Heim-Apotheke: Welche von Omas Hausmitteln wirklich helfen

Von Kirsten Brodde

Hühnersuppe, Wadenwickel und andere Rezepte gegen Krankheiten haben eine lange Tradition. Helfen sie wirklich? Für einige gibt es eine wissenschaftliche Erklärung – oder zumindest einen reichhaltigen ärztlichen Erfahrungsschatz.

Wie einfach ist es doch bei Fieber, ein temperatursenkendes Mittel aus dem Arzneischrank zu holen, es zu schlucken und abzuwarten. Wie aufwendig dagegen ein Quarkwickel: Das Tuch muss dick, aber gleichmäßig mit Quark bestrichen und dann auf einer Wärmflasche erhitzt werden. Schließlich wird es auf die Brust des Kranken gelegt und mit weiteren Tüchern fixiert. Alle 15 Minuten ist diese Prozedur zu wiederholen, bis das Fieber nachlässt.

Erkältungsmedikamente: Helfen Omas Rezepte genauso gut?
DPA

Erkältungsmedikamente: Helfen Omas Rezepte genauso gut?

Oft sind solche Handlungsanweisungen von Generation zu Generation weitergegeben worden – in dem Wissen um die Heilkraft natürlicher Reize wie Kälte und Wärme oder um die Wirkung von Pflanzen.

Hinzu kommt das Zeremoniell, das mit dem Zubereiten von Tees, dem Einlassen von Bädern oder der Vorbereitung eines Wickels einhergeht. Es zeigt dem Kranken, dass man ihn schätzt und sich um ihn kümmert – was wiederum die körpereigenen Selbstheilungskräfte anregt.

Doch welchen Stellenwert haben Hausmittel in einer Zeit, in der die Schulmedizin für fast alle Leiden eine verlässliche Arznei parat zu haben scheint? Offenbar einen bedeutenden: "Die Nachfrage der Patienten nach Hausmitteln ist groß", sagt Michael Teut, Ärztlicher Leiter der Ambulanz für Prävention und Integrative Medizin am Universitätsklinikum Charité in Berlin.

Teut geht davon aus, dass viele der bekannten Hausmittel wirkungsvoll sind und dem Gesundheitssystem zudem Kosten ersparen können – allein schon dann, wenn sie einen Arztbesuch vermeiden helfen. Bei leichten Erkrankungen wie einer Erkältung, Halsschmerzen oder Muskelverspannung kann auch ein Schulmediziner oft nur zum Abwarten raten und den Patienten nach einigen Tagen wieder einbestellen. Oder er verschreibt einen Hustensaft, obwohl die Wirksamkeit vieler Mittel nicht nachgewiesen ist.

Ob in der Arztpraxis, der Ambulanz oder in Kliniken – viele Mediziner setzen heute auf bewährte Hausmittel. Im anthroposophisch orientierten Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke kurieren Kinderärzte fiebrige Lungenentzündungen mit Quark- und Senfwickeln sowie mit Inhalationen von Kamille- oder Thymiandämpfen. Dies könne manchmal sogar die Gabe von Antibiotika ersetzen, betont Alfred Längler, Leitender Arzt der Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin.

Die Bilanz des erfahrenen Praktikers ist positiv: In seinem Buch "Hausmittel in der modernen Medizin" präsentiert Längler mehr als 50 Anwendungen, die er für einen Versuch wert hält. An der Charité-Ambulanz in Berlin behandeln Ärzte Patienten, die an einem Reizdarm leiden, mit Indischem Flohsamen und Kamillentee; Kniegelenksarthrosen lindern sie mit Weidenrindenextrakt, Blutegeln oder Kohlwickeln.

Die wissenschaftliche Datenlage ist indes oft dürftig, wie der Ambulanzleiter Michael Teut einräumt. Erstaunlich ist das nicht, denn welcher Pharmahersteller sollte ein Interesse daran haben herauszufinden, ob etwa Zwiebelsäckchen gegen Ohrenschmerzen wirken?

