Hasspost von Lesern Sehnsucht nach dem Grauen

In einer E-Mail geht es um die angeblich bevorstehende Ermordung meiner Kinder. Was mag im Kopf des Absenders vor sich gehen? Drei Theorien.

Der Hashtag #Hass auf einem Bildschirm
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Der Hashtag #Hass auf einem Bildschirm

Eine Kolumne von


Neulich habe ich wieder eine von diesen E-Mails bekommen. Bei mir sind es nicht so viele, andere Journalisten bekommen deutlich mehr. Solche mit ausländisch klingenden Nachnamen zum Beispiel, wie Dunja Hayali oder mein hochgeschätzter Kollege Hasnain Kazim. Oder solche, die im Fernsehen Dinge sagen, die Rechtsradikalen nicht gefallen, so wie Anja Reschke. Trotzdem macht es mich jedes Mal nachdenklich, wenn wieder eine eintrifft.

In dieser jüngsten erklärte mir der Autor, er "hoffe" ich werde - nicht würde - auch dann noch "so schön rational" bleiben, wenn, "ihre Tochter von einem muslimischen Migranten vergewaltigt und ermordet wird. Oder wenn ihr Sohn von einem Islamisten in Stücke gerissen wird. Oder ihre Frau vor Ihren Augen enthauptet wird". Der Indikativ "wird" ist hier wichtig, denn er zeigt an, dass es sich bei den geschilderten Ereignissen in der Fantasie des Autors nicht um Möglichkeiten handelt, sondern um Dinge, die definitiv geschehen werden. Er scheint sich geradezu auf diese fiktive Zukunft zu freuen.

Der akademische Titel in der Signatur darf nicht fehlen

Vermutlich um seinen Bildungsgrad zu illustrieren, unterschrieb der Autor die E-Mail nicht nur mit seinem - mutmaßlich echten - vollen Namen, sondern auch mit einem akademischen Titel. Das ist meiner bescheidenen kleinen Stichprobe zufolge übrigens erstaunlich häufig bei den Autoren derartiger E-Mails. Sie scheinen der Meinung zu sein, dass ein akademischer Titel ihrer Aggression und Angstlust einen respektableren Anstrich oder mehr Autorität verleihen könnte. Natürlich ist es gut möglich, dass sowohl der Name als auch der Titel frei erfunden sind.

Die E-Mail war eine Reaktion auf einen Text, in dem ich in Paris beobachtete Szenen eines friedlichen Zusammenlebens zwischen Muslimen und Nichtmuslimen beschrieben hatte. Nach der Ansicht des Mailschreibers, der meiner Frau und meinen Kindern - aus pädagogischen Gründen! - den Tod wünscht, handelt es sich dabei um "Multikulti Propaganda".

Bald herrscht in Deutschland der IS?

Jedes Mal, wenn ich eine dieser E-Mails bekomme, frage ich mich, was genau diese Leute an- und umtreibt. Ich persönlich halte es für ausgeschlossen, dass in Deutschland demnächst das Grundgesetz durch Scharia und Schreckensherrschaft ersetzt wird. Menschen wie der Mailschreiber behandeln diese Entwicklung dagegen als Gewissheit. Sie scheinen sich davor zu fürchten. Gleichzeitig kommt es einem vor, als wünschten sie sich so eine Zukunft herbei, in der in Deutschland der IS herrscht, nach Herzenslust vergewaltigt und köpft. Nur, um recht zu behalten.

Für dieses doch recht komplizierte Konglomerat aus Emotionen und Vorstellungen müssen einige Bedingungen erfüllt sein.

Erstens muss derjenige, der diese Zukunft für eine reale Bedrohung hält, die beobachtbare Realität sehr effektiv ausblenden. Derzeit stammen von 100 in Deutschland lebenden Menschen ungefähr fünf oder sechs aus muslimisch geprägten Kulturen. Die allermeisten davon möchten selbstverständlich nicht unter einem IS-ähnlichen Regime leben, ein gewisser Anteil ist davor ja sogar unter Lebensgefahr geflohen. Etwa die Hälfte der Muslime in Deutschland hat türkische Wurzeln.

Anteil vierfach überschätzt

Befragt man die Deutschen, wie hoch der Anteil wohl ist, bekommt man aber ganz andere Zahlen zu hören. Im Mittel auf 21 Prozent schätzen Deutsche den Bevölkerungsanteil von Muslimen, also viermal so hoch wie in der Realität. Vermutlich gehen Menschen wie der Mailschreiber mit den Vergewaltigungsfantasien von einem noch höheren Anteil aus.

Zweitens muss man, um in der Welt des Mailschreibers zu leben, davon ausgehen, dass Muslime nicht nur eine religiös-fundamentalistische Herrschaft anstreben, sondern ein blutiges Regime, in dem Kinder vergewaltigt und Frauen geköpft werden.

Hier spielt meiner Wahrnehmung nach eine Eigenheit des menschlichen Denkens eine Rolle, die in der Psychologie Verfügbarkeitsheuristik genannt wird. Sie lässt sich in Kurzform so beschreiben: Wenn wir uns etwas leicht in Erinnerung rufen können, dann halten wir es auch für wahrscheinlicher. Deshalb glauben Menschen nach spektakulären Flugzeugabstürzen vorübergehend, dass Flugzeugabstürze viel häufiger sind, als das tatsächlich der Fall ist.

