Heikle Lebensmittelwerbung Glaub dich gesund!

"Hilft beim Wachsen", "stärkt die Abwehrkräfte", "senkt den Cholesterinspiegel": Immer öfter bewerben Lebensmittelfirmen ihre Produkte mit medizinischen Heilsversprechen. Eine neue EU-Verordnung soll falsche Verheißungen verhindern - doch die Prüfbehörde ist überfordert.

Von Cinthia Briseño und


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Health Claims: Abgelehnte und autorisierte Gesundheitsversprechen
Mutti und Vati sitzen in der Küche und spielen Schach. Da platzt der kleine Sohn herein und stürmt zum Kühlschrank: "Und jetzt ein kleines Steak!" Verdutzt schaut Vati auf: "Was, ein kleines Steak?". Mutti bleibt gelassen. Als ob Vati die dümmste Frage der Welt gestellt hätte, sagt sie: "Ja! Fruchtzwerge hat viele Proteine und wichtige Aufbaustoffe." Fröhlich löffelt Sohnemann den Super-Quark, greift anschließend zum Springer und setzt Vati schachmatt.

So sah ein Werbespot im Jahr 1984 aus. Damals sollten Fruchtzwerge von Danone noch stark und schlau machen. In vielen Werbesprüchen aus jener Zeit dominierten Adjektive wie "frisch", "leicht" oder "zart". Zwanzig Jahre später wurde dem kleinen Quark ein ordentliches Gesundheitsimage übergestülpt. Weniger Fett und Zucker soll er enthalten, dafür aber - dank der Zusätze an Vitamin D und Kalzium - Kinder "knochenstark" machen.

Das Bewusstsein für Gesundheit ist in der Bevölkerung gestiegen. Längst hat die Industrie darin eine lukrative Nische im ansonsten gesättigten Lebensmittelmarkt entdeckt. Die Nahrung von heute soll nicht mehr nur einfach schmecken, sondern auch eine Funktion haben: gesund machen. Functional Food eben.

Vollmundige Versprechen

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So wird mittlerweile in Nahrungsmittel und Werbung eine Menge Wissenschaft und Medizin gemischt: Joghurts sollen bei der Verdauung helfen oder die Abwehrkräfte aktivieren. Margarine soll den Cholesterinspiegel senken und das Herz-Kreislaufsystem schützen. Omega-3-Fettsäuren sollen bei der Hirnentwicklung helfen (Übersicht über die häufigsten Zusätze in Functional-Food-Sparten: siehe Kasten in der linken Spalte).

Klingt gut, nur - stimmt das auch?

Dem Wildwuchs an Gesundheitsversprechen der Lebensmittelindustrie will die EU nun einen Riegel vorschieben. Lebensmittelkonzerne müssen wissenschaftlich beweisen, dass ihre Produkte gesund machen - genauso wie Pharmakonzerne das bei ihren Pillen tun müssen.

Die EU wurde mit Tausenden Health-Claim-Anträgen überschüttet

Seit 2007 ist die vom europäischen Parlament beschlossene Health-Claim-Verordnung in Kraft. Oberste Prüfinstanz ist die Europäische Behörde für die Lebensmittelsicherheit (Efsa). Deren Vorgabe lautet: Nur Lebensmittel, die "echte gesundheitliche Vorteile" bieten, dürfen entsprechend etikettiert oder beworben werden.

Doch der Teufel steckt im Detail:

  • Wie formuliert man allgemeine Gesundheitsaussagen wissenschaftlich korrekt?
  • Und welche Aussagen sind überhaupt haltbar?

Ziel der Efsa: Eine Positivliste von Werbesprüchen zu erarbeiten, auf der klipp und klar alle allgemeinen Health Claims stehen, die Nahrungsmittelhersteller auf ihre Produkte drucken dürfen.

Soweit der Plan - doch es kam anders: Sage und schreibe über 40.000 Werbeclaim-Anträge reichten die Lebensmittelhersteller ein. Damit hatte niemand gerechnet. "Es war nicht abzusehen, dass die Mitgliedstaaten derart viele Claims einreichen würden", sagte Lars Korsholm von der Europäischen Kommission der "Lebensmittelzeitung" bereits im Mai 2009.

Zwar hat die Europäische Kommission die Liste mittlerweile auf ein Zehntel zusammengekürzt, doch sie umfasst immer noch über 4000 Claims mit "gesundheitsbezogenen Angaben zu allgemeinen Funktionen", wie etwa "Kalzium ist gut für Ihre Knochen" (für die wichtigsten Punkte der Health-Claim-Verordnung siehe den Kasten links).

