Havariertes AKW: Video zeigt massive Zerstörung in Fukushima I

Rauch und Dampf steigen im AKW Fukushima auf, Reaktoren und Gebäude sind eine Trümmerlandschaft. Vom Hubschrauber aus wurde ein Video gedreht, die Bilder sind erschreckend. Inzwischen hat ein Ingenieur, der am Bau beteiligt war, schwere Mängel bei der Konstruktion der Anlage eingeräumt.

AP/ TEPCO

Die Bilder zeigen Berge aus Schutt und Asche: Ein Video von einem Flug über das Atomkraftwerk Fukushima Eins verdeutlicht, wie gewaltig das Ausmaß der Zerstörung ist. Die Aufnahmen wurden von Bord eines Hubschraubers gemacht und am Donnerstag von der Zeitung "Asahi Shinbun" ins Internet gestellt.

Zu sehen sind die völlig zerstörten Reaktoren der Atomanlage. Von den einst hellblauen Gebäuden sind nur noch Trümmer, verbogene Stahlträger und Steine zu sehen. Die Bilder lassen erahnen, wie gewaltig die Explosionen im Inneren waren.

An mehreren Stellen steigen Rauch und Dampf aus den Trümmern auf. Der Hubschrauber fliegt die Reihe der Kraftwerksblöcke entlang. Zuerst sind die unversehrten Meiler 5 und 6 zu sehen. Danach überfliegt der Hubschrauber die größtenteils völlig zerstörten Blöcke 1 bis 4. Die Aufnahmen stammen nach Angaben der Zeitung vom Mittwoch.

Mitarbeiter der Betreibergesellschaft Tepco haben die Aufnahmen gemacht - aus einem Hubschrauber der Rettungskräfte. Die Explosion im Reaktor 3 hatte am Montag das Dach weggerissen, die Stahlkonstruktion ist verbogen, überall liegen Schutt und Trümmer. Weißer Rauch ist zu sehen.

Fotostrecke

12  Bilder
Atomunfall: Zerstörungen im AKW Fukushima
Das Gebäude des vierten Reaktors kann man nur noch erahnen. Auch hier steigt Rauch auf, aber weniger als bei Reaktor 3. Die Situation bei diesem Reaktor, über dem am Donnerstag aus der Luft Wasser abgeworfen wurde, ist laut Tepco ernster.

Nach Angaben des Angestellten von Tepco, der im Hubschrauber mitgeflogen war, kann man noch Wasser sehen, an der Stelle, an der das Brennelementebecken vermutet wurde.

Beim Bau wurden alte US-Pläne kopiert

Bei der Planung des Katastrophenmeilers Fukushima Daiichi wurden fundamentale Fehler gemacht. Das räumte ein Ingenieur ein, der am Bau des AKW beteiligt war. "Beim Baubeginn des Reaktors 1 im Jahr 1967 haben wir die Konstruktion der US-Firma General Electrics kopiert", sagte Shiro Ogura, der damals für Toshiba arbeitete, bei einer Pressekonferenz des japanischen Citizen's Nuclear Information Center.

Obwohl die Lage an der sandigen Küste in Japans Nordosten, in einem Erdbebengebiet direkt am Meer, eindeutig eine andere ist als die der US-Kraftwerke, seien weder Reaktoren noch Sicherheitssysteme auf einen Tsunami ausgelegt worden. Trotzdem habe man die Konstruktion fast eins zu eins übernommen. "Die Gefahr eines Tsunami haben wir überhaupt nicht berücksichtigt", sagte Ogura, der die Kühlsysteme für alle Reaktoren außer dem vierten mit konstruiert hat, laut der japanischen Zeitung "Hokkaido". "Wir waren nah dran, ignorant zu sein. Wir haben nicht geprüft, ob die vorgesehenen Maßnahmen ausreichten", sagte Ogura.

Der pensionierte Ingenieur betont die mangelnde Erfahrung, die die Japaner damals mit Atomtechnologie hatten. "Bei der Konstruktion von Reaktor 1 hatten wir keine Erfahrung. Wir wussten fast gar nichts. Wir wussten zwar, dass das Gebiet von Erdbeben und Tsunami bedroht ist - aber wir waren nicht in der Lage, diese Gefahr zu berücksichtigen", so Ogura.

Beim Bau des zweiten Reaktors habe man den Entwurf von General Electrics verbessert. Allerdings offenbar auch nicht ausreichend: "Damals sagte man uns, in diesem Gebiet gebe es keine Erdbeben, die stärker sind als 8." Auch in den darauffolgenden Jahrzehnten wurden diese Vorgaben laut Ogura nicht revidiert: Kurz vor seiner Rente seien die Maßnahmen gegen Erdbeben überprüft - aber ein solch schweres Beben wie das jetzige sei nicht berücksichtigt worden. "Ich fühle mich verantwortlich", sagt Ogura im Hinblick auf die Atomkatastrophe.