Einmal mehr: Rechtsradikale und der IS im Gleichklang

Die Propagandisten, von denen Leute wie der Mailschreiber gefüttert werden, nutzen dieses Phänomen sehr gezielt aus. Deshalb pochen sie zum Beispiel darauf, dass die aus gutem Grund im Pressekodex verankerte Regel, dass die Nationalität von Straftätern in der Berichterstattung nur erwähnt wird, wenn sie etwas mit der Tat zu tun hat, abgeschafft wird. Sie möchten die Verfügbarkeit von Erinnerungen an Straftaten, die zum Beispiel von syrischen Flüchtlingen begangen werden, im kollektiven Bewusstsein erhöhen. Egal, wie hoch ihre relative Häufigkeit tatsächlich ist.

Der Terror und die Gräueltaten des IS folgen der gleichen Strategie: Je mehr über Anschläge und grauenvolle Hinrichtungen berichtet wird, für umso wahrscheinlicher halten es viele Menschen, selbst zum Opfer einer solchen Tat zu werden.

Das gleiche gilt übrigens für andere gewaltsame Arten ums Leben zu kommen, etwa Unfälle: Ihre Wahrscheinlichkeit wird in Studien mit vielen Teilnehmern regelmäßig überschätzt, die von viel häufigeren Todesursachen wie Krankheiten unterschätzt. Über Krebstote wird in den Nachrichten eher selten berichtet, über Unfälle und Gewalttaten aber häufig.

Kognitive Dissonanz: Das ist einfach unangenehm

Drittens muss die Kluft zwischen der Realität, in der Deutschland eben glücklicherweise nicht von einer muslimischen Terrorherrschaft bedroht wird, und dem Weltbild von Menschen wie dem Mailschreiber massive kognitive Dissonanz erzeugen. Irgendetwas passt da nicht zusammen, und das ist einfach unangenehm. Unser kognitiver Apparat verfährt da nach dem Prinzip: "Was nicht passt, wird passend gemacht." Auf Psychologisch heißt das: Dissonante Information wird abgewertet. Stichwort "Multikulti-Propaganda".

Dass es tatsächlich Orte gibt, an denen muslimische und nichtmuslimische Kinder einträchtig miteinander Fußball spielen, kann und darf in der dunklen Welt von Menschen wie dem Mailschreiber nicht wahr sein. Konsonante Information dagegen wird aufgewertet, und so ist jede Straftat und jeder Terrorakt den Untergangspropheten in Wahrheit hochwillkommen.

So sehnen sich Menschen wie der Mailschreiber augenscheinlich danach, dass ihre entsetzlichen Ängste endlich Wahrheit werden. Nur, damit dieses unangenehme Gefühl im Kopf endlich aufhört.

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insgesamt 183 Beiträge
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Seite 1
syracusa 07.05.2017
1.
Genau so, wie Herr Stöcker die Mechanismen der Rechtsradikalisierung beschreibt, findet diese auch statt. Eigentlich müsste dieser Artikel als eine Art Sticker dauerhaft auf SpOn stehen. Die Frage bleibt: Wie kann man die Mechanismen der kognitiven Dissonanz aushebeln? Wie kann man die Schreiber solcher Hassbotschaften dazu bewegen, ihre eigenen Meinungen zu reflektieren und an der Wirklichkeit abzugleichen? Meiner Meinung nach ist das v.a. ein Bildungsproblem. Unser Bildungssystem übt auf allen Ebenen zu wenig Selbstreflexion ein, so dass es durchaus auch viele "dumme" Akademiker gibt.
oumar17 07.05.2017
2. Sachliche Analyse
Danke für die sachliche und erhellende Analyse. Aus meiner Sicht ist das die geeignete Art, rechter Propaganda entgegenzutreten: unaufgeregt, sachlich, höflich.
mickt 07.05.2017
3. Danke!
Wider mal ein kluger, gut informierter und reflektierter Artikel - ganz ohne Zynismus oder Feindseligkeit! Bitte weiter so!
wohin 07.05.2017
4. Manchmal....
....ertappt man sich kurz selbst dabei, was der Autor hier beschreibt. Es kommt darauf an, sich nicht in den Negativ-Sog zu begeben. Das passiert ganz schnell, da muss man gegensteuern und - solche Beiträge wie diesen lesen! Da kommt man wieder auf den Teppich. Leider schwimmen auch gute Bekannte (von denen man das nie erwartet hätte) in diesem "Ja, aber"-Sog mit. Ich ahne jetzt, wie das funktioniert. Der MENSCH ist manipulierbar, leider! Leute, plappert nicht alles nach, hinterfragt und macht Euch e i g e n e Gedanken.
BernieistAnders 07.05.2017
5. Wissen Sie woran mich der Mailschreiber erinnert?
An feministische Journalisten! Ihr lebt ja auch in einer anderen Welt, schreibt euch die Welt zurecht. Aus Statistiken und Logik macht ihr euch nichts, wenn es darum geht die feministische Ideologie auf die Gesellschaft loszulassen. Insofern hält sich mein Mitleid in Grenzen. Bei diesen Nazis könnt ihr sehen wie es dem rationalen Leser geht, wenn er feministischen Unsinn in unseren Medien lesen muss.
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