Haaranalyse Arzt soll Beethovens Sterben beschleunigt haben

Für Christian Reiter ist der Fall klar: Ludwig van Beethovens eigener Arzt war mitverantwortlich für den Tod des Komponisten, glaubt der Wiener Gerichtsmediziner bewiesen zu haben. Bei der Untersuchung mehrerer Haare Beethovens stieß der Forscher auf hohe Konzentrationen von Blei.


Haare sind verräterisch. Diese Erfahrung musste auch Fußballtrainer Christoph Daum machen, der im Jahr 2000 zunächst den Konsum von Kokain bestritten hatte, später jedoch durch eine Haaranalyse überführt wurde. Auch bei längst Verflossenen greifen Forscher zu dieser Methode - so auch bei Ludwig van Beethoven. Im Oktober 2000 vermeldete der US-Toxikologe Bill Walsh, der Komponist sei an einer Bleivergiftung gestorben - dies habe eine Untersuchung seiner Haare ergeben.

Nun hat der Gerichtsmediziner Christian Reiter von der Universität Wien die Blei-Theorie um eine neue Wendung ergänzt. Der Musiker sei vor seinem Tod wiederholt extremen Bleibelastungen ausgesetzt gewesen, schreibt der Forscher im Mitteilungsblatt der Wiener Beethoven-Gesellschaft. Schuld daran war wohl sein Arzt Andreas Wawruch: Er behandelte den schwer erkrankten Komponisten in den letzten Monaten vor seinem Tod mit einer Art bleihaltiger Seife. Anstatt Beethoven zu helfen, beschleunigte er auf diese Weise dessen Tod.

Nachdem Beethoven im Dezember 1826 an einer schweren Lungenentzündung erkrankt war, wurde er in Wien von Wawruch mit einem Mittel gegen Entzündungen behandelt. Dadurch sammelten sich enorme Wassermengen im Bauch des Komponisten an. Da sein Patient kaum noch Luft bekam, entschied sich der Arzt, Beethovens Bauchhöhle zu öffnen, um die Flüssigkeit herauszulassen - ein fataler Fehler, wie Reiter glaubt.

Extreme Blei-Werte

Viele Stoffe, die sich im Blut befinden, werden beim Wachstum der Haare in diese eingelagert. Haar wachse 0,3 bis 0,4 Millimeter pro Tag, schreibt Reiter, und sei somit "ein biologischer Chronometer". Der Forscher verdampfte Beethovens Haare mit einem Laserstrahl scheibchenweise und maß mit einem Massenspektrografen die Bleikonzentration in dem dabei entstehenden Rauch. Dabei fand er keine gleichmäßige Verteilung von Blei im gesamten Haar, sondern phasenweise extreme Anstiege der Bleikonzentration. Reiter standen für seine Untersuchungen zwei Haare zur Verfügung: eines war 4,0 und das andere 9,3 Zentimeter lang. Die Haare dokumentierten etwa die letzten 120 beziehungsweise 267 Tage im Leben Beethovens, so der Forscher.

Diese Anstiege traten immer dann auf, wenn Beethoven zuvor eine Bauchpunktion über sich ergehen lassen musste, erklärte Reiter. Auch nachdem Beethoven Wawruchs Anti-Entzündungs-Mittel eingenommen hatte, also noch vor der Punktierung, nahm die Bleikonzentration in seinem Haar rapide zu.

Entzündungen wurden damals mit Präparaten bekämpft, die viele giftige Stoffe enthielten, darunter auch Blei. Reiter sieht die Flüssigkeitsansammlungen im Bauch des Komponisten als Folge einer Bleivergiftung, die durch Wawruchs entzündungsauflösendes Mittel zustande gekommen sein muss, mit dem der Arzt die Lungenentzündung zu kurieren versuchte. Wenn Wawruch dann in den Bauch des Komponisten stach, um ihm zu helfen, arbeitete er wieder mit bleihaltiger Salbe als Entzündungshemmer - und verschlimmerte er die Vergiftung noch mehr. Bis Beethoven schließlich verstarb.



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