Handy-Studie: Angst essen Daten auf

Von Stefan Schmitt

Die "Bild"-Zeitung beschwört "Krebs-Angst", obwohl Forscher das genaue Gegenteil berichtet hatten. Eine angebliche Sondersitzung des Bundesamtes für Strahlenschutz hat es nicht gegeben. Der wissenschaftliche Erkenntnisstand deutet auf einen klaren Trend hin - doch der gerät in den Hintergrund.

"Mars-Menschen leben im Mars! Darum haben wir sie auch noch nie gesehen", behauptet die "Bild"-Zeitung heute ganz hinten auf ihrer letzten Seite, gemeinhin dem Ort für besonders steile Thesen. Die Meldung bezieht sich auf eine Forschungsarbeit aus der Fachzeitschrift "Geophysical Research Letters", nach der mögliche Mikroben auf dem Mars nur unter der Oberfläche am Leben geblieben sein könnten. Unter fantasievoll in den Artikel montierten Alienköpfen steht zu lesen "so könnten sie ausgesehen haben". Schlichter Unfug, aber wer hat schon Angst vor Marsmännchen, die es nicht einmal gibt?

Handy-Nutzerin: Forscher finden keine Belege für erhöhtes Krebsrisiko bei Viel-Telefonierern
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Handy-Nutzerin: Forscher finden keine Belege für erhöhtes Krebsrisiko bei Viel-Telefonierern

Auf Seite eins hingegen geht es um ein griffigeres Thema: Ins Röntgenbild eines Kopfes ist ein roter Kreis eingezeichnet. Eine Knochenhand hält ein Handy. Daneben steht in 4,5 Zentimeter hohen, gelben Lettern "Krebs-Angst". Der zugehörige Artikel auf der Titelseite beginnt mit den Worten: "Also doch - Handys können bei Viel-Telefonierern Gehirntumore auslösen!" Einzig das Hilfsverb steht zwischen dieser Behauptung und einer klaren Falschaussage.

Die "Bild"-Autoren beziehen sich auf eine wissenschaftliche Veröffentlichung von Anna Lahkola und elf ihrer Kollegen zum Zusammenhang zwischen Mobiltelefonie und dem Risiko, an einer bestimmten Sorte Hirntumor zu erkranken, einem Gliom. Die Forscher hatten im "International Journal of Cancer" zusammengefasst, sie hätten keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für regelmäßige Mobiltelefonierer gefunden. "Es gibt keinen Verdacht, dass ein Zusammenhang besteht", sagte die dänische Ko-Autorin Helle Christensen vom Institute of Cancer Epidemiology in Kopenhagen zu SPIEGEL ONLINE.

Insgesamt fast 5000 Menschen mit und ohne Hirntumoren hatten die Wissenschaftler befragt und ihre Krankheitsgeschichte statistisch mit der Handy-Nutzung verglichen. Die Forschungsarbeit gehört zum internationalen Projekt Interphone, in dem seit Oktober 2000 in Deutschland, Dänemark, Finnland, Norwegen, Schweden, Frankreich, Italien, Großbritannien, Israel, Australien, Neuseeland, Japan und Kanada mögliche Zusammenhänge erforscht werden. Federführend ist die International Agency for Research on Cancer (IARC) aus Lyon.

Forscher entwarnen, Zeitungen titeln

Die Publikation von Lahkola ist nicht die erste, die Interphone-Ergebnisse veröffentlicht. Auch nicht die erste, die keinen Handy-Krebs-Zusammenhang finden konnte. "An der Situation hat sich gar nichts großartig geändert", sagte Joachim Schüz von der Universität Mainz zu SPIEGEL ONLINE, der vor einem Jahr aus Deutschland ein ähnliches Ergebnis vermeldete.

Die "Bild"-Zeitung dagegen berichtet, dass aufgrund der finnischen Studie beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Salzgitter sogar eine Sondersitzung stattgefunden habe. Nur: Beim Bundesamt weiß niemand etwas von einer Sondersitzung. "Eine Sondersitzung hat es nicht gegeben", sagte BfS-Sprecher Florian Emrich zu SPIEGEL ONLINE.

