Von Holger Dambeck
Seriennummern können Geschichten erzählen. Und manchmal sogar Geheimnisse verraten.
Die Alliierten berechneten im Zweiten Weltkrieg aus den Nummern zerstörter deutscher Panzer den ungefähren monatlichen Ausstoß von Hitlers Fabriken. Mit einer ähnlichen Methode wurde 2008 die Jahresproduktion früher iPhone-Modelle geschätzt - gestützt auf die sogenannte IMEI-Nummer, die für jedes GSM-Handy weltweit eindeutig vergeben wird. Die Methode ist im Prinzip einfach. Wählt man zufällig einige Produkte (= k) aus der Gesamtproduktion aus, erlaubt das Produkt mit der größten Seriennummer (= m) die Abschätzung der Gesamtmenge. Die Formel dafür lautet: m + m/k -1 (Details dazu...)
Aber ist dieser Nummerntrick auch bei den modernsten Smartphones anwendbar? SPIEGEL ONLINE hat es herausgefunden.
Mehr als 1400 Leser haben sich an einem Experiment beteiligt und die 15-stellige IMEI-Nummer ihres Handys in ein Online-Formular getippt. Jetzt sind die Daten ausgewertet. Die Analyse enthüllt, wie schlecht sich offenbar manches Smartphone verkauft - und bestätigt, dass Geheimniskrämerei bei Apple mindestens so groß geschrieben wird wie gutes Design.
Vorweg: Die IMEI-Analyse ist keine streng wissenschaftliche Untersuchung. Basis ist eine Online-Umfrage bis zum 26. November; mit mathematischen Grundkenntnissen hätten Surfer hier auch fiktive Seriennummern eingeben können. Allerdings gibt es keine Indizien dafür, dass bei dieser Umfrage geschummelt wurde. Sie bestätigt vielmehr Apples Dominanz bei Smartphones: Mehr als die Hälfte der erfassten Geräte (767 Stück) waren iPhones. Danach folgt das HTC Desire (168 Stück), das mit Googles Betriebssystem Android arbeitet.
Die letzte Ziffer der IMEI-Nummer ist die Prüfziffer, die mit dem Luhn-Algorithmus aus den anderen berechnet wird. SPIEGEL ONLINE hat mit ihr die Angaben aus der Umfrage kontrolliert - und nur bei wenigen gab es Probleme. Auch einige wenige zu kurze Nummern oder Angaben mit Buchstaben wurden aussortiert.
Wie IMEI, TAC und Seriennummern funktionieren
IMEI-Nummern werden blockweise an Handyhersteller vergeben. Die ersten acht Ziffern bilden den Type Allocation Code (TAC), der für jedes Modell spezifisch ist. Das HTC 7 Mozart zum Beispiel hat die 35262904. Daran schließt sich die eigentliche sechsstellige Seriennummer an. Pro TAC können Hersteller somit eine Million verschiedene Geräte desselben Typs mit einer individuellen IMEI-Nummer versorgen.
Telefone wie das iPhone 3GS, die öfter verkauft werden, benötigen deshalb mehrere TAC-Nummern. Wenn aber für ein Gerät nur eine einzige TAC-Nummer bekannt ist, gibt es davon höchstens eine Million Stück.
Und das iPhone? Bei diesem Gerät ist die IMEI-Analyse inzwischen am schwierigsten, im Gegensatz zum erwähnten ersten Anlauf 2008. Hersteller Apple hat offensichtlich gelernt und will möglichst wenig über sich preisgeben.
Allein beim iPhone 4, das seit dem Sommer im Handel ist, meldeten die SPIEGEL-ONLINE-Leser 35 verschiedene TAC-Segmente. Theoretisch könnten also 35 Millionen Stück auf dem Markt sein. Was kaum stimmen kann - denn von Ende Juni bis Ende September wurden nach Konzernangaben weltweit 14,1 Millionen iPhones verkauft, wohlgemerkt alle Modelle, Apple schlüsselt das nicht auf. Die einzige konkrete Zahl zum iPhone 4 stammt vom Verkaufsstart am 24. Juni 2010. An den ersten drei Tagen gingen demnach 1,7 Millionen Stück über den Ladentisch.
Offensichtlich verwendet Apple deutlich mehr TAC-Pools für das iPhone 4 als nötig - und streut seine Seriennummern quer über alle Pools hinweg, statt immer einen komplett aufzufüllen. So kann das Unternehmen eine Abschätzung der Produktionszahlen verhindern. Dies sei durchaus üblich, teilt das britische Unternehmen BABT mit, das IMEI-Blöcke an Handyhersteller wie Nokia vergibt. Ob diese Blöcke vollständig genutzt werden oder nicht, sei allein Sache der Geräteproduzenten, sagte ein Firmensprecher.
Gibt es einen anderen Weg, die iPhone-4-Stückzahl zu kalkulieren? Die Daten der SPIEGEL-ONLINE-Leser ermöglichen zumindest eine grobe Schätzung. In der Umfrage wurde auch gefragt, wann das Handy gekauft wurde. Im zweiten Halbjahr 2010 war das Verhältnis zwischen iPhone 4 und iPhone 3GS demnach 392:15. Sprich, 96 Prozent waren iPhone 4. Aus diesem Wert lässt sich die Gerätezahl folgern - wenn man annimmt, dass das Verhältnis bei allen Käufern dem der SPIEGEL-ONLINE-Leser entspricht. Und das geht so:
Von 27. Juni bis 25. September 2010 hat Apple nach eigenen Angaben 14,1 Millionen iPhones beider Modelle verkauft. Wenn der Absatz in den Folgemonaten genauso hoch war, ergeben sich bis zum 22. November - dem Zeitpunkt der Umfrage - etwa 23 Millionen verkaufte iPhones. Bei der angenommenen Quote von 96 Prozent ergäbe das gut 22 Millionen iPhone 4. Rechnet man die 1,7 Millionen in den ersten drei Verkaufstagen vom 24. bis 26. Juni hinzu, kommt man auf fast 24 Millionen.
Diese Zahl ist vermutlich zu klein, wenn Apple die Produktion wegen der großen Nachfrage nach oben gefahren hat. Oder sie ist zu groß - wenn der Anteil des Modells 3GS global gesehen größer ist als bei den SPIEGEL-ONLINE-Lesern.
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