Gute Algenverwerter Japaner haben Darmbakterien mit Sushi-Genen

Eigentlich sind Meeresalgen nicht besonders leicht verdaulich. Doch Japaner sind mit dem passenden Werkzeug gerüstet: Im Darm leben Keime, die dasselbe stärkespaltende Enzym wie ein Meeresbakterium produzieren. Offenbar haben die japanischen Bakterien das Gen im Laufe der Zeit übernommen.

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Roher Fisch, schleimige Pilze, wabbelige Meeresalgen - Sushi und andere japanische Kost sind nicht jedermanns Sache. Und nicht jeder Darm kommt gleich gut damit zurecht. Kein Wunder, denn möglicherweise fehlt den nicht-asiatischen Mägen ein entscheidendes Werkzeug, das bei der Verdauung hilft.

Japaner dagegen, das haben Wissenschaftler jetzt herausgefunden, haben zumindest mit den Meeresalgen kein Problem. In ihrer Darmflora leben Bakterien, die mit besonderen Genen ausgestattet sind. Daraus produzieren die Mikroben Enzyme, welche besonders effizient bei der Verdauung der Algen helfen, schreiben die Forscher um Mirjam Czjzek und Gurvan Michel von der Pariser Université Pierre et Marie Curie im Fachblatt "Nature".

Nichts wäre also naheliegender, als diese Gene als "Sushi-Gene" zu bezeichnen. Doch was bewirken diese Bestandteile des Darmbakterien-Erbguts? Die Darmflora fördert nicht nur den Aufbau und den Erhalt der Darmschleimhaut. Sie ist auch an der Abwehr von Krankheitserregern beteiligt und hilft dabei, Nahrung aufzuspalten. Sie stellt so dem Körper die einzelnen Nährstoffe bereit und versorgt ihn mit Energie.

Für gewöhnlich produzieren Darmbakterien Enzyme, die bei der Spaltung von sogenannten Polysacchariden, wie etwa Stärke, eine Rolle spielen. Diese sind eigentlich auf die Verarbeitung von Polysacchariden aus Pflanzen spezialisiert, die auf dem Boden vorkommen und die die menschliche Nahrung im Laufe der Evolution dominierten. Experten nennen diese Proteine CAZymes (aus dem englischen "carbohydrate active enzymes"). Die Darmflora ist mit einigen Hunderten solcher CAZymes bestückt. Doch bisher wusste man nicht, wie sich diese Enzyme im Laufe der Evolution entwickelt und so verschieden spezialisiert haben.

Algen der Gattung Porphyra sind fester Bestandteil im japanischen Speiseplan

Michel und Kollegen haben nun erstmals bestimmte CAZyme charakterisiert, die ursprünglich in dem Meeresbakterium Zobellia galactanivorans vorkommen, das sich von Algen ernährt. Diese CAZyme sind für die Spaltung von Polysacchariden aus der Meeresalge der Gattung Porphyra zuständig - just diese Algen landen häufig auf japanischen Tellern.

Die Forscher fanden die entsprechenden Gene in einer Bakterienart namens Bacteroides plebeius, die in den Därmen von Japanern lebt: Dazu verglichen die Erbanlagen der Darmbakterien aus den Exkrementen von 13 Japanern und 18 Nordamerikanern. Während die Wissenschaftler bei allen Japanern verschiedene Gene, die für die Stärkespaltung aus Meeresalgen zuständig sind, aus Bacteroides plebeius fanden, konnten sie in den Amerikanern keinerlei dieser Gene nachweisen.