An der grundsätzlichen Einschätzung der Krebsgefahr durch Handys habe die finnische Studie nichts geändert, zumindest nicht beim BfS. "Der wissenschaftliche Stand ist nach wie vor, dass bei Strahlung unterhalb der derzeit geltenden Grenzwerte keine Gesundheitsgefahr besteht", sagte Emrich.

Die "Süddeutsche Zeitung" hatte am Dienstag berichtet, dass die Forscher um Lahkola erstmals statistisch signifikante Beweise dafür gefunden hätten, dass bei einer speziellen Untergruppe der Studienteilnehmer sehr wohl ein Zusammenhang zwischen Handytelefonaten und Krebsrisiko bestehe: Zwar handle es sich nur um solche Nutzer, die seit zehn Jahren oder länger mobil telefonierten und dabei das Gerät immer an derselben Kopfseite hielten.

Forschungsstand: Unfertig aber mit klarer Tendenz

Die Wissenschaftler selbst misstrauen diesem Ergebnis jedoch: In ihrer Studie zählen sie mehrere mögliche Quellen für eine Verfälschung auf. Sie berichten, dass der Effekt unter die Signifikanzschwelle zurückgeht, wenn man nur jene Teilnehmer wertet, die von den Interviewern als zuverlässig bewertet worden waren. Rückschlüsse, so die Forscher selbst, dürfe man jedenfalls noch nicht ziehen.

Wissenschaft besteht nicht aus einzelnen Ergebnissen, sondern aus einer Abfolge von Messung, Vergleich und Debatte. So kann man auch über die sogenannte Handystrahlung bislang nicht abschließend sagen, dass sie ungefährlich ist.

Mobilfunk: Frequenzen, Strahlung und Wärme
"Handy-Strahlung"
Das Wort sorgt zuweilen für Beunruhigung, vor allem unter Physik-Unkundigen. Mobiltelefone (und die zugehörigen Sendemasten) bauen hochfrequente gepulste elektromagnetische Felder auf. In Deutschland werden in GSM-Handynetzen Frequenzen um 900 und 1800 Megahertz verwendet. Mobiltelefonie ist nicht die einzige Technologie, die solche Felder erzeugt. Auch schnurlose (DECT-)Telefone tun das.

Über mögliche gesundheitliche Folgen der Mobilfunktechnik wird unter Laien viel gestritten. Tausende wissenschaftliche Studien beschäftigen sich damit - bislang ohne einen Beleg für eine Schadwirkung liefern zu können. Hinlänglich bekannt ist jedoch, dass Handys für eine leichte Erwärmung von wenigen Grad Celsius am Kopf sorgen können. Unter Insidern ist dies auch als "Wollmützeneffekt" bekannt.
SAR-Wert
Der Messwert SAR beschreibt, wieviel Energie in einem elektromagnetischen Feld übertragen wird. Die Abkürzung steht für "spezifische Absorptionsrate". Anhand dieser Einheit kann man leicht nachvollziehen, welche Messwerte hier miteinander verbunden werden: W/kg steht für Watt pro Kilogramm. Die Energie (in Watt) wird im Körpergewebe (in Kilogramm) vor allem in Wärme umgewandelt.

Die spezifische Absorptionsrate wird bestimmt, indem man sechs Minuten lang die Erwärmung des Körpergewebes misst und einen Mittelwert bildet. Man geht davon aus, dass nach längerer Zeit ein Gleichgewicht zwischen Wärmezufuhr und -abgabe entsteht.

Die Hersteller von Mobiltelefonen geben als SAR-Wert für die jeweiligen Modelle die Maximalwerte an. In den vergangenen Jahren ist der SAR-Wert von Handys kontinuierlich gesunken.
Strahlungsarme Geräte
Entsprechend einer Empfehlung der Strahlenschutzkommission liegt in Deutschland der Grenzwert für die SAR eines Handys bei 2 W/kg. Das basiert auf einer Leitlinie der Internationalen Kommission zum Schutz vor Nichtionisierender Strahlung (ICNIRP).

