Hausarrest Vogelgrippe ängstigt Katzenfreunde

Die Vogelgrippe lässt Europas Hunde- und Katzenfreunde um das Wohlergehen ihrer Pelztiere fürchten: Die EU will die deutschen Auflagen zu Hauspflicht und Leinenzwang übernehmen. Zugleich wurde bekannt, dass die auf Rügen gefundene Katze die hochansteckende Asia-Variante des H5N1-Virus' trug.


Brüssel - Deutschlands Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Vogelgrippe machen Schule: Die Europäische Union will die in den Seuchengebieten angeordnete Hauspflicht für Katzen und der Leinenzwang für Hunde für alle H5N1-Sperrbezirke übernehmen. Das hat der EU-Ausschuss der nationalen Veterinäre in Brüssel empfohlen und zugleich das deutsche Beispiel ausdrücklich begrüßt, wie die EU-Kommission berichtete.

Katze frisst Meise: Vierbeiner sollen im Haus bleiben
DPA

Katze frisst Meise: Vierbeiner sollen im Haus bleiben

Auch die Experten der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) in Paris lobten das Verhalten der deutschen Behörden. Der Fall der infizierten Katze zeige "den hohen Grad der Aufmerksamkeit und das äußerst effektive Überwachungssystem in Europa".

Das Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems teilte am heutigen Donnerstag mit, dass die Katze mit dem hochansteckenden H5N1/Asia-Virus infiziert war. "Das Ergebnis kommt nicht überraschend", erklärte Timm Harder vom nationalen Referenzlabor. "Die Katze wurde in der Nähe der Wittower Fähre gefunden, dem Zentrum der Infektionen auf der Insel Rügen." An der Einschätzung der Situation ändere der Befund nichts.

Der EU-Ausschuss betonte, dass es bisher keine Hinweise darauf gebe, dass sich Menschen bei anderen Tieren als Vögeln mit dem H5N1-Virus infiziert hätten. Nach derzeitigem Wissensstand seien Fleischfresser wie Katzen eine Art "Sackgasse" für die Verbreitung des Erregers, glauben derzeit sowohl die Mitglieder des EU-Ausschusses als auch Seuchenexperten. Zur Übertragung von H5N1 auch auf Hunde lägen keine Informationen vor, die diese Möglichkeit bestätigten oder ausschlössen.

Französische Tierschützer sehen aufkeimende Panik

Derweil treibt die Vogelgrippe-Gefahr teils bizarre Blüten, insbesondere in der nicht gerade kleinen Gemeinde der Katzenbesitzer. In Frankreich berichten Medien bereits von einer veritablen Angstwelle unter den Freunden der Samtpfoten. Nach dem Fund der mit H5N1 infizierten Katze auf Rügen wurden französische Tierschutzvereine mit Anrufen geradezu bombardiert. "Katzenbesitzer wollen wissen, welche Risiken es gibt", sagte Serge Belais, Präsident der Société Protectrice des Animaux. Manche Menschen hätten ihre Katzen bereits ausgesetzt. "Es beginnt eine Panik", sagte Belais der Nachrichtenagentur AP.

Die Tierschützer wollen die Bürgermeister der französischen Städte schriftlich auffordern, der Vogelgrippe-Angst nicht mit einer großangelegten Jagd auf streunende Katze zu begegnen. Belais empfahl Katzenbesitzern dringend, ihre Tiere im Haus zu halten - damit die Vierbeiner weder dem H5N1-Virus noch einem städtischen Katzenfänger zum Opfer fallen.

Auch in Deutschland sind die Tierschützer höchst besorgt um das Wohlergehen der Katzen. Wer seiner Katze Stubenarrest verordne, müsse sich intensiv um sie kümmern. "Das ist für die Katze eine Einschränkung", sagt Elke Deininger von der Akademie für Tierschutz des Deutschen Tierschutzbundes in München. "Auch wenn sie anfangs unruhig ist oder zeigt, dass sie raus will, gilt es, konsequent zu bleiben."

Damit es dem Tierchen nicht zu langweilig wird, empfiehlt Deininger den Ausbau des häuslichen Bespaßungsprogramms: Für Abwechslung könnten etwa eine Hängematte oder zusätzlich aufgestellte Klettermöglichkeiten sorgen.

Ärger um infiziertes Kind in ARD-Serie

Als ob die Vogelgrippe allein nicht schon genug Aufregung bereithielte, macht jetzt auch noch die ARD Ärger. Tierschützer protestieren gegen die Ausstrahlung der nächsten Episode in der ARD-Serie "In aller Freundschaft" am 7. März. Darin geht es um einen Jungen, der einen neuen Papagei bekommt - und sich von seinem neuen Freund prompt die Vogelgrippe einfängt.

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

"Aufgrund der Schlagzeilen der vergangenen Tage sind die Bürgerinnen und Bürger derzeit stark verunsichert", heißt es in einem Schreiben des Deutschen Tierschutzbundes an ARD-Programmdirektor Günter Struve. "Wir halten es für angebracht, diese Verunsicherung nicht noch weiter anzuheizen." Eine erfundene Geschichte, in der ein Kind durch den Kontakt mit einem Papagei erkrankt, bewirke das genaue Gegenteil. Die ARD solle auf die Ausstrahlung der Folge verzichten, forderte der Tierschutzbund von Struve.

Erstmals Wildvogel in der Schweiz infiziert

Ungeachtet des menschlichen Tuns breitet sich die Vogelgrippe weiter in Europa aus. In der Schweiz wurde die auch für Menschen gefährliche Variante des Vogelgrippe-Virus erstmals bei einem Wildvogel nachgewiesen. Das EU-Referenzlabor im britischen Weybridge habe in den Proben einer in Genf verendeten Wildente den Erreger H5N1 gefunden, teilte das nationale Veterinäramt der Schweiz mit.

Auch Serbien meldete jetzt den ersten Vogelgrippe-Fall. Ein Erreger des H5-Stamms sei bei einem Schwan in der Region Sombor nahe der Grenze zu Kroatien gefunden worden, teilte das Landwirtschaftsministerium in Belgrad mit. Ob es sich um die H5N1-Variante handelt, soll nun das Labor in Weybridge klären.

mbe/dpa/AFP/AP



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.