Universität Halle Das Rätsel der vergessenen Kinderleichen

Jahrzehntelang lagerten konservierte Leichen von Kindern im Keller der Anatomie in Halle an der Saale. Wer waren die Toten? Seit Jahren suchen Forscher nach Antworten.

CT-Aufnahme eines acht Monate alten Säuglings
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CT-Aufnahme eines acht Monate alten Säuglings


Sie lagen all die Jahre im Keller des Instituts für Anatomie und Zellbiologie, offenbar vergessen vom Rest der Welt: 74 kleine Leichen, konserviert in einer Chemikalienlösung. Über Jahrzehnte kümmerte sich kaum jemand um sie - Mediziner der Universität Halle rätselten über ihre Herkunft.

In dieser Woche werden die sterblichen Überreste der Kinder auf einem Friedhof bestattet. Doch viele ihrer Geheimnisse werden sie wohl mit ins Grab nehmen. Für die Medizinische Fakultät geht damit eine wohl bundesweit einmalige Geschichte zu Ende. Denn was sich hinter dem Schicksal der Toten verbirgt, wollen Mitarbeiter des Instituts und Medizinhistoriker seit Jahren herausfinden. Was wissen sie über die Toten?

Die Kinder, einige noch Föten, das älteste ein 14-jähriger Junge, kamen von 1920 bis 1940 ganz offiziell in die Anatomie. "Insgesamt wurden in dieser Zeit 3000 Kinder hier abgegeben", sagt Institutsdirektorin Heike Kielstein. Sie wurden in der Regel eingeäschert.

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"Warum diese 74 übrig geblieben sind - wir wissen es nicht", sagt die Anatomie-Professorin. Im Jahr 2011 habe sie an ihrem ersten Arbeitstag von den in Phenol konservierten Kindern erfahren, von denen auch ihre Vorgänger wussten. "Eineinhalb Jahre hat es gedauert, bis wir dann an das Thema gegangen sind", sagt Kielstein.

Hüter der vergessenen Kinder war der Präparator des Instituts, Hans-Joachim Heine, der seit rund 30 Jahren im Hause arbeitet. Er fand die Kinder, säuberte sie, konservierte sie neu und gab auf sie acht. Und er machte auf ihr Schicksal aufmerksam.

Gibt es noch Verwandte?

Begleitet wurde der Prozess der Aufarbeitung von dem Medizinhistoriker Florian Steger, der mittlerweile in Ulm das Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin leitet. "Mein Anliegen war, dass diese Kinder ordentlich beerdigt gehören", sagt der Wissenschaftler, der mit dafür sorgte, dass die Kinder zum Gegenstand einer Doktorarbeit wurden. Gut vier Jahre arbeitete das Team, um Aufklärung zu schaffen.

Institutskeller für Anatomie und Zellbiologie: Direktorin Kielstein mit Präparator Heine
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Institutskeller für Anatomie und Zellbiologie: Direktorin Kielstein mit Präparator Heine

Woher kommen die Kinder? Wie kamen sie zu Tode? Wie sind ihre Namen? Gibt es noch Verwandte? Nicht alle Fragen konnten am Ende beantwortet werden.

30 Leichen wurden im Computertomografen untersucht. "Fest steht: Wir fanden keine Hinweise, dass eines der Kinder gewaltsam zu Tode kam, und wir haben gelernt, woran sie gestorben sind", sagt Kielstein. Die Ergebnisse zeigten, dass die Kinder unter anderem an Lungenentzündungen, Fehlbildungen des Hirns und des Skeletts und an damals noch nicht behandelbaren Infektionskrankheiten gestorben sind. Sie stammten aus ärmeren Schichten. Vermutungen, nach denen einige der Toten Opfer der Nazis geworden sein könnten, hatten sich damit nicht bestätigt.

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Es gelang nicht, ihre Namen herauszufinden. "Wir wissen nichts über diese Kinder", sagt die Professorin. Sie vermutet, dass die Kinder einst für Forschung und Lehre ins Institut gelangt sein könnten. Nach Totgeburten hätten Hebammen die Leichen früher häufiger in die Anatomie gebracht. Zu solchen Vorgängen habe es auch damals Akten gegeben. Darin wurde verzeichnet, wann die Kinder gestorben sind und wer die Eltern waren. Möglicherweise könnten die Unterlagen zu den 74 Kindern in den Wirren des Zweiten Weltkriegs oder kurze Zeit danach verschwunden sein.

"Was mich ärgert, ist, dass die Kinder hier seit fast 80 Jahren gelegen haben und niemand etwas gemacht hat. Vielleicht hätte man vor 20 Jahren sogar noch Angehörige gefunden; so haben wir Zeitzeugen verloren." Zwei Anfragen potenzieller Angehöriger gab es, die aber ins Leere gingen.

"Die Kinder werde ich nicht wieder los"

Dass es in Deutschland noch weitere ähnliche Fälle gibt, hält die Anatomin für nahezu ausgeschlossen. "Dazu gibt es keine Hinweise. Ich meine, dass Halle eine ganz große Ausnahme ist."

Die Kinder finden nun ihre letzte Ruhe auf der Ehrengrabstätte der medizinischen Fakultät der Universität Halle. In fünf Erwachsenen-Särgen wurden sie eingeäschert. Kielstein ist beeindruckt von der Unterstützung, die das Team erfahren hat.

"Die Leichenhemdchen, die wir den Kindern angezogen haben, hat das Beerdigungsinstitut gespendet" erzählt die Anatomin. Eine Gärtnerei schenke den Blumenschmuck für die Urnen. Die Friedhofsleitung steuere einen Grabstein bei. Die Beisetzung gestalte die evangelische Klinikseelsorge. Für die Beerdigung habe sich eigens ein Chor aus Institutsmitarbeitern zusammengefunden.

Damit will das Institut das sensible Thema abschließen. Doch emotional dürfte es die Beteiligten noch lange berühren. "Die Kinder werde ich nicht wieder los. Jedes Gesicht ist wie eingemeißelt", sagt Kielstein.

Von Gitta Keil, dpa/joe



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