Handy-Strahlung US-Forscher verbreiten Krebs-Angst

Die Warnungen vor der Krebsgefahr durch Handy-Benutzung wollen offenbar kein Ende nehmen - auch wenn weiterhin jeder handfeste Beweis für einen solchen Zusammenhang fehlt. Jetzt schlagen US-Forscher mit dramatischer Wortwahl Alarm.

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Pittsburgh - Die Daten, auf die sich Ronald Herberman beruft, basieren angeblich auf den frühen Ergebnissen einer Studie. Sie sind weder offiziell veröffentlicht noch von unabhängigen Experten geprüft. Dennoch fühlte sich der Direktor des Krebsinstituts an der University of Pittsburgh (US-Bundesstaat Pennsylvania) berufen, Tausende Mitarbeiter zu warnen: Sie sollten den Gebrauch von Mobiltelefonen sofort einschränken. Sonst drohe Krebs.

Handybenutzerin: Immer neue Warnungen vor der Krebsgefahr
DPA

Handybenutzerin: Immer neue Warnungen vor der Krebsgefahr

Dass Herberman derartiges in die Welt setzt, ohne sich auf handfeste, geprüfte Daten zu stützen, verstößt gegen alle wissenschaftlichen Gepflogenheiten. "Wir sollten nicht warten, bis eine letztgültige Studie erscheint", rechtfertigte sich der Forscher. "Wir sollten uns lieber der Sicherheit halber irren, ehe es uns später leidtut."

Nun ist es nicht so, dass ein Mangel an einschlägigen Studien herrschte. Ihre Zahl geht inzwischen in die Tausende. Manche befassen sich mit der Wirkung elektromagnetischer Strahlung auf Zellkulturen, andere stützen sich auf die Daten von mitunter Hunderttausenden Menschen. Allein das EMF-Portal des Forschungszentrums für Elektro-Magnetische Umweltverträglichkeit (Femu) der RWTH Aachen hat derzeit 11.885 Publikationen zu den Auswirkungen elektromagnetischer Strahlung auf den Organismus erfasst. Doch trotz dieser enormen Anstrengungen hat bisher niemand konkrete Hinweise auf eine Krebsgefahr durch Mobilfunkstrahlung gefunden.

Kurzfristige Gesundheitsgefahren scheinen inzwischen weitgehend ausgeschlossen. Den Mobilfunk-Kritikern bleibt nur noch ein Argument: Man könne nicht wissen, wie sich die Strahlung nach mehreren Jahrzehnten intensiven Telefonierens auswirke, denn dazu gebe es die Handys noch nicht lange genug. Deshalb warnen sie insbesondere davor, Kinder zu oft mobil telefonieren zu lassen.

Mobilfunk: Frequenzen, Strahlung und Wärme
"Handy-Strahlung"
Das Wort sorgt zuweilen für Beunruhigung, vor allem unter Physik-Unkundigen. Mobiltelefone (und die zugehörigen Sendemasten) bauen hochfrequente gepulste elektromagnetische Felder auf. In Deutschland werden in GSM-Handynetzen Frequenzen um 900 und 1800 Megahertz verwendet. Mobiltelefonie ist nicht die einzige Technologie, die solche Felder erzeugt. Auch schnurlose (DECT-)Telefone tun das.

Über mögliche gesundheitliche Folgen der Mobilfunktechnik wird unter Laien viel gestritten. Tausende wissenschaftliche Studien beschäftigen sich damit - bislang ohne einen Beleg für eine Schadwirkung liefern zu können. Hinlänglich bekannt ist jedoch, dass Handys für eine leichte Erwärmung von wenigen Grad Celsius am Kopf sorgen können. Unter Insidern ist dies auch als "Wollmützeneffekt" bekannt.
SAR-Wert
Der Messwert SAR beschreibt, wieviel Energie in einem elektromagnetischen Feld übertragen wird. Die Abkürzung steht für "spezifische Absorptionsrate". Anhand dieser Einheit kann man leicht nachvollziehen, welche Messwerte hier miteinander verbunden werden: W/kg steht für Watt pro Kilogramm. Die Energie (in Watt) wird im Körpergewebe (in Kilogramm) vor allem in Wärme umgewandelt.

Die spezifische Absorptionsrate wird bestimmt, indem man sechs Minuten lang die Erwärmung des Körpergewebes misst und einen Mittelwert bildet. Man geht davon aus, dass nach längerer Zeit ein Gleichgewicht zwischen Wärmezufuhr und -abgabe entsteht.

Die Hersteller von Mobiltelefonen geben als SAR-Wert für die jeweiligen Modelle die Maximalwerte an. In den vergangenen Jahren ist der SAR-Wert von Handys kontinuierlich gesunken.
Strahlungsarme Geräte
Entsprechend einer Empfehlung der Strahlenschutzkommission liegt in Deutschland der Grenzwert für die SAR eines Handys bei 2 W/kg. Das basiert auf einer Leitlinie der Internationalen Kommission zum Schutz vor Nichtionisierender Strahlung (ICNIRP).

