Luftbild-Archäologie So sieht der Maya-Regenwald ohne Bäume aus

Im Februar sorgte ein angeblicher Sensationsfund für Aufsehen: Forscher hatten im Regenwald von Guatemala bisher unbekannte Strukturen der Mayakultur geortet. Nun haben sie neue Daten veröffentlicht.

Luke Auld-Thomas and Marcello A. Canuto/PACUNAM

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Als Archäologe im Mayatiefland hat man es nicht leicht. Bevor man mit der eigentlichen Arbeit beginnen kann, muss jede Menge Urwald gerodet werden - ein anstrengender Job.

Die Vegetation hat die uralten Mayastadtstaaten schon lange überwuchert - kurz nachdem die Menschen aus immer noch nicht vollends geklärten Gründen die Metropolen im zehnten Jahrhundert nach Christus verlassen hatten. Noch heute sind weite Teile um das Länderdreieck Guatemala, Mexiko und Belize, dem Mayatiefland, von dichtem Urwald überwuchert.

Deshalb ist es häufig schwer, mögliche Fundplätze überhaupt erst zu entdecken. Abhilfe schafft die Lidar-Vermessungstechnik (Light Detection and Ranging). Beim sogenannten Airborne Laser Scanning wird mit einem Laser von einem Flugzeug aus der Boden abgetastet - so lassen sich genaue 3D-Modelle der Oberfläche erstellen. Und das ohne Vegetation, denn die kann von einer Software erkannt und herausgerechnet werden.

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Guatemala: Maya-Archäologie in 3D

Welches Potenzial in der Technik steckt, war erst im Februar deutlich geworden. Damals hatten Archäologen bekannt gegeben, mit Lidar-Technik den Urwald vermessen zu haben. Dabei sollen viele Strukturen, darunter auch etliche bisher unbekannte, sichtbar gemacht worden sein - sie liegen alle im Norden von Guatemala.

Was die Forscher um Marcello Canuto von der Tulane University in New Orleans dabei genau fanden, zeigt nun eine Studie, die im Fachmagazin "Science" veröffentlicht wurde.

Die Forscher hatten im Jahr 2016 insgesamt zwölf Gebiete um bekannte Mayastädte erkundet, darunter Orte wie Tikal, El Perú, La Corona oder Uaxactún. Mehr als 2100 Quadratkilometer sind erfasst worden - es ist das größte Projekt dieser Art in der Region. Nachdem die Daten in eine GIS-Software (Geoinformationssystem) eingelesen wurden, konnten die Gebiete analysiert werden.

Dabei wurde sichtbar, was Archäologen schon länger über die Region wissen: Überall im Regenwald liegen Reste der Mayakultur - mehr als 61.000 archäologische Strukturen wurden gefunden. Darunter befinden sich Wege, Pyramiden oder künstlich angelegte Plattformen, auf denen einst Hütten aus Holz standen - sie sind heute nicht mehr erhalten.

Etwa 29 solcher Strukturen pro Quadratkilometer ermittelten die Archäologen. Zudem unterteilten die Forscher sie nach ihrer Nutzung, etwa in Siedlungsflächen, Bereiche für die Landwirtschaft oder zur Verteidigung. Anschließend erstellten sie demografische Schätzungen für die Zeit zwischen der Mitte des sechsten und dem achten Jahrhundert nach Christus. Demnach könnten während dieser Zeit bis zu elf Millionen Menschen im Mayatiefland gelebt haben - die Zahl liegt deutlich über älteren Hochrechnungen.

Die Studie zeige, dass die Stadtstaaten gerade in den Randbezirken sehr viel ausgedehnter waren, als man bisher angenommen hat, schreiben die Forscher. Demnach hat es zwischen den dicht besiedelten, großen Zeremonialzentren, die man heute weitgehend archäologisch erschlossen hat, weitreichende Gebiete mit ländlicher Bevölkerung gegeben.

