Genanalysen von Haarfarben Das Blondinenrätsel

Forscher verstehen immer besser, wie Gene die Haarfarbe bestimmen. Das könnte bei der Verbrecherjagd helfen. Ihre Analyse zeigt auch, dass Männer offenbar seit Tausenden Jahren Blondinen bevorzugen.

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Ein Interview von


Welche Haarfarbe ein Mensch hat, hängt hauptsächlich von seinem Erbgut ab. Bisher kannten Forscher 13 Gene, die die Haarfarbe bestimmen. Nun haben sie herausgefunden: Es sind mindestens 124.

Die Wissenschaftler hatten laut einer Studie in der Fachzeitschrift "Nature Genetics" Daten von 300.000 Menschen analysiert, die aus privaten Erbgutuntersuchungen, der britischen Biobank (UKBB) und vom Visible Trait Genetics Consortium stammen. Dabei bestätigte sich auch, dass Frauen häufiger helle Haare haben als Männer.

Im Interview erklärt einer der Studienleiter, wie es dazu gekommen sein könnte und warum er es für eine vertane Chance hält, dass Deutschland das Wissen aus den Genanalysen bislang nicht zur Verbrecherjagd nutzt.

Zur Person
  • Erasmus MC
    Manfred Kayser ist Professor für forensische Molekularbiologie. Als Leiter der Abteilung für Genetische Identifizierung am Erasmus University Medical Center Rotterdam versucht er zu verstehen, wie Gene das Aussehen des Menschen steuern und wie sich das Wissen darüber in forensischen Untersuchungen nutzen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Sie kennen jetzt 124 Haarfarbengene. Was bringt das?

Manfred Kayser: Zunächst schließt es mal eine Wissenslücke, die wir vorher hatten. Zwar wussten wir aus Zwillingsstudien, dass die Haarfarbe hauptsächlich durch Vererbung bestimmt wird, wir kannten aber nur etwa ein Dutzend Gene, die dafür zuständig waren. Jetzt kennen wir deutlich mehr und können bis zu 35 Prozent der genetischen Farbvariationen von Haaren erklären.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch einen praktischen Nutzen?

Kayser: Schon als wir nur wenige Gene kannten, hatte ich ein DNA-Testsystem entwickelt, mit dem man bestimmen kann, welche Haar- und Augenfarbe eine gesuchte Person - etwa ein mutmaßlicher Täter - wahrscheinlich hat. Das wird zum Beispiel in den Niederlanden eingesetzt. Die Genauigkeit, mit der sich Haarfarben aus DNA bestimmen lassen, können wir jetzt deutlich verbessern.

SPIEGEL ONLINE: Wie präzise kann das System die Haarfarbe vorhersagen?

Kayser: Das lässt sich so pauschal nicht sagen, weil wir - neben korrekten Ergebnissen - auch falsch positive und falsch negative Auswertungen bekommen können.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie das genauer erklären?

Kayser: Es kann sein, dass einem das System bestätigt, dass jemand blonde Haare hat, und in Wahrheit ist er brünett. Es kann aber auch sein, dass das System blond ausschließt, obwohl die Person tatsächlich blond ist. Um das mathematisch berücksichtigen zu können, nutzen wir den sogenannten AUC-Wert. Er liegt zwischen 0,5 und eins - 0,5 steht für reine Zufallstreffer, eins für eine immer richtige Voraussage. Je nach Haarfarbe bekommen wir da bei unseren Untersuchungen Werte zwischen 0,75 und 0,9.

SPIEGEL ONLINE: Ab welchem Wert halten Sie das System denn für zuverlässig genug, um es in der Polizeiarbeit einzusetzen?

Kayser: Mit dem neu entwickelten Test wollen wir im Schnitt - ähnlich wie in den Studien - einen Wert von 0,75 erreichen. Im Einzelfall ist die Durchschnittsgenauigkeit aber nicht so wichtig. Da errechnen wir dann, wie hoch bei einer DNA-Probe jeweils die Wahrscheinlichkeit für blonde, braune oder rote Haare ist. Das Gleiche können wir mit Augen- und Hautfarbe machen. Selbst wenn die Ergebnisse dann mal nicht eindeutig sind - die Wahrscheinlichkeit für braune und blonde Haare beispielsweise ähnlich hoch ist - liefert das Hinweise und es lassen sich zumindest einzelne Merkmale ausschließen.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland ist es verboten, aus Genspuren Augen-, Haar- oder Hautfarbe des Täters zu ermitteln. Ist das ein Fehler?

Kayser: Es ist zumindest eine vertane Chance. Wenn in Deutschland DNA an einem Tatort gefunden wird, darf man sie bislang nur zur Geschlechtsbestimmung und zum Vergleich mit bereits registrierten DNA-Profilen nutzen. Die Person, zu der die DNA gehört, muss also vorher schon mal für eine schwere Straftat verurteilt worden sein, sonst ist das DNA-Profil nicht in der Analysedatei gespeichert. Gerade in Fällen, wo die Ermittler völlig im Dunkeln tappen, können Hinweise auf die Haut-, Haar- und Augenfarbe oder die geografische Herkunft einer Person wertvolle Ermittlungshinweise liefern.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Analyse hat sich auch bestätigt, dass Frauen häufiger helle Haare haben als Männer. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Kayser: Ursprünglich hatten alle Menschen dunkle Haut, dunkle Haare und dunkle Augen, denn unsere Vorfahren stammen aus Afrika. Je weiter sie von dort aus Richtung Norden kamen, desto mehr haben sich Personen mit heller Haut, hellen Haaren und hellen Augen durchgesetzt. Dass die Haut heller wurde, war wahrscheinlich eine Anpassung an die verringerte Sonnenstrahlung. Bei Haar- und Augenfarbe gibt es dagegen die Vermutung, dass sie durch sexuelle Selektion heller geworden sind. Unsere Daten wären etwa damit zu erklären, dass Männer über Tausende Jahre hinweg Frauen mit hellen Haaren als Mütter der gemeinsamen Kinder bevorzugten.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt sehr nach Klischee...

Kayser: Leider kann man sexuelle Selektion beim Menschen nicht gut experimentell beweisen. Versuche mit Guppys zeigen zum Beispiel, dass die Weibchen bevorzugt Partner mit seltener Schwanzflossenfärbung wählen. Beim Menschen waren ja blonde Haare zunächst selten. Vielleicht verhielten sich die Männer, als der Mensch Afrika verließ, wie die Weibchen der Guppys - und bevorzugten, was selten war. Andererseits wird in einigen Regionen Afrikas Hexenjagd auf extrem hellhäutige Menschen mit Albinismus gemacht. Zu exotisch darf es dann offenbar auch nicht sein. Vielleicht fragen Sie mal Männer, die heutzutage blonde Frauen bevorzugen. Die können das Verhalten möglicherweise erklären.



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