Außer Stromversorgung auch andere Sicherheitssysteme ungenügend

Der Ingenieur Masashi Goto, ebenfalls Ex-Mitarbeiter von Toshiba, sagte, bei der Katastrophe in Fukushima habe sich gezeigt, dass außer der Stromversorgung auch andere Sicherheitssysteme nur ungenügend für einen Notfall geplant worden seien. So sei das Containment, die Stahlschutzhülle, in der sich der eigentliche Reaktordruckbehälter befindet, nur für die Hälfte des Drucks ausgelegt gewesen, der nach dem Unfall tatsächlich auftrat.

Außerdem sei der Durchmesser der Rohre, mit denen die Ingenieure in den vergangenen Tagen immer wieder Dampf aus dem Containment abgelassen hätten, möglicherweise zu klein, sagte Goto. Sicherheitssysteme, die eigentlich in mehrfacher Ausführung und unabhängig voneinander installiert müssen, seien nicht ausreichend gewesen. Als die Pumpen wegen des Ausfalls der Notstromversorgung nicht mehr funktionierten, habe man als Ersatz deswegen Systeme heranschaffen müssen, die zum Feuerlöschen, nicht aber für die Kühlung von Atomreaktoren konzipiert worden seien.

Ob die offenbar mangelhaften Vorgaben für Reaktoren und Sicherheitssysteme von der Betreiberfirma Tepco, von staatlichen Behörden oder von Toshiba erstellt wurden, konnte der frühere Konstrukteur der Anlage, Ogura, auf Nachfrage nicht beantworten. Auch Tepco beließ eine entsprechende Anfrage der Nachrichtenagentur dapd unbeantwortet.

