Von Cinthia Briseño und Jens Lubbadeh
Bei den individuellen Claims waren die Lebensmittelkonzerne weitaus zurückhaltender. Rund 280 Anträge wurden bisher eingereicht , etwa 80 davon sind bearbeitet, so die EU-Sprecherin. Die meisten davon wurden abgelehnt - so fand die Efsa keinerlei wissenschaftlichen Belege dafür, dass Kinderschokolade beim Wachsen hilft, Cranberry-Saft das Risiko von Blasenentzündungen vermindert oder schwarzer Tee die Konzentrationsfähigkeit steigert.
Die wenigen autorisierten Claims hingegen klingen eher banal: Omega-3-Fettsäuren sind wichtig für die Kindesentwicklung. Kalzium, Vitamin D und Phosphor braucht man für den Knochenaufbau. Nichts wirklich neues also (siehe Fotostrecke mit Beispielen abgelehnter und genehmigter Health Claims).
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Die Konzerne fürchten eine Abfuhr, denn das gesamte Antragsverfahren mit den Bewertungen der Efsa und dem abschließenden Urteil der Kommission ist öffentlich im Internet einsehbar. Von den hohen Kosten für die wissenschaftlichen Dossiers ganz abgesehen. Die können, je nachdem, welche und wie viele klinische Studien dazu durchgeführt wurden, durchaus bei mehreren Millionen Euro liegen. Ein negativer Bescheid kann somit das Image und den Geldbeutel empfindlich schädigen.
Am Dienstag startete Danone mit einem umformulierten Health Claim einen neuen Versuch: "Fermentierte Milch, die das probiotische Lactobacillus casei DN 114001 / CNCM I-1518 Actimel enthält, unterstützt das Abwehrsystem im Darm", heißt es jetzt.
Die Industrie kritisiert die Health-Claim-Verordnung
"Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir mit den Studien, die wir dazu haben, zu einem positiven Ergebnis kommen", sagt Marion Fürst, Direktorin der Unternehmenskommunikation von Danone, SPIEGEL ONLINE. Insgesamt 25 klinische Studien liegen vor, in denen die positive Wirkung von Actimel wissenschaftlich belegt sein soll. Erst im September wurde eine Studie von Wissenschaftlern des Danone-Forschungszentrums mit rund 1000 Probanden im "British Journal of Nutrition" veröffentlicht. Fazit: Das Bakterium Lactobacillus casei verringert die Dauer von Atemwegsinfektionen bei Älteren um etwas mehr als einen Tag.
"Uns ist es wichtig, dass der Verbraucher klare, transparente und verlässliche Informationen erhält", sagt Fürst. Ihrer Meinung nach wird das die Efsa mittelfristig mit der Verordnung gewährleisten können. "Das Verfahren ist neu und komplex. Alle Beteiligten befinden sich noch in einer Lernphase."
Nicht alle Konzerne reagieren so verständnisvoll, die Mehrzahl entschied sich für den Angriff. Auf einer von dem Konzern Fresenius veranstalteten Konferenz Anfang Mai 2009 äußerten Industrievertreter ihre Unzufriedenheit über das Health-Claim-Regelwerk. Zu undurchsichtig und viel zu hoch angesetzt seien die wissenschaftlichen Kriterien, die die Efsa vorgibt. Der europäische Industrieverband EHPM (European Federation of Associations of Health Product Manufacturers) schreibt auf seiner Web-Seite: "Es gibt ernste Bedenken hinsichtlich der Art der Belege, die die Efsa zur Formulierung von Health Claims braucht sowie zum Umfangs der Claims und der Übergangsfristen. All das muss noch geklärt werden."
"Für viele kleine und mittelständische Unternehmen ist der Antrag zu teuer"
Der Chemiker Martin Müller, der ein Sachverständigenbüro leitet und Lebensmittelfirmen zu Health-Claim-Anträgen berät, meint: Die EU-Verordnung stehe auf tönernen Füßen und benachteiligt kleinere und mittelständische Unternehmen. "Großkonzerne können sich den Antragsprozess leisten, auch eine Ablehnung wegstecken", sagt er. "Für viele kleine und mittelständische Unternehmen aber ist der Antrag auf einen Health Claim schlicht zu teuer." Er empfiehlt, erst einmal abzuwarten, bis die Health-Claim-Positivliste vorliegt.
Doch sollen aus Rücksicht auf die finanziellen Interessen von Unternehmen wissenschaftliche Standards gelockert werden? Auf den Seiten der Efsa heißt es zur Zielsetzung der Health-Claim-Verordnung klipp und klar: "Ein Hauptziel dieser Verordnung ist es, sicherzustellen, dass jede Angabe auf einem Etikett, mit dem ein Lebensmittel in der Europäischen Union gekennzeichnet ist, eindeutig und durch wissenschaftliche Nachweise abgesichert ist." Nahrungsmittel mit irreführenden Angaben für den Verbraucher sollen vom Markt verschwinden, damit "der Konsument informierte und sinnvolle Kaufentscheidungen machen kann."
Zweifellos geht es um sehr viel Geld: Bereits 2006 war nach Angaben des Marktforschungsinistituts ACNielsen Deutschland mit rund fünf Milliarden Euro der größte Markt für Functional-Food-Produkte in Europa. 20 Prozent pro Jahr, so schätzten die Experten, beträgt das Wachstumspotential.
Doch nicht nur die Industrie, auch Verbraucherschützer sind von den Health Claims nicht unbedingt begeistert. "Health Claims haben leider keinen Nutzen für den Verbraucher", sagt Foodwatch-Sprecher Rücker. "Wer soll sich in der langen Liste der gesundheitsbezogenen Angaben überhaupt noch auskennen?" Ihm zufolge liegt das Problem vor allem in der Suggestionskraft der Claims. Die Werbung für Actimel beispielsweise, so Rücker, suggeriere durch deren Plot und die Bilder, dass der Joghurt-Drink vor Erkältungen schützen kann - auch wenn das in der Werbung nicht direkt behauptet wird.
Rücker setzt auf radikalere Kundenaufklärung im Internet: Mit der Web-Seite abgespeist.de will er über Etikettenschwindel der Lebensmittelindustrie aufklären. Vergangenes Jahr vergab Foodwatch für die "dreisteste Werbelüge" den "Goldenen Windbeutel". Gewinner war der Joghurt-Drink Actimel von Danone.
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