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Heilung durch Aktivität: Glücklicher Geist in bewegtem Körper

Körperliche Aktivität wirkt gegen Depressionen, schützt vor Alzheimer und kann sogar das Gehirn vergrößern. Jetzt entdecken Wissenschaftler, warum das so ist. Noch nie gab es bessere Argumente, in Bewegung zu kommen, meint SPIEGEL-Autor Jörg Blech.

Den Stoff, aus dem die guten Gefühle sind, kann man sich leicht verordnen – indem man seinen Körper in Bewegung setzt. Wieso das so ist, hat jetzt der Nervenarzt Ronald Duman von der Yale University herausgefunden: Mäuse, die sich auf Laufrädern austoben, stellen im Gehirn verstärkt ein Protein her, das pharmakologisch gesehen wie eine Arznei gegen Depressionen wirkt.

Jogger und Radfahrer: Körperliche Bewegung macht mehr als nur fit
AP

Jogger und Radfahrer: Körperliche Bewegung macht mehr als nur fit

Das Protein mit dem Namen VGF verbessert die Verschaltungen der Nervenzellen, wodurch das Gehirn offenbar vor krankmachendem Stress gefeit ist. Träge Mäuse, denen VGF-Proteine von außen verabreicht wurden, verspürten eine selig machende Wirkung, berichtet Duman jetzt in "Nature Medicine".

Die VGF-Proteine, die sich auch in Menschen finden, könnten sich als das seit langem gesuchte Scharnier erweisen, das körperliche Bewegung in Hirngesundheit übersetzt. Wie eng beide Faktoren miteinander zusammenhängen, ist Epidemiologen bereits in vielen Studien aufgefallen: Ausdauertraining hebt demnach die Stimmung, nimmt Ängste, stärkt das Selbstbewusstsein und erhöht das Vermögen, Stress zu bewältigen.

Als man Gruppen von aktiven und von inaktiven Menschen für eine Studie acht Jahre lang beobachtete, zeigte sich: Die sesshaften Zeitgenossen hatten im Lauf der Jahre eine doppelt so hohe Depressionsrate entwickelt.

Bewegung so gut wie ein Medikament?

Steht die Bewegung damit im Rang eines bewährten Medikaments? Dieser Frage ist James Blumenthal vom Duke Medical Center in Durham (US-Bundesstaat North Carolina) nachgegangen. Er teilte 156 ältere Patienten, die unter einer ausgeprägten Depression litten, per Losverfahren drei Gruppen zu: Es gab Ausdauertraining oder Antidepressivum (Wirkstoff: Sertralin) oder aber Medikament und Sport zur gleichen Zeit. Das Training fand an drei Tagen in der Woche für jeweils 30 Minuten statt.

Nach 16 Wochen war das Befinden der Mitglieder aller Gruppen deutlich gebessert: Ungefähr 60 Prozent der Probanden waren nicht mehr depressiv – das rein körperliche Training war mithin so wirksam wie eine nach den Regeln der Kunst durchgeführte Medikamenten-Therapie.

Alzheimerforscher erkennen ebenfalls, dass körperliche Bewegung wie ein Schutzfaktor auf das Gehirn wirkt. Bei Labormäusen, die über Monate regelmäßig auf Laufrädern trainierten, verringerten sich im Gehirn die gefürchteten Amyloidplaques. "Anstelle einer Arznei", sagt der federführende Forscher Carl Cotman von der University of California in Irvine, "war es ein natürliches Verhalten, das zur Verringerung der Alzheimer-typischen Pathologie" im Gehirn geführt hat.

Skandinavische Gelehrte wiederum analysierten die Daten von Menschen, deren Gewohnheiten in punkto Bewegung zwanzig Jahre lang aufgezeichnet worden waren: Jene Personen, die im Mittelabschnitt des Lebens mindestens zweimal in der Woche körperlich aktiv waren, haben demnach ein um 60 Prozent verringertes Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Die beteiligte Neurologin Miia Kivipelto sagt: "Wenn eine Person in jungen und in mittleren Jahren einen aktiven Lebensstil ergreift, dann vermag das die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, später im Leben Jahre voller körperlicher und geistiger Vitalität zu genießen." Sieht man von epidemiologischen Befunden ab, sind es Aufnahmen mit Bild gebenden Verfahren, die einen direkten Einfluss der Bewegung auf das Alzheimer-Risiko wahrscheinlich erscheinen lassen. Denn offenbar kann körperliche Aktivität den Größenverlust des Gehirns, der sich gemeinhin im Alter einstellt, verzögern.

Leibesübungen beeinflussen Hirngröße

Der Psychologe Arthur Kramer von der University of Illinois in Urbana-Champaign hat das nachweisen können, als er die Köpfe von 55 älteren gesunden Menschen im Kernspin-Tomografen durchleuchtete. Jene Probanden, die stets auf körperliche Ertüchtigung geachtet hatten, zeigten nicht nur bei Tests auf dem Laufband gute Leistungen - überdies waren die altersbedingten Verluste in ihren Denkorganen deutlich schwächer ausgeprägt als bei trägen Altersgenossen.

Sogleich wollten Arthur Kramer und seine Kollegen wissen, ob sanfter Sport den Schwund im Gehirn sogar rückgängig machen kann. Dazu bekamen gesunde Probanden (im Alter von 60 bis 79 Jahren) ein halbes Jahr lang ein Ausdauerprogramm verschrieben, und zwar jeweils eine Stunde an drei Tagen in der Woche. Die Mitglieder der Kontrollgruppe trafen sich ebenfalls dreimal in der Woche in der Turnhalle: allerdings nicht zum Schwitzen, sondern bloß um ein paar Dehnübungen zu absolvieren.

Die Ergebnisse der Studie stehen im "Journal of Gerontology": Drei farbige Aufnahmen von Gehirnen sind da zu sehen, mit Pfeilen, die auf verschiedene Stellen weisen: Hier ist jeweils Gehirngewebe größer geworden. Vor allem Gewebe in den präfrontalen und temporalen Hirnrinden hatten ein vergrößertes Volumen – es sind gerade diese Regionen, die im Alter verstärkt verloren gehen. In der Kontrollgruppe fanden sich solche Verbesserungen nicht.

Kramers Einsichten sind geeignet, der Vorbeugung von Erkrankungen des Gehirns völlig neue Dimensionen zu eröffnen: Lockeres Ausdauertraining hilft nicht nur, den Niedergang der kognitiven Fähigkeiten abzuwehren. Vielmehr hat es auch das Potential, den Verlust von Gehirnstrukturen im Alter umzukehren. Die aufregenden Erkenntnisse, schreibt Kramer in seiner Studie, wirkten sich auf "klinische Empfehlungen aus, indem sie einen einfachen und kostengünstigen Mechanismus nahe legen, mit dem sich die Folgen der Alterung des menschlichen Gehirngewebes abwehren lassen." In der Tat: Die Hirnforschung hat uns noch nie bessere Argumente geboten, in Bewegung zu kommen.

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