Geheimnisvolle Landkarte Bibliothekar spürt Teil von seltenem Bibel-Puzzle auf

In einer Bibliothek ist ein Fragment einer extrem seltenen Landkarte aus dem 16. Jahrhundert aufgetaucht. Sie zeigt das Heilige Land und bestand einst aus zwölf Teilen - und bis auf zwei sind alle anderen verschollen.

SPIEGEL ONLINE

Aus Halle berichtet


Ein Bibliothekar muss pedantisch sein. Das ist einfach so. Und eigentlich ist das auch gar nicht schlecht, ganz im Gegenteil. Unpraktisch wird es freilich, wenn die Pedanterie zu zwischenzeitlichen Schwierigkeiten führt. Genau das war aber bei Martin Scheuplein und seinem Fund der Fall. Aber vermutlich haben besagte Schwierigkeiten erst dazu geführt, dass der Fund als kleine Sensation in der Welt der Landkarten erkannt wurde.

Aber eins nach dem anderen.

Scheuplein ist Chef der Kartensammlung an der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt (ULB) in Halle. Und neulich ist er zusammen mit seinen Mitarbeitern mal die Kostbarkeiten des Hauses durchgegangen, allein 17.500 Blätter aus der Zeit vor 1850 hat man zu verwalten. Von Zeit zu Zeit müssen die Karten durchgezählt und manchmal auch neu geordnet werden. In der Sammelmappe "Palästina" fand sich dabei neben 30 bis 40 anderen Blättern diese ominöse Darstellung. Nicht katalogisiert, nicht beschrieben. Nichts.

Aus Hadernpapier war sie, also Papier auf Basis von Textilfasern, nicht Holz. Es war ein Holzschnitt mit Büttenrändern, ungefähr von der Größe A3 und recht gut erhalten. Die Darstellung zeigte verschiedene Städte aus dem Heiligen Land, wenngleich in einer etwas wundersamen Anordnung. Und eine Küste, die es so wohl nirgends auf dem Planeten gibt. "Das war keine normale Landkarte, keine reelle Abbildung der Erde. Außerdem waren viele Bilder darauf, auch Bibelszenen", sagt Scheuplein.

Der Heilige Georg kämpft da gegen den Drachen, in Kana wird Hochzeit gefeiert, Jesus erweckt einen Toten zum Leben und so weiter. Und noch etwas ist bemerkenswert: "Heute werden Karten normalerweise nach Norden ausgerichtet", sagt Scheuplein. "Aber diese war orientiert, also geostet. Sie war in Richtung des Heiligen Landes ausgerichtet."

Beschriftet war das Papier in einer Sprache, die sich bei näherem Hinsehen als altes Niederländisch entpuppte. Und jetzt kam das Problem mit der Pedanterie: Denn wie bitte, soll man so ein Fundstück im Katalog der Bibliothek erfassen? Autor: unbekannt. Titel: unbekannt. Inhalt: unbekannt. Irgendwie ging es ums Heilige Land, das war klar. War das womöglich eine Art Wanderkarte für Pilgerreisende, die auf Jesu Spuren unterwegs sein wollten? Dafür sah sie eigentlich zu seltsam aus.

Fotostrecke

4  Bilder
Geheimnisvolle Landkarte: "Virtuelle Reise" ins Heilige Land

"Niemand ist mit so einer Karte in die Region gereist und hat gehofft, dass er damit von A nach B kommt. Dafür war sie nicht da", sagt Markus Heinz. Er leitet die Kartenabteilung an der Staatsbibliothek zu Berlin. Und er ist es auch, den Scheuplein als erstes um Rat fragt. Heinz vermittelt den Kontakt zu einem Kollegen in Amsterdam, Howard Golden heißt er. Und Golden ist es, der den ganzen Wert von Scheupleins Fund erkennt.