Aber müssen sich die traditionellen Verfahren überhaupt an den strengen Anforderungen klinischer Studien messen lassen? Für Alfred Längler ist die jahrelange therapeutische Erfahrung Wirksamkeitsbeweis genug – und einer wissenschaftlichen Erkenntnis ebenbürtig.

Sowohl Längler wie Teut sind davon überzeugt, dass es sich lohnt, das Wissen über Hausmittel zu verbreiten, vor allem an jene, die keine kundige Großmutter im Hause haben. In Herdecke schulen Mediziner Eltern, damit die sich am Krankenbett der Kinder weniger hilflos fühlen. Die Berliner Charité bietet sogar ein breites Programm an, mit Kursen etwa zur Zusammenstellung einer "grünen Hausapotheke". Beliebt sind insbesondere die Kräuterspaziergänge, bei denen die Zutaten für Hausmittel selbst gesammelt werden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
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1. Thymiantee...
readme74 05.04.2009
Ich habe früher oft zu schwerer Bronchitis geneigt bei Erkältungen. Dafür gibt es keine wirkliche organische Erklärung weil ich ansonsten gesund bin. Dann hat mich meine Großmutter auf etwas gebracht. Sie hatte schon seit Jahrzehnten sogar eine chronische Bronchitis, die möglicherweise noch aus Kriegszeiten stammte. Ein Homöopath hat ihr einmal dazu geraten, jeden Morgen ein, zwei Tassen Thymiantee zu trinken. Und siehe da, auf Dauer konnte sie damit ihre chronische Bronchitis so weit zurückdrängen, daß sie so gut wie keine Beschwerden mehr hatte. Man sollte allerdings Thymiantee aus der Apotheke nehmen - es gibt nämlich im Grunde zwei Sorten, den Gewürzthymian den viele Leute im Garten anbauen, und Arzneithymian. Letzterer soll wohl eine besonders hohe Konzentration der typischen ätherischen Öle enthalten. Mir jedenfalls hilft es wunderbar. Seitdem auch ich kontinuierlich jeden Morgen einen Becher Thymiantee trinke, bekomme ich kaum noch Bronchitis, und wenn doch, dann verläuft sie um einiges weniger schwerwiegend. Und im Winter ist man zudem viel weniger anfällig gegen trockene Heizungsluft, die einen ja auch ziemlich husten lassen kann. Kann ich also nur empfehlen!
2. Autonomie
Tubus 05.04.2009
Zitat von sysopHühnersuppe, Wadenwickel und andere Rezepte gegen Krankheiten haben eine lange Tradition. Helfen sie wirklich? Für einige gibt es eine wissenschaftliche Erklärung – oder zumindest einen reichhaltigen ärztlichen Erfahrungsschatz. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,593371,00.html
Leider wird auch in diesem Artikel wissenschaftliche, d.h. evidenzbasierte Medizin als Schulmedizin diffamiert und der sogenannten Erfahrungsmedizin gegenübergestellt. Evidenzbasierte Medizin ist eben keine Schulmedizin mehr, die wie früher der Meinung bzw. Erfahrung einzelner Lehrer/Ärzte und deren Schulen folgte. Dabei war Erfahrung eine frühe Form wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, auch wenn sie allein heute nicht mehr den wissenschaftlichen Standards d. h. modernen Sicherheitsbedürfnissen genügt. Die Wirkung vieler Hausmittel ist wissenschaftlich gut zu erklären, wo nicht, ist Skepsis angebracht. Der Wert von Hausmitteln liegt neben ihrer z.T.nachweisbaren Wirkung darin, ein Stück Autonomie auch in der Krankheit zu bewahren und diese nicht bei jeder Bagatelle beim Arzt oder Psychologen abzugeben.
3. Mein Orthopäde rät auch zu Quarkauflagen bei Gelenkproblemen
GM64 05.04.2009
