Weltumrundung der "Hokulea" Ein Kult-Kanu kommt nach Hause

Nach drei Jahren Weltumrundung ist die "Hokulea" wieder in der Heimat: Die Hawaiianer bereiteten dem Hochsee-Kanu einen begeisterten Empfang. Statt GPS navigierten die Steuermänner nur mit Sonne, Sternen und Wellen.

AP/dpa

Aus Honolulu berichtet


Hawaiianer interessieren sich nicht für den Wetterbericht. Warum auch? Es ist ja ohnehin immer derselbe: 28 Grad, leicht bewölkt, Wind aus Richtung Ost.

So war es auch am Samstag, nur dass an diesem Morgen der Teufel los war vor dem Anleger auf Magic Island in Hawaiis Hauptstadt Honolulu. Hunderte Kanus tanzten auf den Wellen, zwischendrin die Jetskis von Ordnungskräften. Etwas weiter draußen kreuzten aufgetakelte Segeljachten. Gegenüber dem Anleger, dort wo die Wellen auf den Strand zurollen, schaukelte ein Heer von Paddleboardern.

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Weltumrundung der "Hokulea": Begeisterter Empfang in Hawaii

Sie alle waren aufs Meer hinausgefahren, um einen Heimkehrer zu begrüßen, der Kultstatus hat in Hawaii: das Doppelrumpfkanu "Hokulea", das von einer dreijährigen Weltumsegelung zurückkehrte.

75.000 Kilometer hat dieses Boot zurückgelegt; in Sydney, Kapstadt und New York ist es gewesen. Und ganz wie es die Tradition gebietet, wiesen den Steuerleuten allein Sonne, Sterne, Wellen und Wind den Weg. Weder Kompass noch Seekarte oder GPS-Gerät durften an Bord. Selbst Uhren waren verboten.

Nun ist die "Hokulea" heimgekehrt, und zum Empfang hat ihr Hawaii eine prachtvolle Homecoming-Parade bereitet. Lange ehe die beiden tiefroten Segel des Kanus auftauchten, fuhren sieben andere Hochseekanus in die Hafeneinfahrt ein, eines davon kam von den fast 4000 Kilometer entfernten Marshallinseln, ein anderes aus dem fernen Tahiti. Empfangen wurden auch sie mit den vokalreichen Gesängen der Hawaiianer und dem dumpfen Klagen von Muschelhörnern.

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So richtig aber schwoll das Johlen der Menge erst an, als der Star des Tages in Sicht kam. Ein Schwarm von Drohnen schwirrte der "Hokulea" entgegen, jede mit dem Auftrag, ein möglichst spektakuläres Foto des berühmten Kanus vor der Hochhauskulisse Honolulus zu erhaschen.

Erste "Hokulea"-Fahrt stärkte hawaiianisches Selbstbewusstsein

Der 19 Meter lange Zweimaster ist ein Nachbau jener Hochseekanus, mit denen die Polynesier einst den Pazifik erschlossen haben. Vor mehr als tausend Jahren müssen die ersten Menschen, die das Vulkaneiland erreichten, mit einem ähnlichen Boot hier angekommen sein.

Entsprechend wartete auch an Land ein standesgemäßes Empfangskomitee auf die Mannschaft. Auf dem Rasen vor dem Festzelt trat ein Trupp bronzefarbener, nur mit Südsee-Schurz gekleideter Tänzer auf. Andere Insulaner hielten die traditionellen Kahilis hoch. So heißen die Federstandarten, die auf Hawaii einst als Insignien der Mächtigen galten.

Verständlich ist der Überschwang, mit dem die "Hokulea" willkommen geheißen wurde, nur angesichts der Sonderrolle, die dieses Boot für das Identitätsbewusstsein der Hawaiianer spielt. Gebaut wurde der Retro-Katamaran von der 1973 gegründeten Polynesian Voyaging Society (PVS). Viele Experten hatten es damals für unmöglich erklärt, dass sich ein solches Kanu ohne moderne Hilfsmittel über die unendlichen Weiten des pazifischen Ozeans steuern lässt. (Mehr dazu in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL.)

Dann aber spürte die PVS auf einem kleinen Atoll in Mikronesien einen der wenigen Männer auf, die noch die überlieferte Kunst der Navigation beherrschten. Ihm gelang es damals, die "Hokulea" zielgenau ins 4200 Kilometer entfernte Tahiti zu dirigieren. Auf Hawaii löste dies Euphorie aus.

Es war der Beginn einer Renaissance des hawaiianischen Selbstbewusstseins als Polynesier. Viele Einheimische besannen sich plötzlich auf ihre Wurzeln als Seefahrervolk, Dutzende der "Hokulea" ähnliche Kanus wurden gebaut, junge Hawaiianer in der Kunst des Navigierens ausgebildet. Aber auch die hawaiianische Sprache und Musik erlebten eine Art Wiedergeburt.

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Nun also ist die "Hokulea" einmal um die ganze Erde gesegelt. Die anderen Ozeane bedeuteten Herausforderungen, die neu für die im Pazifik geschulte Mannschaft waren. Im Indischen Ozean etwa sahen sich die Steuerleute unvermittelten Wetterwechseln gegenüber, wie sie im Pazifik unbekannt sind. Im Atlantik fanden sie sich plötzlich inmitten dichten Nebels wieder - auch dies kennen sie vom Pazifik nicht.

Trotz aller Widrigkeiten jedoch zeigte sich: Die viele Jahrhunderte alte Kunst der polynesischen Sternennavigation ist übertragbar auch auf andere Ozeane. Nur einmal, vor Mosambik, begegnete die "Hokulea" einem Unwetter, vor dem sie in einen Hafen flüchten musste. Sonst hielt das Schiff allen Stürmen stand.

Und nicht ein einziges Mal verloren seine Navigatoren die Orientierung.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
NauMax 18.06.2017
1.
Hut ab vor dieser Leistung!
newline 18.06.2017
2. Der Absatz
"Dann aber spürte die PVS auf einem kleinen Atoll in Mikronesien einen der wenigen Männer auf, die noch die überlieferte Kunst der Navigation beherrschten. Ihm gelang es damals, die "Hokulea" zielgenau ins 4200 Kilometer entfernte Tahiti zu dirigieren. Auf Hawaii löste dies Euphorie aus." ist doppelt vorhanden. Ein schöner Artikel.
spassbeseite 18.06.2017
3. Den hawaiianischen Stolz auf die Hokulea
konnte ich einmal selbst erleben, als ich vor einigen Jahren das Boot im Hafen von Honolulu gesehen habe. Und nicht nur die Nachfahren der Polynesier, sondern alle "locals". Es ist wirklich beeindruckend, was die Navigatoren und Segler mit der Weltumseglung geleistet haben. Glückwunsch!
willibaldus 18.06.2017
4.
Ich hab mich ein bisschen schlau gemacht zur Geschichte der Polynesier. Sie gehören zur austronesischen Sprachfamilie, die ihren Ursprung auf Taiwan hat. Eine Linie hat sich dann ausgebreitet über die Philippinen vor ca 4000Jahren und von dort Richtung Neuguinea und Polynesien aber auch Richtung Indonesien und nach Madagaskar. Nur Australien gehört nicht dazu. Auch nicht die Melanesier um Neu Guinea bzw die melanesischen Minderheiten in Südostasien. Die bekannten Ausleger Boote aus Südostasien werden so schon seit ca 2000 Jahren so gebaut. Auch hochseetauglich aber nicht ganz so gross.
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