Cannabis als Medizin Schwerkranke starten Petition zur Haschisch-Freigabe

Laut Richterspruch dürfen Schmerzkranke Cannabis anbauen, für den Eigenbedarf. Doch Betroffene bleiben gezwungen, sich illegal selbst zu therapieren, denn das Gesundheitsministerium blockiert, wo es kann. Eine Petition soll das jetzt ändern.

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Umstritten: Cannabis als Medizin
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Umstritten: Cannabis als Medizin


Die Freude währte nur kurz: Im Juli entschied das Verwaltungsgericht Köln in einem spektakulären Urteil, dass Schmerzpatienten Cannabis zu therapeutischen Zwecken selbst anbauen dürfen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel (BfArM) muss die Genehmigung erteilen - für Deutschland eine Premiere.

Doch bis es tatsächlich so weit ist, kann es noch dauern. Das Bundesgesundheitsministerium teilte umgehend mit: Wir äußern uns nicht. Erst müsse man auf die schriftlichen Urteilsbegründung warten, sagte eine Sprecherin. Frühere Versuche, eine Cannabis-Freigabe für medizinische Zwecke zu erreichen, hatten die Amtsträger stets brüsk zurückgewiesen. Begründung: Das Interesse des Patienten "müsse zurückstehen gegenüber dem Schutzinteresse der Bevölkerung".

Dabei befürworten viele Politiker längst eine Freigabe von Cannabis. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert etwa, dass Krankenkassen die Kosten für Cannabis aus der Apotheke übernehmen. Das sei eine sichere und schlauere Lösung, als jeden Einzelfall zu prüfen. Derzeit würden Betroffene noch dazu gezwungen, ihr Medikament selbst anzubauen. Lauterbach will nun mit Gesundheitsminister Hermann Gröhe über eine neue Cannabis-Politik sprechen.

Schmerzpatienten, die auf eine Liberalisierung warten, setzen ihre Hoffnungen auf eine Petition, die am 16. August gestartet wurde und nun noch zwei Wochen läuft. Bis dahin müssen 50.000 Deutsche den Aufruf unterzeichnet haben, dann wird die Petition öffentlich im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags beraten.

Der Mediziner Franjo Grotenhermen, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin, ist Initiator der Aktion. In seiner Petition heißt es, die Bundesregierung solle "Maßnahmen ergreifen, damit die Kosten einer Behandlung mit Medikamenten auf Cannabisbasis bezahlt werden". Auch die Strafverfolgung Betroffener solle aufhören.

Die "inhumane strafrechtliche Verfolgung von kranken Bundesbürgern, die mit Unterstützung ihres Arztes eine Selbsttherapie mit Cannabis durchführen, muss beendet werden", sagt Grotenhermen. So würde die Therapiefreiheit kranker Menschen spürbar verbessert.

Derzeit könnten hierzulande drei Medikamente auf Cannabisbasis mit einem Betäubungsmittelrezept verschrieben werden. Zudem besteht die Möglichkeit einer Ausnahmeerlaubnis durch das Bundesinstitut für Arzneimittel zur Verwendung von Cannabisblüten aus der Apotheke. Für Betroffene, die wegen ihrer Krankheit oft nicht arbeiten können, meist ein unbezahlbarer Luxus. Und die Kassen übernehmen die Kosten für Cannabis bisher in der Regel nicht.

"Vermögende Patienten in Deutschland sind hinsichtlich der Möglichkeiten der medizinischen Nutzung von Cannabisprodukten deutlich besser gestellt", kritisiert der Arzt. Er prangert die "Zweiklassenmedizin" an, zudem seien Bürgern heute mangels erschwinglicher Alternativen gezwungen, sich illegal mit Cannabisprodukten selbst zu therapieren.

In anderen Ländern seien unterschiedliche Lösungen für dieses Problem gefunden worden. So erstatten viele Krankenkassen in den Niederlanden eine Behandlung mit Cannabisblüten. In Israel und Kanada sind die Preise für Cannabisprodukte wesentlich niedriger als in Deutschland. In Spanien sei der Anbau von Cannabis für den Eigenbedarf erlaubt.

Bislang haben 7500 Menschen die Petition "Cannabis als Medizin" unterzeichnet, darunter so renommierte Vertreter wie Elis Huber, früherer Präsident der Ärztekammer Berlin, Matthias Karst, Leiter der Schmerzambulanz der Medizinischen Hochschule Hannover, und Ute Köhler. Die Schmerzpatientin engagiert sich seit Jahren für eine moderne Hanftherapie und hat dafür bereits den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland erhalten.