cte/siu/dpa

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1. Titel
Thomas Kossatz 17.03.2011
Zitat von sysopRauch und Dampf steigen auf, Reaktoren und Gebäude sind nur noch eine Trümmerlandschaft. Die Explosionen im*AKW*Fukushima*müssen gewaltig gewesen sein. Vom Hubschrauber aus wurde ein Video gedreht, die Bilder sind erschreckend. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,751574,00.html
Was soll bei einer Wasserstoffexplosion anderes herauskommen? Es handelt sich dabei übrigens um den netten Stoff, den wir zur Speicherung von Solar- und Windebergie zukünftig verwenden sollen. Ergänzung: Aus Block 4 treten offenbar keine radioaktiven Stoffe aus. Bei den gemessenen Werten handelt es sich nach Abschätzung deutscher Reaktorschützer um Direktbestrahlungen des Messhubschraubers, der 40 Meter über teilweise nicht wasserbedeckten Brennelementen schwebte. Das bedeutet, dass radioaktives Material offenbar am Boden verbleibt.
2. ...
jenzy 17.03.2011
das es noch keine videodokus der zerstörten bereiche mittels miniaturhubschraubern mit kameras gibt ist mir ein rätsel. dafür gibt es 1 minute total verwackelte aufnahmen von nun sicherlich verstrahlten hubschrauberinsassen. alles sehr suspekt...
3. Erschreckend
hfcoma 17.03.2011
Zitat von sysopRauch und Dampf steigen auf, Reaktoren und Gebäude sind nur noch eine Trümmerlandschaft. Die Explosionen im*AKW*Fukushima*müssen gewaltig gewesen sein. Vom Hubschrauber aus wurde ein Video gedreht, die Bilder sind erschreckend. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,751574,00.html
Wo sind denn jetzt die Foristen, die behauptetn es wäre dort nichts passiert? Ob der Bilder kann man sich nur fragen was Tepco respektive die Regierung nicht berichtet.
4. ..
Freemedia 17.03.2011
Ich muss sagen, ich habe mir das vor Ort schlimmer vorgestellt. Meine Vermutung war, dass sich dort auch am Boden durch den Tsunami lauter Schutt aufgetürmt hat. Insofern mach die Anlage noch einen relativ "ordentlichen" Eindruck.
5. .
singularität 17.03.2011
Zitat von jenzydas es noch keine videodokus der zerstörten bereiche mittels miniaturhubschraubern mit kameras gibt ist mir ein rätsel. dafür gibt es 1 minute total verwackelte aufnahmen von nun sicherlich verstrahlten hubschrauberinsassen. alles sehr suspekt...
Gibt's mit Sicherheit, nur nicht für die Sensationspresse.
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Kernkraftwerke in Fukushima
Fukushima I (Daiichi)
Das Atomkraftwerk Fukushima I (Fukushima Daiichi) besteht aus sechs Blöcken mit jeweils einem Reaktor. Probleme gibt es vor allem in Block 1 und Block 3. Bei beiden Reaktoren wird zumindest eine teilweise Kernschmelze befürchtet. Die Kühlsysteme sind ausgefallen, die Betreiber haben Meerwasser in die Reaktoren gepumpt. Das Gebäude um Block 1 explodierte am Samstag - Grund soll eine Verpuffung der Gase zwischen Reaktor und Reaktorhülle gewesen sein. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von 20 Kilometern wurde evakuiert. Am Montag ereignete sich eine weitere Explosion. Nach Angaben der Regierung hat die Stahlhülle des Blocks 3 aber standgehalten. Die schlechten Nachrichten reißen allerdings nicht ab: Auch in Reaktor 2 ist die Kühlung inzwischen ausgefallen.
Fukushima II
Das Atomkraftwerk Fukushima II (Fukushima Daini) besteht aus vier Blöcken. Betreiber ist ebenfalls die Tokyo Electric Power Company (Tepco). Die Kühlsysteme der Reaktoren 1, 2 und 4 sind nach Angaben der japanischen Regierung ausgefallen. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von zehn Kilometern wird evakuiert.
Die wichtigsten Fragen zur Strahlengefahr
Was richtet Strahlung im menschlichen Körper an?
Corbis
Die Schwere der Schäden hängt davon ab, welches Gewebe wie stark von der Strahlung betroffen ist. Erste Symptome einer Strahlenkrankheit sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Sie treten wenige Stunden nach Einwirken der Strahlung auf den Körper auf. Klingen die Symptome ab, stellt sich nach einigen Tagen Appetitlosigkeit, Übermüdung und Unwohlsein ein, die einige Wochen andauern.
Wie qualvoll eine akute Strahlenkrankheit bei hoher Dosis enden kann, zeigen die Opfer der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki und der Tschernobyl-Katastrophe. Haarausfall, unkontrollierte Blutungen, ein zerstörtes Knochenmark, Koma, Kreislaufversagen und andere dramatische Auswirkungen können den Tod bringen.
Wie verläuft eine leichte Strahlenkrankheit?
Menschen mit einer leichten Strahlenkrankheit erholen sich zwar in der Regel wieder. Doch oft bleibt das Immunsystem ein Leben lang geschwächt, die Betroffenen haben häufiger mit Infektionserkrankungen und einem erhöhten Krebsrisiko zu kämpfen.
Wie kann man sich schützen?
DPA
Im Gebiet, in dem ein nuklearer Niederschlag zu befürchten ist, kann es helfen, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Gegen radioaktives Jod schützt die vorsorgliche Einnahme von Kaliumjodidtabletten. Allerdings schützt diese nur vor Schilddrüsenkrebs. Das eingenommene Jod lagert sich in den Drüsen links und rechts des Kehlkopfes an und verhindert so die Aufnahme von radioaktivem Jod. Wichtig: Jodtabletten nicht ohne behördliche Aufforderung einnehmen.
Radioaktives Jod baut sich in der Umwelt allerdings schnell ab. Gefährlicher ist radioaktives Cäsium, es hat eine längere Lebensdauer und wirkt bei Aufnahme durch die Luft oder über Nahrungsmittel im ganzen Körper. Dagegen helfen keine Pillen. Bricht ein Reaktor, wie in Tschernobyl geschehen, auseinander, gelangen großen Mengen Cäsium in die Atmosphäre und verstrahlen die Gegend, in der die Partikelwolke niedergeht, auf viele Jahre.
Was bedeutet die Maßeinheit Millisievert?
DPA/ Kyodo/ Maxppp
Sievert (Sv) ist eine Maßeinheit für radioaktive Strahlung. Ein Sievert entspricht 1000 Millisievert. Die Einheit gibt die sogenannte Äquivalentdosis an und ist somit ein Maß für die Stärke und für die biologische Wirksamkeit von Strahlung.
7000 Millisievert, also sieben Sievert, die direkt und kurzfristig auf den Körper treffen, bedeuten den sicheren Tod (siehe Grafik). Zum Vergleich: Am Montagmorgen maßen die Techniker am Kraftwerk Fukushima I eine Intensität von 400 Millisievert pro Stunde. In Tschernobyl tötete die Strahlung von 6000 Millisievert 47 Menschen, die unmittelbar am geborstenen Reaktor arbeiteten.
Wie hoch ist die Belastung im Alltag?
DPA/ NASA
Menschen sind tagtäglich der natürlichen radioaktiven Strahlung im Boden oder der Atmosphäre ausgesetzt. In Deutschland beträgt sie laut Bundesamt für Strahlenschutz 2,1 Millisievert pro Jahr (siehe Grafik). Der menschliche Organismus hat Abwehrmechanismen gegen die natürliche Strahleneinwirkung entwickelt, um sich vor diesen Belastungen zu schützen.