Handy-Strahlung Studie weckt Ängste vor Schlafstörungen

Mobiltelefone sollen an vielem Schuld sein: Stress, Kopfschmerzen, unnötige Anrufe und nach Meinung mancher sogar an diversen Krankheiten. Mehr noch: Handy-Strahlung raubt uns sogar den Schlaf - das glauben zumindest schwedische Forscher.

Von Nicole Simon


Handys strahlen, das liegt quasi in ihrer Natur. Diese Strahlung jedoch ist für Lebewesen wie den Menschen nicht natürlich. Die unsichtbaren Wellen wecken verständlicherweise Ängste, die Funktelefone könnten uns irgendwie schaden – oder gar Krankheiten auslösen. Dafür gibt es zwar bislang keine schlüssigen Beweise, doch das Unbehagen bleibt.

Frau mit Handy: Muss sie um ihren Schlaf fürchten?
DPA

Frau mit Handy: Muss sie um ihren Schlaf fürchten?

Nun hat eine neue Studie schwedischer Forscher Schlagzeilen gemacht: "Studie beweist: Handystrahlen stören den Schlaf", titelte die "Bild"-Zeitung gestern. Diverse Nachrichtenseiten im Internet verbreiteten die Geschichte – doch genauer hineingeschaut hat kaum jemand in die Veröffentlichung, die im Fachblatt Piers Online erschienen ist.

Eine heikle Sache. Denn was die meist aus nur wenigen Zeilen bestehenden Meldungen verschweigen: Die Studie selbst ist vergleichsweise klein, es handelt sich quasi um eine Mini-Studie mit gerade mal 71 Teilnehmern. Und es gibt auch Kritik an der Methodologie - von anderen Wissenschaftlern, die sich ebenfalls mit Handystrahlung beschäftigen.

Nicht zum ersten Mal vermuten Wissenschaftler, dass die Strahlung von Mobiltelefonen negative Effekte auf den menschlichen Körper haben könnte. So soll sie angeblich Krebs auslösen oder gar Bienen umbringen. Die neue Untersuchung schwedischer Forscher will nun einen Zusammenhang zwischen abendlicher Telefoniererei und Schlafstörungen sowie Kopfschmerzen nachgewiesen haben.

Tiefschlafstadium später erreicht

Wissenschaftler um Bengt Arnetz vom Karolinska Institut in Stockholm und der Uppsala Universität haben gerade einmal 71 Menschen im Alter zwischen 18 und 45 Jahren untersucht. Die Versuchsteilnehmer mussten sich an zwei Abenden für jeweils drei Stunden eine Kopfbedeckung aufsetzen, in deren linke Hälfte ein Funksender eingebaut war. Dieser erzeugte elektromagnetische Wellen, die dem Handysignal ähneln. Allerdings wussten weder Patienten noch Wissenschaftler, ob der Sender während der dreistündigen Sitzung eingeschaltet war oder nicht (Doppelblind-Studie).

Im Anschluss befragten die Forscher die Teilnehmer nach eventuell wahrgenommenen Symptomen. Dann legten sich die Probanden im Schlaflabor ins Bett, wo ihre Hirnaktivitäten per EEG (Elektroenzephalographie) Untersuchung aufgezeichnet wurden.

Das Ergebnis der Studie: Die Schlafqualität der verschiedenen Schlafphasen war herabgesetzt. Es dauerte länger, bis die Versuchspersonen das Tiefschlafstadium erreicht hatten, berichten Arnetz und seine Kollegen. Die Zeit des Tiefschlafs selbst sei verkürzt gewesen - um wie viel, verraten sie nicht. Viele der Probanden hätten zusätzlich über Kopfschmerzen geklagt. Die Wissenschaftler führen die Störung des Schlafs auf eine Aktivierung des Stress-Systems im Gehirn zurück.

Depressionen wegen langer Telefonate?