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Maya-Archäologie: Das Papier aus der Höhle

Um eine solch große Bevölkerung zu versorgen, sei ohne Zweifel auch eine entsprechende landwirtschaftliche Intensivierung nötig gewesen. Dafür müssen große Teile der Feuchtgebiete in der gesamten Region für landwirtschaftliche Zwecke erschlossen worden sein.

Dass die Maya Sümpfe trockenlegten, ist schon aus früheren Untersuchungen bekannt. Forscher wie der Bonner Maya-Experte Nikolai Grube haben zudem bereits im Februar angemerkt, dass die Arbeit keine grundsätzlichen neuen Erkenntnisse liefere, sie sei ein Gewinn an Quantität, nicht aber an Qualität.

Zwar sei die Vermessung der Region durch Lidar-Technik ein wichtiger Ansatz, um die Gebiete besser zu erkunden. Aber neue Städte, wie es einige Medien berichtet hatten, sind nicht gefunden worden.

Beanstandung gab es auch an der Art und Weise der Veröffentlichung - zuerst erschienen die Ergebnisse exklusiv in "National Geographic". Wie einige andere Forscher auch kritisiert etwa der Archäologe Michael E. Smith von der Arizona State University in seinem Blogg "publishingarchaeology" diese Vorgehensweise. Die Ergebnisse seien übertrieben und verzerrt dargestellt worden. Zudem wurden sie nicht, wie bei Studien-Veröffentlichungen in seriösen Fachzeitschriften eigentlich üblich, einer Peer Review unterzogen. Dabei begutachten unabhängige Experten die Ergebnisse von Forschern vor der Veröffentlichung .

Immerhin sind sich die beiden Forscher Anabel Ford und Sherman Horn in einem Begleitartikel zu der "Science"-Studie einig: Lidar-Daten sind ein unschätzbar wertvolles Hilfsmittel für Maya-Archäologen. Aber auch in Zukunft werden sich Ausgräber ihre Stiefel anziehen müssen, um die Oberflächenkarten persönlich im Urwald etwa auf Fehler zu prüfen. Die mühsame Arbeit am Boden wird die Technik nicht ersetzen können.

Das sehen wohl auch die Autoren der Studie so. Bereits im vergangenen Jahr haben sie in einigen der gescannten Regionen Testgrabungen durchgeführt, schreiben sie.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
upalatus 28.09.2018
1.
In unserer örtlichen Archäologie kann man die Technik in Form von Schummerungsbildern abrufen. Das virtuelle Bild dürfte den baumlosen Originalzustand des Bautenensembles zeigen. Auch unsere hiesigen, wildromantisch umrankten Burgruinen waren zur Nutzungszeit brutal freistehend. Kaum ein Bäumchen rundum, welches die freie Sicht beeinträchtigen hätte können. Zudem nahe Bäume und Gesträuch die Bausubstanz auch seinerzeit zuverlässig geliefert hätte.
doitwithsed 28.09.2018
2.
Zitat von upalatusIn unserer örtlichen Archäologie kann man die Technik in Form von Schummerungsbildern abrufen. Das virtuelle Bild dürfte den baumlosen Originalzustand des Bautenensembles zeigen. Auch unsere hiesigen, wildromantisch umrankten Burgruinen waren zur Nutzungszeit brutal freistehend. Kaum ein Bäumchen rundum, welches die freie Sicht beeinträchtigen hätte können. Zudem nahe Bäume und Gesträuch die Bausubstanz auch seinerzeit zuverlässig geliefert hätte.
Wenn Sie Örtlichkeiten in NRW untersuchen wollen, können Sie die hochauflösenden Höhendaten (Digitales Geländemodell Gitterweite 1m) als Open Geodata frei herunterladen und eigene 3D Modelle berechnen lassen, die Sie dann beliebig am Bildschirm rotieren und mit dem 3D Drucker ausdrucken können. https://www.opengeodata.nrw.de/produkte/geobasis/dgm/dgm1/ Thüringen hat seine Daten auch freigegegen, die anderen Bundesländer hocken aber weiter auf die mit Steuermitteln finanzierten Höhenmessdaten und verkaufen Ihnen Auschnitte davon für teures Geld.
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