Offenbar, das schließen die Forscher aus ihren Untersuchungen, hat die Bakterienart Bacteroides plebeius - die in der Darmflora von Japanern sehr häufig zu finden ist - die Gene im Laufe der Evolution von marinen Mikroorganismen übernommen. Für die Japaner ist das ein großer Vorteil, denn Sushi wird traditionell mit Algenblättern zubereitet: Porphyra-Algen sind in Japan seit Jahrhunderten fester Bestandteil des Speiseplans. Sie werden unter anderem zu Nori-Blättern verarbeitet, die dann die Sushi-Häppchen umhüllen. Der regelmäßige Kontakt mit marinen Mikroorganismen - etwa über Sushi - habe den Ozean-Genen vermutlich den Weg in den Verdauungstrakt geebnet, meinen die Forscher.

cib/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
af1755, 09.04.2010
1. Na und?
Zitat von sysopEigentlich sind Meeresalgen nicht besonders leicht verdaulich. Doch Japaner sind mit dem passenden Werkzeug gerüstet: Im Darm leben Keime, die dasselbe Stärke spaltende Enzym wie ein Meeresbakterium produzieren. Offenbar haben die japanischen Bakterien das Gen im Laufe der Zeit übernommen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,688027,00.html
Tja...und Europäer verdauen eben Milch und Alkohol besser, also?
AKI CHIBA 09.04.2010
2. Sag mir, wer in deinem Darm lebt
Zitat von sysopEigentlich sind Meeresalgen nicht besonders leicht verdaulich. Doch Japaner sind mit dem passenden Werkzeug gerüstet: Im Darm leben Keime, die dasselbe Stärke spaltende Enzym wie ein Meeresbakterium produzieren. Offenbar haben die japanischen Bakterien das Gen im Laufe der Zeit übernommen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,688027,00.html
und ich sage dir, wie lange du lebst! Auf den Sushi-Inseln lebt man -so geht die Mär- besonders lange. Man muss halt lernen mit den Meeresalgen fertig zu werden. Lernen wir von den lernbeflissenen Japanern. Sie sind enzymmäßig nicht gerade vorteilhaft ausgestattet, was den Alkohol betrifft. Zu nicht wenigen muss man schon nach einem Krug Bier oder zwei Schälchen Sake sagen: ....hoho ga akai! (Der ehrenwerte Mittrinker möge aufpassen, er hat schon rote Backen). Es gibt aber eine zunehmende Anzahl wacker trinkender Japaner, die diesen Enzymmangel offensichtlich durch unermüdliches Trainieren überwinden. Essen wir Sushi und Seealgen!
Daniel28, 09.04.2010
3. Interessant aber
Interessant aber nicht überraschend. Die Evolutionstheorie lässt so einen Befund erwarten.
GAPDH 09.04.2010
4. Gvo
Falls sich diese Theorie bewahrheiten sollte, wirft sie eine überaus interessante und wichtige Frage nach den gesundheitlichen Auswirkungen gentechnisch veränderter Pflanzen in der Landwirtschaft auf. Wenn es die Coli-Bakterien im Darm geschafft haben fremde DNA funktionsfähig in ihr eigenes Genom zu übernehmen, dann besteht durchaus auch die Möglichkeit, dass künstliche Gene aus Pflanzen, die zB ihre eigenen Insektizide herstellen, in absehbarer Zeit auch von denen in Futtertieren und letztlich damit auch wieder von denen im Menschen aufgenommen werden können. Es stellt sich natürlich die Frage nach dem Selektionsdruck, der diese Entwicklung unterstützt und damit möglich macht. Nichtsdestotrotz wäre das den Bekundungen der Konzerne entgegen beunruhigend. Besonders verwunderlich ist es allerdings nicht, bedenkt man die vielen evolutionären Veränderungen. Die Endosymbiontenhypothese behauptet ja sogar, dass komplette Organismen symbiotisch von einem anderen Lebewesen aufgenommen wurden. Und von nichts hat der Mensch auch nicht "gelernt" Fleisch und Pflanzen zu verdauen.
albert schulz 09.04.2010
5. Irgendwie schon saumäßig informativ.
Aber es wird nicht erklärt, wie man so etwas Geschmackloses wie Sushi überhaupt essen kann oder mag, oder warum ausgerechnet Japaner dieses dröge Zeug in sich hineinwürgen. Interessant aber wieder mal gar nicht beleuchtet wurde die Frage, ob wir Deutschen Schweinegene haben. Einfach um Vergleiche abstellen zu können, und um diese ungeheure Neuigkeit in einem allgemeinen Kontext zu begreifen.
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