Ignoranz-Test Wissen Sie wirklich, wie es um die Welt steht?

Kriege, Klimawandel, Katastrophen - es sieht nicht gut aus für die Menschheit. Aber stimmt das tatsächlich? Oder entwickelt sich die Erde gar zum Besseren? Prüfen Sie Ihren Wissensstand und machen Sie den Ignoranz-Test.

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Bevölkerung in Shanghai: "Vieles wird besser. Aber ihr seht es nicht!"
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Bevölkerung in Shanghai: "Vieles wird besser. Aber ihr seht es nicht!"


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Als Hans Rosling, ein schwedischer Medizinprofessor, in den Neunzigerjahren prüfte, wie viel seine Studenten über den aktuellen Stand der wichtigsten globalen Entwicklungen wussten, war er schockiert. "Da saßen lauter Vertreter der schwedischen Elite im Hörsaal, und sie hatten keine Ahnung", sagt Rosling. Er hatte seinen Studenten Fragen nach der durchschnittlichen Geburtenziffer, der globalen Impfquote, der Einkommensverteilung oder der Lebenserwartung gestellt und jeweils mehrere Antwortmöglichkeiten gegeben.

Es zeigte sich, dass selbst angehende Ärzte die Lage der Welt völlig falsch einschätzten. "Die Bilder in ihren Köpfen", sagt Rosling, "waren hoffnungslos veraltet." (Achtung! Wer den Test unvoreingenommen ausprobieren möchte, sollte das Lesen an dieser Stelle unterbrechen und zuerst das Quiz machen.)

Das war der Anfang der zweiten Karriere des Hans Rosling. Mit Ted-Talks und Filmvorträgen über die fabelhafte Erfolgsgeschichte der Menschheit ist er seither zum Internetstar geworden. Seine wohl bekannteste Statistikpräsentation visualisiert im Zeitraffer die Entwicklung von Lebenserwartung und Pro-Kopf-Einkommen von 200 Ländern in den letzten 200 Jahren und sie gilt bereits als Klassiker der Datenvisualisierung. Millionen haben den Clip gesehen. Und Rosling, mittlerweile 66 Jahre alt, wurde zum Rufer gegen das Wüste, dessen Kernbotschaft lautet: Es geht der Welt viel besser, als ihr glaubt.

Denn obwohl die Medien jeden Tag voll sind mit schlechten Neuigkeiten über drohende oder aktuelle Kriege, über Naturkatastrophen und schmelzende Eiskappen, über die Überbevölkerung und Finanzkrisen - entwickeln sich viele Dinge weltweit zum Positiven.

Die Armut sinkt in praktisch allen Ländern. Die Anzahl der Kinder pro Frau ebenso, womit sich das Bevölkerungswachstum verlangsamt. Die Lebenserwartung steigt, die Alphabetisierungsrate auch, die Kindersterblichkeit fällt. "Die allermeisten Menschen im Westen jedoch nehmen nicht wahr, wie schnell und tiefgreifend sich der Rest der Welt verändert", sagt Rosling, und zwar "sehr oft zum Besseren".

Um seinen Zuhörern vor Augen zu führen, wie schief ihr Weltbild ist, haben Rosling und seine Stockholmer Stiftung Gapminder den "Ignorance TestSurvey" entwickelt. In seinen Vorträgen stellt er das Quiz als "Schimpansen-Test" vor und vergleicht das "Wissen" von Affen mit jenem der Menschen - und die Tiere schneiden durchweg besser ab.

"Wenn ich die drei möglichen Antworten auf jede Frage auf Bananen schreiben würde, diese dann Affen im Zoo zur Auswahl gäbe, so würden sie nach dem Zufallsprinzip zugreifen", so Rosling. Dabei käme, eine genügend hohe Zahl an Tieren vorausgesetzt, immerhin ein Drittel richtiger Antworten heraus. Das ist ein Schnitt, den Menschen in der Regel nicht erreichen - wie auch eine repräsentative SPIEGEL-Umfrage in Deutschland mit 1088 Probanden ergeben hat.

"Toxische Kombination aus Ignoranz und Arroganz"

Der zehn Fragen umfassende Test wurde bereits in einigen Ländern durchgeführt, darunter Schweden, England und die USA. Überall zeigt sich das gleiche Bild: Die Leute schätzen die Lage viel zu pessimistisch ein. Vor die Wahl gestellt, ob die durchschnittliche Lebenserwartung auf der Welt heute A: 70 Jahre, B: 60 Jahre oder C: 50 Jahre betrage (es sind 70 Jahre), antwortete in England und Schweden nur jeder Fünfte richtig. Mehr als die Hälfte tippten auf 60 Jahre - einen Wert, der schon Anfang der Siebzigerjahre erreicht wurde.

