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Handy-Strahlung: Studie findet kein erhöhtes Krebsrisiko für Mobiltelefonierer

Entwarnung auf fast allen Ebenen: Mobiltelefonieren macht nicht krank, ergibt eine großangelegte Studie des Bundesamts für Strahlenschutz. Doch Lücken bleiben. Es fehlen Langzeitergebnisse und auch die Wirkung auf Kinder ist noch nicht erforscht.

Die Angst ist noch immer da: Jeder vierte Deutsche befürchtet, dass Mobilfunkmasten und Handy-Strahlung der Gesundheit schaden könnten. Dabei betonen Forscher aus der ganzen Welt immer wieder, dass es bislang keine Hinweise auf Gesundheitsrisiken durch von Handys erzeugte elektromagnetische Felder gibt. Jetzt stimmt auch das Deutsche Mobilfunk Forschungsprogramm in diesen Chor ein: Eine am heutigen Dienstag von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) vorgestellte Studie konnte ebenfalls kein erhöhtes Krebsrisiko für Handynutzer finden. Auch der Schlaf oder die Gesundheit im Allgemeinen werde nicht beeinträchtigt.

Keine Entwarnung für Jugendliche: Noch wissen Forscher nicht, ob Handy-Strahlen Kindern schaden.
DDP

Keine Entwarnung für Jugendliche: Noch wissen Forscher nicht, ob Handy-Strahlen Kindern schaden.

Zwischen 2002 bis 2008 führten über 50 unterschiedliche Forschungsgruppen im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) und des Bundesumweltministeriums (BMU) verschiedene Untersuchungen durch: Ziel war es, "grundsätzliche biologische Wirkungen und Mechanismen wissenschaftlich belastbar nachzuweisen und vor dem Hintergrund internationaler Forschungsergebnisse deren gesundheitliche Relevanz abzuschätzen".

17 Millionen Euro standen den Wissenschaftlern insgesamt zur Verfügung, die Hälfte der Kosten wurde allerdings von den vier deutschen Mobilfunk-Netzbetreibern getragen - das kritisieren vor allem Skeptiker. Ihnen scheint dadurch die Unabhängigkeit gefährdet. Dem BfS zufolge wurde durch vorab festgelegte Verfahrensabläufe aber sichergestellt, dass das Programm unter der Schirmherrschaft der Behörde unabhängig ablaufen konnte.

Grundsätzlich reichten die Mobilfunk-Grenzwerte zum Schutz der Bevölkerung aus, sagt Sigmar Gabriel bei der Präsentation. Und Thomas Jung, Abteilungsleiter Strahlenwirkung und Strahlenschutz am BfS meint: "Das zentrale Ergebnis ist: Wir haben keine Hinweise gefunden, dass es erhöhte Risiken für die Gesundheit durch Handy-Strahlung gibt."

In einem weiteren wichtigen Teil der Forschungsarbeit gingen die Wissenschaftler der immer wieder ängstlich gestellten Frage nach, ob Handy-Strahlen Krebs auslösen können. Dabei beteiligte sich das Deutsche Mobilfunk Forschungsprogramm an einer internationalen Fall-Kontroll-Studie zu Handy-Nutzung und Hirntumoren. Diese sogenannte Interphone-Studie hatte in den vergangenen Jahren schon mehrfach Einzelergebnisse der Länder publiziert: In Deutschland hatte eine Teiluntersuchung ergeben, dass das Risiko für Mobilfunker, an einem Hirntumor oder einem gutartigen Krebsgeschwür des Hörnerven (Akustikusneurinom) zu erkranken, bei einer Nutzungsdauer von bis zu zehn Jahren nicht erhöht ist. Die gesamten Ergebnisse der von der Weltgesundheitsorganisation WHO koordinierten Interphone-Studie werden noch in diesem Jahr erwartet.

Lückenhafter Kenntnisstand bei Kindern

Im Rahmen des Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms untersuchten Wissenschaftler in einer Laborstudie außerdem, wie 30 junge männliche Probanden auf die Exposition mit hochfrequenten elektromagnetischen Feldern von Mobiltelefonen reagieren. Das Ergebnis: "Insgesamt gibt diese Studie nach Meinung der Autoren und des BfS keine Hinweise auf einen gesundheitlich relevanten Einfluss der GSM- und UMTS-Felder auf Schlaf und Kognition", wie es in der Untersuchung heißt.

Besonderes Augenmerk richteten die Forscher auch auf die sogenannte Blut-Hirn-Schranke, kurz BHS: Diese Funktion sorgt für einen kontrollierten Stoffaustausch zwischen Blut und Gehirn - wobei es eine Aufgabe der BHS ist, den Übertritt schädigender Substanzen auf das Gehirn zu verhindern. Hierzu wurden mehrere Studien durchgeführt. Nach Ansicht des BfS gibt es keine schlüssigen Hinweise auf eine physiologisch relevante Schwächung der BHS durch den Mobilfunk.

