Gute-Laune-Psychologie Reden hilft wirklich

Es könnte eine Gute-Laune-Mechanik sein, die US-Forscher im Gehirn ihrer Probanden beobachtet haben: Wenn Menschen negative Emotionen aussprechen, dann dämpft das Denkorgan offenbar Ärger oder Traurigkeit. Die Psychologen sehen davon eine alte Weisheit bestätigt.


Reden tut gut - diese Erfahrung hat schon beinahe jeder Mensch gemacht: Über Traurigkeit und Ärger zu sprechen hilft, und das ganz gleich, ob mit einem Vertrauten, dem Therapeuten oder einfach nur mit einem netten Barkeeper. Eine mögliche Erklärung dafür ist die Impulskontrolle im menschlichen Gehirn.

Das fanden Matthew Lieberman und seine Kollegen von der University of California in Los Angeles heraus, als sie 30 Freiwillige im Hirnscanner untersuchten. Die 18 Männer und 12 Frauen sollten sich Fotos von Gesichtern mit traurigem oder ärgerlichem Gesichtsausdruck anschauen. Dabei zeichneten die Forscher die Aktivität in den unterschiedlichen Bereichen der Probandenhirne auf.

Wenn die Versuchspersonen den traurig oder ärgerlich dreinschauenden Fotos Namen wie Sally oder Harry zuordnen sollten, zeigte die Amygdala starke Aktivität. Dieser Bereich ist unter anderem für die Verarbeitung von Angst, Panik und anderer starker Emotionen zuständig. In einer Variation des Experiments forderten Lieberman und seine Kollegen die Probanden dann ganz schlicht auf: Sag, was du siehst!

Als dann die Versuchspersonen traurige Gesichter mit "traurig", ärgerliche mit "ärgerlich" bezeichneten, ging die Aktivität der Amygdala merklich zurück. Das berichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift "Psychological Science". "Es scheint, als dämpfe das die Reaktion in diesen grundlegenden emotionalen Schaltungen im Gehirn", sagte Lieberman. Unterschiede zwischen der Vornamen-Variante und der Nennung eines emotional beschreibenden Worts fanden die Forscher auch in einem zweiten Hirnareal, dem ventrolateralen präfrontalen Cortex - dort werden Impulse kontrolliert.

Bewegungszentrum als Dämpfer

"Das ist der einzige Bereich im gesamten Gehirn, der aktiver ist, wenn man ein Emotionswort statt eines Vornamens fürs Foto auswählt", sagte Lieberman. Dieselbe Gegend im Denkorgan ist auch für motorische Kontrolle - also Bewegungen - zuständig. Lieberman sieht hier eine mögliche Erklärung: Wenn man auf eine rote Ampel zufahre, dann müsse man andere Reaktionen unterdrücken, um erstmal auf die Bremse treten zu können. "Dieselbe Region könnte so auch helfen, emotionale Reaktionen zu unterdrücken", sagte er. Das wäre eine plausible Erklärung für den hilfreichen Effekt, den viele Menschen erleben, wenn sie im persönlichen Gespräch negative Emotionen erst einmal benennen und aussprechen - nämlich, dass sie nachlassen.

Gefühle in Worte zu fassen, stehe ja bereits lange im Verdacht, beim Verarbeitung von negativen Gefühlen zu helfen, schreiben die Wissenschaftler, aber bis jetzt seien die Mechanismen dieses positiven Effekts unbekannt gewesen.

Ob Untersuchungen mit der von Lieberman verwendeten funktionalen Magnetresonanztomografie (fMRT) jedoch ausreichen, um komplexe Vorgänge im Gehirn wirklich nachvollziehen zu können, ist unter Experten durchaus umstritten: Was das bildgebende Verfahren darzustellen vermag, ist nicht die direkte Aktivität der Neuronen. Vielmehr sind es die Veränderungen im Stoffwechsel, also im Energieverbrauch der Hirnzellen, welche auf dem Bildschirm des Tomografen aufleuchten - und damit dem Forscher eine Interpretation der neuronalen Aufgabenteilung verschiedener Denkvorgänge eröffnen.

stx/Reuters

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