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) aus Salzgitter listet auf seiner Website mehr als tausend Mobiltelefone auf. Alle liegen unter dem gesetzlichen SAR-Wert von 2 W/kg. Bei den 243 aktuell produzierten Handys (Stand Juli 2009) liegen die SAR-Werte laut BfS zwischen 0,1 W/kg und 1,57 W/kg am Kopf bzw. 0,003 W/kg und 1,87 W/kg am Körper. Mehr als ein Drittel der aktuellen Modelle liegen unter 0,6 W/kg und erfüllen demnach das Kriterium für das Umweltzeichen "Blauer Engel".

Andere Fachleute wenden ein, dass angesichts der bisherigen Forschungsergebnisse selbst nach Jahrzehnten der Handynutzung nur eine geringe Wahrscheinlichkeit bestehe, dass wirklich gefährliche Effekte auftreten. Andererseits: Vollkommen ausschließen würde kein seriöser Forscher, dass unter bestimmten Bedingungen vielleicht doch ein kleines Restrisiko bestehen könnte - eine Binsenweisheit, die für die Medizin insgesamt und nicht nur für Handystrahlung gilt.

Forderung: An öffentlichen Orten nicht telefonieren

Herberman machte sich das zunutze, um Alarm zu schlagen: In seinem Rundschreiben riet er seinen rund 3000 Untergebenen, Kinder nur in Notfällen ein Handy benutzen zu lassen. Erwachsene sollten das Telefon möglichst weit von ihrem Kopf fernhalten und Freisprechanlagen benutzen. Er warnte sogar davor, Handys an öffentlichen Orten zu benutzen - weil sonst andere Menschen dem elektromagnetischen Feld ausgesetzt würden.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP ist die treibende Kraft hinter dem merkwürdigen Brief Devra Lee Davis, Direktorin des Instituts für umweltbedingte Krebserkrankungen an der University of Pittsburgh. "Die Frage ist, ob man mit seinem Hirn russisches Roulette spielen will", sagte sie. "Ich weiß nicht, ob Mobiltelefone gefährlich sind. Aber ich weiß auch nicht, ob sie sicher sind." Mit dem gleichen Argument könnte man freilich auch behaupten, dass Handauflegen heilen und Voodoozauber töten könnte.

Doch Warnungen wie diese fallen offenbar nach wie vor auf fruchtbaren Boden - und könnten möglicherweise auch mit dem Interesse mancher Forscher zu tun haben, Gelder für zukünftige Studien zu bekommen. Davis jedenfalls schwärmte, dass bereits 20 Gruppen weltweit die Warnung aus Pittsburgh aufgenommen und weiterverbreitet hätten. Sie betonte auch, dass die Behörden in England, Frankreich und Indien davor warnten, Kinder zu viel mit Handys telefonieren zu lassen.

Wirkung auf Kinder und Jugendliche noch unerforscht

Das wiederum ist in vielen Ländern der Fall, auch in Deutschland: Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) erklärte bei der Vorstellung einer großangelegten Studie im Juni, dass für die Untersuchung der Folgen von Strahlenbelastung von Kindern und Jugendlichen noch keine geeigneten Modelle existierten. Deshalb könne man hier noch keine vollständige Entwarnung geben. Insgesamt aber kam das BfS zu dem Fazit, dass kein erhöhtes Krebsrisiko für Handynutzer besteht. Auch der Schlaf oder die Gesundheit im Allgemeinen würde nicht beeinträchtigt.

Herberman und Davis aber geben sich unbeirrt. Sie verweisen auf das Großprojekt namens Interphone, an dem Wissenschaftler aus 13 zumeist europäischen Nationen beteiligt sind. Zahlreiche Einzelergebnisse daraus wurden bereits in Fachmagazinen veröffentlicht, und keines deutete auf eine Krebsgefahr durch Mobilfunkstrahlung hin. Auch die größte Einzelstudie, für die die Daten von 420.000 Dänen über zum Teil mehr als zehn Jahre ausgewertet wurden, blieb ohne Befund. Heberman und Davis berufen sich nun auf bisher unveröffentlichte Interphone-Erkenntnisse - freilich ohne Details zu verraten.

Dan Catena, Sprecher der US-Krebsgesellschaft American Cancer Society, will sich der Warnung nicht anschließen. "Wenn jemand der Meinung ist, Vorsichtsmaßnahmen wie etwa die Reduzierung seiner Handynutzung ergreifen zu müssen, dann sollte er es tun. Doch man sollte nicht vergessen, dass es keine schlüssigen Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Handys und Krebs gibt." Das gelte sowohl für Hirntumoren als auch für andere Krebsarten.

Die Frage ist, wie sehr das die Bevölkerung beeindruckt. Susan Juffe etwa, eine 58-jährige Lehrerin aus Pittsburgh, hatte Herbermans Handy-Warnung im Radio gehört. "Ich bin besorgt, das ist beängstigend", sagte sie der AP. Sie werde nun zweimal nachdenken, ehe sie ihre zehnjährige Tochter ein Mobiltelefon benutzen lassen werde. "Ich will keinen Hirnkrebs bekommen", sagte sie zu ihrer Tochter. "Und ich will sicher nicht, dass Du ihn bekommst."



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