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) aus Salzgitter listet auf seiner Website mehr als tausend Mobiltelefone auf. Alle liegen unter dem gesetzlichen SAR-Wert von 2 W/kg. Bei den 243 aktuell produzierten Handys (Stand Juli 2009) liegen die SAR-Werte laut BfS zwischen 0,1 W/kg und 1,57 W/kg am Kopf bzw. 0,003 W/kg und 1,87 W/kg am Körper. Mehr als ein Drittel der aktuellen Modelle liegen unter 0,6 W/kg und erfüllen demnach das Kriterium für das Umweltzeichen "Blauer Engel".

Episodischen Berichten von Auswirkungen hochfrequenter, gepulster elektromagnetischer Strahlung auf Zellkulturen oder Versuchstiere hängt der Makel an, dass sie für eine Schlagzeile gut sind, wenn daraus ein vermeintliches Risiko abgeleitet werden kann. Ob solche Ergebnisse von unabhängigen Kollegen reproduziert werden können - oder sich gar auf Menschen übertragen lassen - wird hingegen in der Berichterstattung seltener diskutiert. Das hatte im vergangenen Herbst ein besonders krasses Beispiel aufgebauschter Berichterstattung über angebliche Handystrahlungsgefahr für die menschliche Fruchtbarkeit gezeigt. Die Arbeitsweise von Wissenschaft und Medien, so scheint es, sind in dieser Beziehung inkompatibel.

Der im Forscherjargon Nullhypothese genannte Beleg, dass irgendetwas absolut und prinzipiell ungefährlich ist, lässt sich ohnehin nicht führen. Zur korrekten Berichterstattung gehört jedoch die Feststellung, dass der gegenwärtige Sachstand keine Belege für einen Handy-Kopfkrebs-Zusammenhang liefert.

Tausende Studien, punktuelle Berichterstattung

Tausende von Forschern haben sich bereits mit dem Thema beschäftigt, die Menge der laufenden Forschungsprojekte ist immens groß. 10.553 Studien zu den Auswirkungen elektromagnetischer Strahlung auf den Organismus zählt alleine das "EMF-Portal" des Forschungszentrum für Elektro-Magnetische Umweltverträglichkeit (Femu) der RWTH Aachen am 1. Februar. Auch viele Interphone-Projekte zählen dazu. Alleine rund 50 Forschungsvorhaben laufen unter dem Schirm des Deutschen Mobilfunk-Forschungsprogramms (DMF). Für Anfang 2008 erwartet BfS-Sprecher Emrich nach Abschluss des DMF Ergebnisse, "die den Kenntnisstand erweitern könnten".

Oft zitiert wird eine im vergangenen Oktober in der Fachzeitschrift "World Journal of Surgical Oncology" veröffentlichte Auswertung von Lennart Hardell von der schwedischen Örebro University. Der Krebsforscher glaubte, einen schwachen Zusammenhang zwischen Handys und Hirntumoren bei Langzeittelefonierern gefunden zu haben. Von anderen Forschungsgruppen bestätigt wurden diese Ergebnis indes nicht.

Als eine der größten Einzelstudien wird jenes Zahlenwerk gehandelt, in dem dänische, US-amerikanische Forscher und der Mainzer Schüz vergangenes Jahr die Kundendaten dänischer Mobilfunkbetreiber mit den Krankheitsgeschichten der Telefonierer verglichen. Bei über 420.000 Studienteilnehmern hatten sie keinen Hinweis auf ein gesteigertes Krebsrisiko finden können - keine endgültige Entwarnung, aber ein weiteres Steinchen auf dem Erkenntnisweg.

Schon jetzt steht fest, dass sich ein erheblicher Teil der Bundesbürger von der schieren Möglichkeit negativer gesundheitlicher Auswirkungen einschüchtern lassen: Im Rahmen des DMF befragten Meinungsforscher 2500 Menschen in Deutschland. Ergebnis dieser repräsentativen Studie: Fast ein Drittel (27 Prozent) zeigten sich im Herbst 2006 angesichts hochfrequenter elektromagnetischer Felder besorgt. Fast jeder Zehnte (9 Prozent) beschrieb sich gar als gesundheitlich beeinträchtigt. Vergleichsstudien aus anderen Ländern fehlen. Doch in Anbetracht des bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisstandes ist dieser Anteil zumindest verwunderlich. Vielleicht haben ja 4,5 Zentimeter hohe Schlagzeilen dazu beigetragen.

Mitarbeit: Markus Becker

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