Doch trotz dieser Ergebnisse gibt es keine Entwarnung auf ganzer Linie. Zwar gilt der Mobilfunk nach derzeitigem Kenntnisstand als unbedenklich. Aber dieser Kenntnisstand ist lückenhaft: "Mich macht es nachdenklich, dass wir über die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche wenig wissen", sagt Rolf Buschmann, Umweltexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Das liegt vor allem daran, dass es derzeit keine geeigneten wissenschaftlichen Modelle für die Untersuchung von Kindern gibt. Auch BfS-Mitarbeiter Jung rät: "Kinder sollten nicht länger als nötig, also zum Beispiel nur für die Dauer eines kurzen Anrufs, ein Handy benutzen." Auch Forscher und Krebsärzte aus Europa und den USA riefen kürzlich dazu auf, Kinder unter zwölf Jahren generell nicht mit Handys telefonieren zu lassen. Die Auswirkungen der Strahlung auf den kindlichen Körper und insbesondere das Gehirn sei zu wenig erforscht.

Mobilfunk: Frequenzen, Strahlung und Wärme
"Handy-Strahlung"
Das Wort sorgt zuweilen für Beunruhigung, vor allem unter Physik-Unkundigen. Mobiltelefone (und die zugehörigen Sendemasten) bauen hochfrequente gepulste elektromagnetische Felder auf. In Deutschland werden in GSM-Handynetzen Frequenzen um 900 und 1800 Megahertz verwendet. Mobiltelefonie ist nicht die einzige Technologie, die solche Felder erzeugt. Auch schnurlose (DECT-)Telefone tun das.

Über mögliche gesundheitliche Folgen der Mobilfunktechnik wird unter Laien viel gestritten. Tausende wissenschaftliche Studien beschäftigen sich damit - bislang ohne einen Beleg für eine Schadwirkung liefern zu können. Hinlänglich bekannt ist jedoch, dass Handys für eine leichte Erwärmung von wenigen Grad Celsius am Kopf sorgen können. Unter Insidern ist dies auch als "Wollmützeneffekt" bekannt.
SAR-Wert
Der Messwert SAR beschreibt, wieviel Energie in einem elektromagnetischen Feld übertragen wird. Die Abkürzung steht für "spezifische Absorptionsrate". Anhand dieser Einheit kann man leicht nachvollziehen, welche Messwerte hier miteinander verbunden werden: W/kg steht für Watt pro Kilogramm. Die Energie (in Watt) wird im Körpergewebe (in Kilogramm) vor allem in Wärme umgewandelt.

Die spezifische Absorptionsrate wird bestimmt, indem man sechs Minuten lang die Erwärmung des Körpergewebes misst und einen Mittelwert bildet. Man geht davon aus, dass nach längerer Zeit ein Gleichgewicht zwischen Wärmezufuhr und -abgabe entsteht.

Die Hersteller von Mobiltelefonen geben als SAR-Wert für die jeweiligen Modelle die Maximalwerte an. In den vergangenen Jahren ist der SAR-Wert von Handys kontinuierlich gesunken.
Strahlungsarme Geräte
Entsprechend einer Empfehlung der Strahlenschutzkommission liegt in Deutschland der Grenzwert für die SAR eines Handys bei 2 W/kg. Das basiert auf einer Leitlinie der Internationalen Kommission zum Schutz vor Nichtionisierender Strahlung (ICNIRP).

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) aus Salzgitter listet auf seiner Website mehr als tausend Mobiltelefone auf. Alle liegen unter dem gesetzlichen SAR-Wert von 2 W/kg. Bei den 243 aktuell produzierten Handys (Stand Juli 2009) liegen die SAR-Werte laut BfS zwischen 0,1 W/kg und 1,57 W/kg am Kopf bzw. 0,003 W/kg und 1,87 W/kg am Körper. Mehr als ein Drittel der aktuellen Modelle liegen unter 0,6 W/kg und erfüllen demnach das Kriterium für das Umweltzeichen "Blauer Engel".
Die zweite Einschränkung: Bislang fehlen Langzeitergebnisse. "Wir haben heute nur Resultate von zehn Jahren Forschung", gibt Thomas Jung vom BfS zu Bedenken. "Ich glaube zwar nicht, dass sich die Ergebnisse nach 15 Jahren grundlegend ändern, aber sicher sein kann man nicht." Deswegen rät der Experte, die Strahlenbelastung so gering wie möglich zu halten. "Wenn möglich, sollte man lieber das Festnetz benutzen, eine SMS schreiben und das Handy nicht angeschaltet auf den Nachttisch legen", so Jung.

Fälschungen und Falschberichte

Immer wieder beschäftigen sich Forscher mit der Frage, inwieweit die von Handys erzeugten elektromagnetischen Felder der Gesundheit des Menschen schaden. Vor allem Falschberichte verunsichern die Nutzer: Erst kürzlich kam heraus, dass zwei aufsehenerregende Studien, die einen Zusammenhang zwischen Erbgutschäden und Mobiltelefonieren gefunden haben wollten, gefälscht waren. Eine Labortechnikerin hatte einfach reihenweise Daten erfunden.

Nicht selten verunsichern auch Medienberichte die Bevölkerung mit falschen Aussagen: "Handys können Krebs auslösen" hieß es etwa im vergangenen Jahr nach einer internationalen Studie. Dabei hatten die Autoren selbst in ihrem Aufsatz geschrieben: " Wir haben keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für regelmäßige Mobiltelefonierer gefunden." Zu ähnlichen Ergebnissen kamen auch dänische Forscher Ende 2006: Sie hatten rund 420.000 Frauen und Männer untersucht, die Handys nutzten. Einer der Autoren fasste das Resultat zusammen: "Wir konnten keinerlei erhöhte Risiken für irgendeine Krebsart identifizieren, die mit der Nutzung von Handys im Zusammenhang stehen könnte."

hei/dpa/AFP

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