Dass die globale Alphabetisierungsrate heute nicht 40, nicht 60, sondern 80 Prozent beträgt, können sich in Deutschland nur 30 Prozent der Befragten vorstellen, etwa gleich wenige wie in anderen westlichen Nationen. Gar nur 7 Prozent der Amerikaner und 23 Prozent der Schweden wussten, dass sich der Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung seit 1990 halbiert und nicht etwa verdoppelt hat, wie rund die Hälfte glaubten.

Das Unvermögen in den Industrienationen, die Fortschritte in Entwicklungsländern wahrzunehmen, führt Rosling zurück auf eine "toxische Kombination aus Ignoranz und Arroganz".

Die Daten, die Rosling und Gapminder verwenden, sind unumstritten, sie stammen von Uno, Weltbank und anderen internationalen Organisationen. Ein Vorwurf jedoch, dem der Professor sich ab und zu ausgesetzt sieht, ist jener, er verharmlose das Elend auf der Welt. "Viele Leute begreifen nicht, dass ich keineswegs sage, alles ist gut. Nichts liegt mir ferner. Ich habe zwanzig Jahre meines Lebens in Afrika verbracht und weiß, was Armut ist. Ich sage bloß: Vieles wird besser. Aber ihr seht es nicht!"

Als Optimisten will er sich nicht verstanden wissen, sondern als "praktischen Possibilisten", was ein Mittelweg ist zwischen Schwarzmalerei und blindem Fortschrittsglauben. Den grassierenden Pessimismus im Westen hält er für Eskapismus, für Denkfaulheit, die, weil ja eh alles zum Teufel geht, davon entbindet, etwas zu unternehmen.

Hans Rosling plädiert keineswegs dafür, die Hände in den Schoss zu legen. Im Gegenteil. Er sagt: "Ich will den Leuten zeigen, dass das scheinbar Unmögliche möglich ist. Es ist möglich, die Armut zu besiegen. Es ist möglich, den Klimawandel zu überstehen, wenn wir es klug anstellen. Es ist möglich, dass die Welt im Jahr 2100 zehn Milliarden Menschen ernährt."

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insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
helgeharder 10.09.2014
1. Der Vorwurf der Ignoranz...
ist übertrieben. Das Problem des normalen Bürgers dürfte eher sein, daß in den Massenmedien nicht über diese Entwicklungen berichtet wird! Wenn es Berichte über Afrika in den Nachrichten gibt, sind es fast immer Berichte über verhundernde Menschen, Dürren und Naturkatastrophen. Wem will man dann verdenken, daß er das positivere Gesamtbild nicht erkennt?
giseun 10.09.2014
2. Besser / Schlechter?
Besser und Schlechter sind relative Kategorien, deren Angemessenheit man nur bestimmen kann, wenn man einen Maßstab hat, an dem man die Entwicklung bemessen kann. Nach der Lektüre des Artikels stellt sich mir insofern die Frage, ob nicht die Autoren hinsichtlich dieses kleinen aber wichtigen Details in wohliger Ignoranz leben. Denn einen Maßstab, nach welchen Kriterien man die Veränderung bemessen sollte, bieten sie nicht an.
muellerthomas 10.09.2014
3.
Zitat von giseunBesser und Schlechter sind relative Kategorien, deren Angemessenheit man nur bestimmen kann, wenn man einen Maßstab hat, an dem man die Entwicklung bemessen kann. Nach der Lektüre des Artikels stellt sich mir insofern die Frage, ob nicht die Autoren hinsichtlich dieses kleinen aber wichtigen Details in wohliger Ignoranz leben. Denn einen Maßstab, nach welchen Kriterien man die Veränderung bemessen sollte, bieten sie nicht an.
Ist das in den allermeisten Fällen nicht offenkundig? Eine höhere Alphabetisierungsquote ist besser als ein niedrigere, weniger Armut ist besser als mehr Armut. Welche Maßstäbe würden Sie denn anlegen wollen?
kdshp 10.09.2014
4.
In der natur gibt es kein falsch und richtig und da wir ein teil der natur sind machen wir auch nichts falsch. Fragt sich ein komet der einen ganzen planeten "zerstören" kann gedanken darüber obs richtig oder falsch ist. Im grunde ist die menschheit wie ein parasit der seinen wirt ausnutzt und dann eingeht weil seine lebensgrundlage weg ist. Ja und dann gehts weiter mit der natur.
Koda 10.09.2014
5. Hey, das wollte ich gerade sagen....
Zitat von helgeharderist übertrieben. Das Problem des normalen Bürgers dürfte eher sein, daß in den Massenmedien nicht über diese Entwicklungen berichtet wird! Wenn es Berichte über Afrika in den Nachrichten gibt, sind es fast immer Berichte über verhundernde Menschen, Dürren und Naturkatastrophen. Wem will man dann verdenken, daß er das positivere Gesamtbild nicht erkennt?
"There´s no good news but bad news" Es gilt doch leider dies: Mit dem Bild eines toten Kindes kann man immer mehr Aufmerksamkeit erlangen als mit den BBildern geretter Kinder - weil dann der Medienkonsument erleichtert die Zeitung senkt oder dne Kanal wechselt.
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