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insgesamt 109 Beiträge
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fatherted98 29.08.2014
1. Unverständlich....
....ich dachte die Betonköpfe der Anti-Drogen-Fraktion gehörten der Geschichte an...anscheinend ist man in Regierungskreisen wohl der Meinung das Bier und Schnaps die allein seelig machenden Drogen in unserer Gesellschaft sein dürfen. Noch dazu geht es gar nicht um eine allgemeine Freigabe sondern nur um Sonderfälle von Schwerkranken....unglaublich...als Schwerkranker würde ich meine Sachen packen und an die Grenze nach Holland ziehen um mir dort meine tägliche Ration zu besorgen...legal natürlich in Holland...obwohl ja auch versucht wird Konsumenten die von Holland nach Deutschland zurückkehren (ohne Dope) zu kriminalisieren.
jackass 29.08.2014
2. Wird Zeit
Nachdem der Motor für die weltweite Prohibition, die USA, nun selbst massiv in Richtung Legalisierung driften - sei es wirklich aus der neu erlangten Erkenntnis, das Hanf doch nicht soo schädlich ist wie angenommen und propagiert wurde oder nur aus monetären Gründen - spielt keine Rolle. Damit kippt jegliche Rechtfertigung für ein Verbot und deutsche Politiker, wenn Sie nicht absolut blind sind, müssen die Zeichen der Zeit erkennen und mit der massiven Steuerverschwendung und kriminalisierung der Konsumenten aufhören. Die Legalisierung in Deutschland wird kommen!
reifenexperte 29.08.2014
3. Was das Gesundheitsministerium
und die Bundestagsabgeordneten hier veranstalten, ist richtig kriminell! Wenn jetzt nicht sofort eine Freigabe erfolgt, muss dafür gesorgt werden, dass diese Leute zur Rechenschaft gezogen werden, für ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Luna-lucia 29.08.2014
4.
Erstmal, wir sind grundsätzlich gegen jede Art von Drogen! Dazu gehört natürlich auch Alkohol. ABER! Was sagt uns die Medizin dazu wirklich? Sind nicht die meisten aller Medikamente irgendwo, und irgendwie nur Drogen? Schmerzmittel z.B. – heilen nie! Und nicht! – Sie unterdrücken nur den Schmerz. Wie z.B. Ascotop, Sumatriptan … eben alle Triptane, Migräne unterdrücken – aber nicht heilen können! Das sind einfach NUR Drogen! Lol, diese Triptane werden natürlich NUR !! als Medikamente geführt! Aber was tun sie in unserem Gehirn? Man vermutet, dass es im Gehirn so etwas wie einen “Migränegenerator“ gibt, denn mittels einer modernen Bildgebungsmethode (PET = Positronenemissionstomographie), die die Funktion des Gehirns während der Migräneattacke untersucht, konnten Forscher ein Areal finden, das nur während, nicht jedoch außerhalb der Attacke aktiviert war. Dieses Areal liegt im Hirnstamm, dem Teil des Gehirns, das zwischen dem Großhirn und dem Rückenmark liegt. Forscher gehen davon aus, dass dies der „Migränegenerator“ der Motor ist, der eine Migräneattacke auslöst. Das Gehirn selber also steuert die Attacken, vermutlich um die Betroffenen aufzufordern, sich auszuruhen. Ja, man vermutet – weiß es aber immer noch nicht! Aber hier helfen DROGEN, wie etwa die Triptane! Sie werden nur nicht unter DROGEN geführt, WEIL sie von der Pharmaindustrie mit Millionenaufwand entwickelt wurden! Würde jetzt z.B. Haschisch – Cannabis, [url]https://www.lecithol.de/[url] in flüssiger, oder „fester“ Form eingenommen werden dürfen, würden sehr vielen, äußerst schmerzhafter Krankheiten, Schmerzen, mit weit weniger Nebenwirkungen, unterdrückt werden können. NUR !! Leider, würde das die Gewinne der Pharmaindustrie drastisch senken – ABER !!! Unser aller Gesundheit, wäre auf Grund weniger Nebenwirkungen von Schmerzmitteln im Krankheitsfall, entscheidend geholfen!
otto_iii 29.08.2014
5. 762
Soso, das Interesse der Kranken muss also hinter dem "Schutzinteresse der Bevölkerung" zurückstehen... Wäre interessant einmal von den Gesundheitsbürokraten zu erfahren, inwieweit der Anbau von Cannabis zum Eigenverbrauch die Bevölkerung gefährden soll. Da aber die Beharrungskräfte der Bürokratie hierzulande immens sind, nicht nach Sinn und Zweck gefragt wird, sondern nach der Regel: "Das haben wir noch nie so gemacht, da könnte ja jeder kommen!" verfahren wird, bleibt wohl nur die pragmatische Lösung: Einfach illegal einkaufen/anbauen. Wer kein Geld hat, nicht arbeitet und krankheitsbedingt nicht haftfähig ist sich um unsere Strafgesetze de facto nicht zu scheren. was soll ihm schon passieren? Gegenüber jemandem, der nichts zu verlieren hat wird der (Straf-)Rechtsstaat zum zahnlosen Tiger.
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