Heiße Mahlzeiten Ölkocher soll Leben retten

In den Entwicklungsländern kochen täglich zwei Milliarden Menschen mit Holz, gefährden dabei ihre Gesundheit und ruinieren die Umwelt. An der Universität Hohenheim und auf den Philippinen wurde ein alternativer Pflanzenöl-Kocher entwickelt, der weltweit verbreitet werden soll.

Von Sebastian Knauer


Der moderne Campus der philippinischen Leyte State University liegt in einem weltweit einzigartigen Naturparadies. Am Fuße des vulkanischen Mount Pangasugan erstreckt sich die landwirtschaftliche Universität mit gepflegten Blumenrabatten und Hecken inmitten des südostasiatischen Inselreichs. Nahezu alle tropischen Ökosysteme sind zwischen dem schmalen Küstenstreifen und dem 1150 Meter hohen Berg zu finden. "Wir sind hier so etwas wie das asiatische Galápagos", sagt die zierliche Präsidentin Paciencia Milan, selbst ihr elegant geschnittener Hosenanzug ist kanariengelb.

Tatsächlich finden sich unter dem dichten, dunkelgrünen Bewuchs des Regenwaldes und den wogenden Mangrovenwäldern an den Ufern der Camotes Sea rund ein Drittel aller Pflanzenarten der Philippinen. Die Artenvielfalt der einheimischen Tierwelt auf der Insel Leyte wird in Asien von keiner anderen Region übertroffen.

Leyte ist zu einem Pilgerort für Global Player mit grünem Anspruch geworden. Zuerst kamen die Autobauer, jetzt die Hausgerätehersteller. Den ökologischen Brückenschlag zwischen Schwaben und Südostasien haben die Tropenwissenschaftler der Universität Hohenheim in Stuttgart vorbereitet.

So realisierte der deutsch-amerikanische Konzern DaimlerChrysler mit der Universität Leyte ein Projekt zu nachwachsenden Rohstoffen im Automobilbau. Aus den besonders reißfesten Fasern der lokalen Abaca-Banane, bekannt als Manila-Hanf für Schiffstaue, werden inzwischen Bauteile wie die Ersatzradmulde der A-Klasse-Coupés gefertigt. Vergangenes Jahr wurde ein "Abaca-Verarbeitungszentrum" eröffnet, bis zu 60 Prozent Energie könnten mit der bis zu zwei Meter langen Naturfaser im Vergleich zu synthetischen Materialien eingespart werden.

Die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) in Köln unterstützt das sogenannte "Private Public Partnership"-Projekt der Autobauer mit öffentlichen Geldern. Bereits auf rund 1500 Hektar wachsen auf Leyte die Auto-Bananen in einem ausgeklügelten Stufenwald zusammen mit Maniok, Kokos oder anderen Nutzpflanzen wie der asiatischen Stinkfrucht Durian.

Brennholz-Bedarf verstärkt die Erosion

Der Anbau der Nutzpflanzen für die Industrieproduktion soll die Erosion der steilen Berghänge auf den tropischen Inseln aufhalten. Zuletzt Anfang des Jahres begrub auf Leyte eine mächtige Schlammlawine ein ganzes Dorf samt der voll besetzten Grundschule. Vermutlich über 1000 Menschen wurden in mehreren Dörfern getötet, darunter viele Kinder. Für ein paar Tage stand Leyte im Interesse der Medien, internationale Hilfsmannschaften aus den USA und Australien reisten an. 130.000 Euro Hilfsgelder sagten die Deutschen zu. Dann kehrte in den Dörfern wieder das Vergessen ein.

Und die Hänge werden wieder rutschen. Denn um Brennholz zu gewinnen werden weiter die Wälder abgeholzt. Seit den neunziger Jahren starben auf den Philippinen mehr als 8000 Menschen bei solchen Erdrutschen, 70 Prozent der ursprünglichen Tropenwälder sind in den letzten 40 Jahren verschwunden. Vieles davon hat sich in Rauch und das Klimagas Kohlendioxid aufgelöst, denn das Holz des Regenwaldes dient vor allem als Brennmaterial, um die täglichen Mahlzeiten zu erhitzen.

"Genau hier setzt unser Projekt eines Pflanzenöl-Kochers an", sagt Werner Mühlbauer, emeritierter Professor für Agrartechnik in den Tropen und Subtropen an der Universität Hohenheim. Über zwei Milliarden Menschen kochen täglich an offenen Feuerstellen statt mit Gas oder Strom. Bis zu 700 Kilogramm Feuerholz, das entspricht dem Gewicht eines Smart-Kleinwagens, werden in den armen Ländern für jedes Familienmitglied jährlich zur Essenszubereitung verfeuert.

Die Nebenwirkungen sind nach Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation fatal: Durch die giftigen Abgase und Rußpartikel aus den offenen Feuerstellen sterben jährlich mehr als 1,6 Millionen Menschen. "Einem Kocher, der mit reinem Pflanzenöl betrieben werden kann", sagt deshalb Fritz Brickwedde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, "müsste eine große Zukunft bevorstehen."