Die muss die Efsa alle prüfen. Martin Rücker von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch sieht darin ein Problem: "Damit ist die Efsa überfordert", sagt der Sprecher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Knapp 1000 Anträge sind in der öffentlich einsehbaren Liste erst bearbeitet.

Eigentlich sollte die vollständige Positivliste Ende Januar dieses Jahres veröffentlicht werden. Doch mit der Hälfte der Sprüche, die die Europäische Kommission zusammengestellt hatte, war sie unzufrieden und gab sie zur Überarbeitung zurück. Die Begründung: zu unklar formuliert. Nun wird es wohl bis 2011 dauern, wie eine Sprecherin der Europäischen Kommission sagt.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
saul7 12.02.2010
1. ++
Zitat von sysop"Hilft beim Wachsen", "stärkt die Abwehrkräfte", "senkt den Cholesterinspiegel": Immer öfter bewerben Lebensmittelfirmen ihre Produkte mit medizinischen Heilsversprechen. Eine neue EU-Verordnung soll falsche Verheißungen verhindern - doch die Prüfbehörde ist überfordert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,676956,00.html
Es ist wie mit vielen Prüfungen: Die Behörden rennen immer einer aus den Fugen geratenen und irreführenden Werbung hinterher, die längst beim Verbraucher angekommen ist. Verbraucheraufklärung ist in erster Linie gefragt!!
Gaztelupe, 12.02.2010
2. Blutdruck steigt
Zitat von sysop"Hilft beim Wachsen", "stärkt die Abwehrkräfte", "senkt den Cholesterinspiegel": Immer öfter bewerben Lebensmittelfirmen ihre Produkte mit medizinischen Heilsversprechen. Eine neue EU-Verordnung soll falsche Verheißungen verhindern - doch die Prüfbehörde ist überfordert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,676956,00.html
Das ist ja auch menschenverachtend, was der Kapitalismus da mit den Verbrauchern macht! Die Industrie will uns überhaupt nicht helfen, sondern ihre Produkte verkaufen. Gemein! Das ist eine ganz schlimme, sozialfeindliche Einstellung, die da in den Chefetagen unter den ganzen Reichen grassiert! Die belügen uns doch Tag für Tag! Neulich habe ich eine Flasche »Meister Proper« gekauft. Und was ist passiert, als ich sie aufgeschraubt habe? Es ist gar kein glatzköpfiger Putzteufel rausgekommen, obwohl die Werbung doch damit arbeitet! Ich mußte die ganze Bude alleine putzen! Da sag' mir nochmnal einer, es herrsche in Deutschland keine soziale Kälte! Ich wollte mich schon an die Behörden wenden, aber die EU ist ja mal wieder Retter in der Not. Gottseidank!
Nobbi 12.02.2010
3. Anglizismen
---Zitat--- Health-Claim-Verordnung, 40.000 Werbeclaim-Anträge, 4000 Claims mit "gesundheitsbezogenen Angaben zu allgemeinen Funktionen" ---Zitatende--- Müssen diese unnötigen Anglizismen wirklich sein? Man kann es auch einfach beim dt Wort nennen, was auch der eigtl Bedeutung und Konnotation näher kommt: "Health Claims" sind nichts anderes als *Behauptungen*!
frubi 12.02.2010
4. ..
Zitat von saul7Es ist wie mit vielen Prüfungen: Die Behörden rennen immer einer aus den Fugen geratenen und irreführenden Werbung hinterher, die längst beim Verbraucher angekommen ist. Verbraucheraufklärung ist in erster Linie gefragt!!
Bitte was? Ich würde mich da eher auf die Produkte selber fokussieren. Wer der Werbung glaubt ist sowieso schon verloren. Wer das Geschehen um Actimel verfolgt hat der versteht genau was ich meine. Kaum haben die von Ökotest eine schlechte Bewertung gekriegt hatten die auch schon einen neuen Werbespot mit einer Spendenaktion für arme und hungerne afrikanische Kinder. Mit Elend die Kunden locken. Wäre auch übrigens super, wenn das in Schulen bereits vermittelt werden würden. "Kinders. Glaubt nix wat der Onkel aus der Werbung euch erzählen will."
plasmopompas 12.02.2010
5. foodwatch
In diesem Zusammenhang möchte ich allen foristen auch die seite von Foodwatch ans Herz legen. www.foodwatch.de/
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