W. Bush: Das Bild des US-Präsidenten löst Aggressionen aus

Kaum ein Mann löst weltweit stärkere Emotionen aus, als der amtierende US-Präsident. Auf den Straßen arabischer Städte gehen Bush-Puppen regelmäßig in Flammen auf, und selbst in Europa stößt der Führer der westlichen Welt zuweilen auf heftige Ablehnung. Überall ist Bush medial präsent, er taucht im Fernsehen auf, ist auf Zeitschriftentiteln, Plakaten und sogar auf Kaffeetassen abgebildet.

Jetzt haben amerikanische Psychologen untersucht, wie all die Bilder auf den Betrachter wirken - und dabei Erstaunliches festgestellt: Bush macht aggressiv, und zwar nicht nur seine politischen Gegner. Am Donnerstag werden die Ergebnisse bei einer Konferenz der American Psychological Society in Chicago vorgestellt.

Fußtritte statt Liebe

In der Studie, die Sara Konrath und Norbert Schwarz von der University of Michigan und Brian P. Meier von der North Dakota State University durchführten, wurde den Versuchspersonen nicht verraten, dass es in Wirklichkeit um den Einfluss von Bildern des Präsidenten auf ihre Gefühle ging. Stattdessen wurde behauptet, man wolle ihre Fähigkeit zur Einordnung von Bildern testen.

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Spaltpilz: Bushs Gesicht macht aggressiv

Die Teilnehmer bekamen mehrmals hintereinander Fotos gezeigt, auf denen entweder Bush oder ein Stuhl zu sehen war, und mussten sie dann so schnell wie möglich mit "Bush" oder "Stuhl" benennen. Direkt danach zeigte man ihnen jeweils ein Wort - entweder ein aggressives wie "Tritt" oder ein freundliches wie "Liebe" oder "Lob". Die Wörter mussten per Tastendruck so schnell wie möglich als "aggressiv" oder "hilfreich" eingestuft werden, die Reaktionszeiten wurden erfasst.

Bush mit Hund "Barney" beim Salut-Versuch: Wer wirkt netter?
SUSAN WALSH / AP

Bush mit Hund "Barney" beim Salut-Versuch: Wer wirkt netter?

Tatsächlich drückten die Teilnehmer nach einem Bush-Bild die Taste für das aggressive Wort viel schneller als nach dem Anblick eines Sitzmöbels. Auch für positiv besetzte Wörter brauchten sie länger, wenn sie zuvor den Präsidenten gesehen hatten. Die Psychologen ziehen in einem noch unveröffentlichten Artikel zu dem Experiment die Schlussfolgerung, dass schon der bloße Anblick Bushs, konstruktives Denken torpediert: "Bilder von Präsident Bush in den Medien können die ungewollte Konsequenz haben, aggressive Gedanken zu aktivieren und hilfreiche Gedanken zu hemmen."

Bush macht selbst Republikaner grimmig

Überraschend ist vor allem die Tatsache, dass Bush-Fotos jeden aggressiv machten - unabhängig von der politischen Einstellung. Eher konservative Versuchspersonen reagierten ebenso grimmig auf Bilder ihres Präsidenten wie Teilnehmer aus dem linken Spektrum.

In einem zweiten Experiment wurde das Ergebnis deshalb mit einer leicht veränderten Methode überprüft: Jetzt sahen die Versuchspersonen neben den Bush-Bildern keine Fotos von Stühlen, sondern von seinem demokratischen Vorgänger und Praktikantinnen-Verführer Bill Clinton. Die konservativen Versuchspersonen waren nun schneller nach Bildern des Demokraten aggressiv, während die liberaler eingestellten Teilnehmer weiterhin von Bush wütend gemacht wurden. Das Fazit: Bushs Gesicht bringt politische Gegner grundsätzlich auf die Palme - und seine Anhänger wenigstens nur dann, wenn gerade kein politischer Gegner zu sehen ist.

Menschen werden untereinander aggressiv

US-Präsident Bush mit einem Wachsoldat vor dem Buckingham Palace in London: Nicht jeder darf Gefühle zeigen
AP

US-Präsident Bush mit einem Wachsoldat vor dem Buckingham Palace in London: Nicht jeder darf Gefühle zeigen

Damit nicht genug: Bushs Anblick, fanden die Wissenschaftler heraus, bringt die Menschen nicht nur gegen den Präsidenten, sondern auch gegeneinander auf. Die Versuchspersonen lasen, nachdem sie ein Präsidentenbild gesehen hatten, eine Geschichte. Deren Hauptfigur Donald verhielt sich mehrdeutig, je nach Interpretation mehr oder weniger aggressiv. Beispielsweise weigerte sich Donald, seine Miete zu bezahlen, bis der Vermieter seine Wohnung streichen ließ. Die demokratischen Teilnehmer, die ein Bild von Bush gesehen hatten, fanden Donald aggressiver als die, denen ein Clinton-Bild gezeigt worden war.

Selbst die Psychologen blieben vom Gift des Bush-Anblicks nicht verschont und wurden am Ende von den links orientierten Teilnehmern für die Präsidenten-Show abgestraft. Nach dem Experiment sollten die Teilnehmer die Qualität der Studie bewerten. Obwohl sie annehmen mussten, dass ihre Bewertung in die Abschlussnote einer Studentin eingehen würde, vergaben die linksorientierten Teilnehmer nach der Betrachtung des Präsidentenkonterfeis deutlich schlechtere Noten als die, denen ein Clinton-Bild gezeigt worden war. Bei den republikanisch eingestellten Versuchspersonen gab es keine Unterschiede.

Die Forscher zeigten sich überrascht von den eigenen Ergebnissen: Die als menschenfreundlich betrachteten "Liberals" werden ausgerechnet dann aggressiver, wenn sie den für seine angriffslustige Politik kritisierten George Bush sehen. "Präsident Bush hat möglicherweise einen ironischen Effekt auf Liberale", so die Psychologen. "Ihn zu sehen, könnte sie dazu bringen, ihre Umgebung als feindseliger wahrzunehmen und sich aggressiver zu verhalten als üblich."

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