Er ist es, der begreift, was da all die Jahre unerkannt in der Palästina-Mappe in der halleschen August-Bebel-Straße geschlummert hat: Es handelt sich um eines von zwölf Teilen einer Landkarte, die der niederländische Geograf Herman van Borculo vermutlich im Jahr 1538 in Utrecht gefertigt hat. Und nur zwei andere Fragmente davon sind heute überhaupt noch bekannt.

"Komplette Exemplare sind nicht bekannt"

Ein halbes Blatt, am Rand ist der Berg Sinai zu sehen, liegt in der British Library in London. Ein britischer Buchhändler hatte es Ende des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden gekauft, ohne recht zu wissen, was da abgebildet war. Das andere Stückchen befindet sich - vor Öffentlichkeit und Forschung verborgen - in einer unbekannten Privatsammlung. Das weiß man, weil es vor einigen Jahren in einem Auktionshaus angeboten und an einen anonymen Bieter verkauft wurde.

Die ganze Sache klingt verdammt nach einem Dan-Brown-Roman.

Das könnte Sie auch interessieren

"Komplette Exemplare der Karte sind nicht bekannt", sagt Tom Harper, oberster Kartensammler der British Library. "Aber diese Karte war der Prototyp eines kleineren Exemplars von Christian van Adrichom aus dem Jahr 1590, die extrem populär war." Scheuplein hat also durch Zufall den Teil eines geheimnisvollen Bibel-Puzzles gefunden. Wer es gekauft hat, wie es nach Halle kam - niemand weiß es.

Doch Harper ist begeistert. Van Borculos Karte - komplett war sie wohl 0,8 mal 1,6 Meter groß - sei wichtig, weil sie "eine von nur einer handvoll großen, mächtigen und wichtigen Karten des Heiligen Landes ist, die zu Ausstellungszwecken hergestellt wurden", "zur Aufklärung vieler einfacher Menschen", wie van Borculo in einer Art Werbetext auf seinem Werk vermerkt.

"Werbekarte für das Heilige Land"

Einst, so sagt Forscher Harper, hätten solche Karten irgendwo an der Wand gehangen, "um von möglichst vielen Menschen zur religiösen Unterweisung gesehen zu werden". Von Damaskus im Norden nach Alexandria im Süden - eine Art "virtuelle Reise" ins Heilige Land habe man so unternehmen können, sagt Harper, "im Komfort des eigenen Heims".

So sehen es auch Scheuplein und seine Kollegin Marita von Cieminski, Abteilungsleiterin für historische Sammlungen der Bibliothek in Halle. "Im übertragenen Sinne kann man von einer Werbekarte für das Heilige Land sprechen", sagt Cieminski. "Damals boomten die Pilgerreisen."

Ob der Kartograf jemals zur Vergebung seiner Sünden im Heiligen Land war, ist nicht sicher. Aber was macht das schon für die Darstellung, wenn es bei der Karte weniger um geografische Akkuratesse ging als um religiöse Symbolik?

Wie oft van Borculo seine Karte damals druckte, lässt sich nicht sagen. "Allein der Umstand, dass sie heute so selten ist, deutet darauf hin, dass sie kein Massenprodukt war", sagt Scheuplein. Für den Besuch hat er die Karte extra aus dem Tresor geholt. Das Papier fühlt sich überraschend robust an. Es ist nicht so, dass man Angst hätte, das Ding würde gleich zerbröseln. Sonst dürfte man es vermutlich auch gar nicht berühren.

Tom Harper in London glaubt, dass das neu entdeckte Fragment von Halle den linken unteren Rand der großen Gesamtkarte darstellt. Er hofft, dass in den kommenden Jahren womöglich weitere Teile entdeckt werden. "Große Wandkarten sind sehr selten, aber sie haben die Eigenschaft, immer mal wieder aufzutauchen", sagt er. Es brauche aufmerksame Wissenschaftler und Bibliothekare, um sie zu identifizieren. Und vermutlich auch ein bisschen Pedanterie.



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.