und der kümmert sich auch um Profi Fußballer. Schlimm ist es nur, wenn in der Apotheke Allium Cepa angeboten wird. Wie z.B. hier http://www.dooyoo.de/homoeopathie/allium-cepa-d-4-simicur-globuli-15-g/1195637/ . Wer schon mal in ein Pflanzenbuch gesehen hat, weiß, dass es sich dabei um die gemeine Zwiebeln handelt. Also wird da der arme Kranke massiv beschissen. Da zahlt man 6,40 Euro für 15 g Globuli, dafür kann man einige Kilo Zwiebel kaufen. Und es ist dann bei den Meisten, auch wie mit dem Briefträger, dem der Arzt Bewegung verordnet. Muss man die Globuli dann vor vor dem Zwiebelessen oder danach einnehmen? :)
4. mein persönlicher Arzneikasten
christiane006, 05.04.2009
Zitat von sysopHühnersuppe, Wadenwickel und andere Rezepte gegen Krankheiten haben eine lange Tradition. Helfen sie wirklich? Für einige gibt es eine wissenschaftliche Erklärung – oder zumindest einen reichhaltigen ärztlichen Erfahrungsschatz. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,593371,00.html
ich habe häufig auf Medikamente verzichtet und stattdessen, Kräuter aus dem Garten verwendet, die schon meine Oma benutzt hat. Bei Wespenstichen habe ich zum Beispiel ein Breitwegerich Blatt gesucht und es auf den Stich gepackt, dass hilft super und man kann dieses " Unkraut " auch dann finden, wenn man unterwegs ist. Verbrennungen kuriere ich mit Aloe Vera, diese Pflanze steht bei mir jederzeit bereit auf der Fensterbank, sofort angewendet, bleibt nicht einmal ein roter Fleck übrig. Besonders schön ist, dass die Wirkung sehr schnell eintritt Aloe Vera hilft auch bei Sonnenbränden und die süße Sorte kann man in seinen Yoghurt rühren, wenn man Probleme mit der Verdauung hat. Man schneidet einfach einen Arm dieser Pflanze ab und holt das kühlende Gel heraus. Geht prima. Halsweh wird mit Salbei behandelt. Ein paar Blätter aus dem Garten mit heißem Wasser aufgegossen und 10 Minuten ziehen lassen, dann wird kräftig gegurgelt. Oft reicht es aus, damit die Erkrankung gar nicht erst in volle Blüte schießt. Ich verwende Salbeitee auch um Wechseljahresbeschwerden, wie Schwitzattacken zu mildern. Bei Ohrenschmerzen, wie Mittelohrentzündung habe ich herausgefunden, dass die verschriebenen Öle kaum helfen und wenn sie helfen, erst mit großer zeitlicher Verzögerung, da ist der Erkrankte schon auf dem Baum. Da ich als Kind häufig damit zutun hatte, habe ich einen einfachen Trick herausgefunden. Ich habe Klosterfrau Melissengeist auf ein Stück Watte geträufelt und ins Ohr gesteckt. Dies hat sofort eine betäubende Wirkung und der Schmerz schwindet ganz schnell. Es ist zwar Alkohol im Spiel, aber es wird ja nicht getrunken und die Wirkung ist unschlagbar. Mit stinkenden Zwiebeln muss man sich nicht wirklich abgeben. Soweit ein kleiner Einblick in meinen persönlichen Arzneikasten.
5. Anthroposophie!?!?
Christian Hansen 05.04.2009
Ein den Zeitgeist wiederspiegelnder Artikel. Besonders schön finde ich, dass ein anthroposophisches Krankenhaus hier als leuchtendes Beispiel dargestellt wird. Die Anthroposophie hat sehr spezielle Ansichten, das könnte man vielleicht auch in dem Artikel schreiben anstatt nur zu verherrlichen, dass Patienten die an "fieberhafter Lungenentzündung", das ist eine wirklich ernste Krankheit, erkrankt sind, eine vernünftige Therapie vorenthalten wird. Nichts gegen Hausmittel, aber bitte nur bei Wehwehchen und nicht bei Lungenentzündung! Und mal ganz polemisch gefragt, wenn diese "uralten Mittel" soviel besser sind als moderne Medikamente, warum nehmen wir dann nicht lieber wieder einen Rechenschieber als diese doofen modernen Computer?
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