Norbert Leitgeb von der Universität Graz, der ebenfalls die Auswirkungen von Elektrosmog auf das Schlafverhalten untersucht hat, sieht die Studie kritisch. "Man sollte sich die Frage stellen, wieso man die Probanden ganze drei Stunden dieser Strahlung aussetzt hat", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wenn man am Telefon nur zuhört, ist die gesendete Strahlung um den Faktor hundert reduziert." Da man in einem Gespräch nur gut die Hälfte der Zeit spreche, müsse man also deutlich mehr als drei Stunden telefonieren, um die gleiche Belastung wie in der Studie zu erreichen. "Wer macht das schon?"

Leitgeb hält zudem die gemessenen Unterschiede für vergleichsweise gering: Die Einschlafzeit habe sich teilweise um gerade mal ein paar Minuten verlängert, da könne man nicht von medizinischen Folgen sprechen. Der Grazer Forscher weiß zwar, dass bei früheren Studien mitunter Hinweise auf mögliche gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Mobiltelefone gefunden wurden, harte Beweise dafür fehlten jedoch.

Die britische Zeitung "The Independent" und "Bild" schlugen Alarm: Besonders gefährdet seien Jugendliche, weil sie häufig bis spät in die Nacht telefonierten, wie Umfragen ergeben hätten. Der Schlafmangel könne zu Persönlichkeitsstörungen, Depressionen und Schulproblemen führen. "Die Studie bietet gar keinen Raum für Spekulationen, weil die Forscher die Langzeitfolgen eines solchen Schlafentzugs gar nicht untersucht haben", sagt dagegen Leitgeb.

Ergebnisse noch nicht reproduziert

Vor diesem Hintergrund erscheint die These, das Handys den Schlaf rauben, übertrieben - zumindest zum jetzigen Zeitpunkt. So fehlen noch Daten aus psychologischen Tests und biochemischen sowie physiologischen Messungen für die seriöse Interpretation dieser Ergebnisse.

"Bevor man so eine Untersuchung wertet, muss sichergestellt werden, dass die Ergebnisse reproduzierbar sind", sagt Florian Emrich am Bundesamt für Strahlenschutz. "Bisher wurde der Versuch allerdings nur einmal durchgeführt. Diese Beobachtungen mögen ein Hinweis sein, von einem Beweis kann allerdings nicht die Rede sein."

Das Bundesamt für Strahlenschutz rät zwar dazu, die Strahlenbelastung durch Telefone möglicht gering zu halten - das Handy soll etwa nicht nachts neben dem Bett liegen. Es macht aber auch ganz deutlich, dass Strahlung innerhalb der gesetzlichen Grenzwerte keine gesundheitlichen Auswirkungen habe - zumindest nach jetzigem Erkenntnisstand. Zurzeit arbeitet das deutsche Mobilfunk-Forschungsprogramm in einer deutlich größer angelegten Studie mit Schlaflaboren zusammen, um einen Effekt, wie er in dieser Studie behauptet wird, genauer zu untersuchen.

Übrigens wurde die schwedische Studie vom Mobile Manufacturers Forum (MMF) gesponsert, hinter dem namhafte Mobiltelefonhersteller wie Nokia, Sony-Ericsson und Motorola stehen. Das MMF spielte die Bedeutung der Studie herunter und deklarierte ihre Ergebnisse laut "Independent" als "nicht beweiskräftig". Die Wissenschaftler hätten zudem gar nicht behauptet, dass die Strahlung Schlafstörungen auslöse.

Die schwedischen Wissenschaftler glauben an die Aussagekraft ihrer Ergebnisse: "Wir haben in realistischen Szenarien einen Effekt von Mobiltelefonstrahlung festgestellt. Dies deutet darauf hin, dass die Strahlung messbare Effekte auf das Gehirn hat", so Arnetz.

"Das ist ein interessanter Aspekt, aber mit Sicherheit keine Seite-Eins-Meldung", so Leitgeb.



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