"Protos"-Kocher statt Klimagas, Ruß und Gift

Diese Zukunft sollte Anfang April auf Leyte beginnen. Eine Delegation der Münchener Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH (BSH), Weltumsatz 6,8 Milliarden Euro, besuchte mit Wissenschaftlern, Entwicklungsexperten und Umweltschützern das südostasiatische Eiland. In einer über einjährigen Erprobungsphase in philippinischen Haushalten und ländlichen Garküchen hatte der Pflanzenölkocher mit dem Namen "Protos" seine Bewährungsprobe bestanden.

Eine "einfache Konstruktion, hohe Zuverlässigkeit und niedriger Preis" sind für den BSH-Manager Gerd Strobel, zuständig für den Produktbereich Herde, Vorrausetzungen für den kommerziellen Erfolg des neuen Brenners. Neben den BSH-Küchenmarken wie Gaggenau oder Neff ist der "Protos" eher ein winziger Exot in der Programmpalette des Geräteherstellers. Kosten moderne High-Tech-Herde für westliche Designerküchen das Mehrfache des Jahreseinkommens eines philippinischen Landarbeiters, soll der Öko-Kocher "Protos" schon für umgerechnet 30 Euro im Land produziert werden auf den Markt kommen. "Das Funktionsprinzip ist so einfach wie beim Petroleumkocher", sagt Strobel. "Wir haben aus unserer Kernkompetenz Kochen ein Gerät für die Schwellenländer entwickelt."

Allerdings liegt der Flammpunkt des dickflüssigen Pflanzenöls mit 188 Grad Celsius mehr als hundert Grad über dem von Petroleum. Zudem verstopften koksige Rückstände regelmäßig die Düsen der zunächst getesteten Brenner. Mehrere Jahre bastelten die Hohenheimer Forscher vergebens an einem Öko-Kocher. "Es hat gerußt und gestunken ohne Ende", sagt Projektleiter Mühlbauer, "wir waren schon drauf und dran, das aufzugeben." Immerhin hatte die Deutsche Bundesstiftung Umwelt schon im Jahre 1998 einen Antrag auf Förderung des Öko-Brenners genehmigt und 90.000 Euro bereitgestellt.

Rußt nicht, stinkt nicht, explodiert nicht

Hartnäckig zeigte sich auch ein frisch eingestellter Doktorand an der Universität Hohenheim, der nicht nur einen glänzenden Abschluss einer US-Universität vorweisen konnte, sondern auch als Pianist im Wettbewerb Jugend musiziert geglänzt hatte. Assistent Elmar Stumpf rechnete, experimentierte und zündelte auch am Wochenende im Institut mit seinem Kocher, bis ihm endlich der Durchbruch gelang. Mit Hilfe eines besonders angeordneten Verdampferrohrs sowie einem Prallteller brachte er den "Protos" zum Funktionieren. Für die ersten Modelle wurden noch handelsübliche Edelstahl-Kochtöpfe zu Brennstofftanks umgebaut.

Zudem verzichteten die findigen Agrarwissenschaftler auf den Einbau komplizierter Düsen, um den Brennstoff einzuspritzen. Eine 0,3 bis 0,5 Millimeter große Öffnung lässt sich mit einem einfachen Draht bei Verschmutzungen säubern. Und der Aufsatz des dreibeinigen Gerätes erlaubt es, die asiatischen Wok-Pfannen komfortabel zu benutzen. "Unser Kocher kann auch auf keinen Fall explodieren", versichert Mühlbauer.

"Wir müssen dafür sorgen, den Brennstoff in ausreichenden Mengen bereit zu stellen", sagt Stumpf. Zusammen mit lokalen Dorfkooperationen bauen die Leyter Nachhaltigkeitsexperten eine Infrastruktur für die Gewinnung von Pflanzenölen aus tropischen Gewächsen wie der Kokosnuss, der Purgiernuss oder dem Rizinus auf. Immerhin stehen alleine auf den Philippinen mit 300 Millionen Kokospalmen viermal mehr Rohstoffbäume als das Land Bewohner hat.

Hundert Liter Pflanzenöl pro Jahr und Familie

In den ländlichen Regionen seien die tropischen Ölfrüchte eine "unabhängige und nachhaltige Energiequelle", für die keine Pipelines gebaut werden müssen. "Kokospalmen gibt es in den Tropen überall", sagt DEG-Fachmann Rolf Gerber, "das ist ein riesiges Potential."

Mit 100 Litern Pflanzenöl lässt sich nach Berechnungen der deutschen Gerätehersteller die Kochenergie einer durchschnittlichen Familie für ein ganzes Jahr sichern. Zwar hat das Kokosöl nur einen um vier Prozent geringeren Heizwert als die Konkurrenz Kerosin. Dafür aber entweicht offenen Feuerstellen 370 Mal mehr Kohlenoxid als den Pflanzenkochern.

In Hohenheim wird schon an einen globalen Einsatz des Öko-Kochers gedacht. Sowohl in Guatemala, Tansania, China, oder Indien besteht Interesse an "Protos". Weniger begeistert sind die Tropenexperten von den sogenannten Solarkochern, die mittels Sonnenenergie das Essen erhitzen sollen. Zum einen birgt die Erhitzung auf bis zu 400 Grad für Koch und Gerät ein beträchtliches Risiko. Zudem liegt die Hauptzeit für die Essenszubereitung in den Tropen meist nach dem frühen Sonnenuntergang - schlechte Ausgangsbedingungen für ein Solar-Süppchen.

Ob sich der schwäbische Pflanzenkocher schließlich gegen Gasgeräte, Petroleumkocher oder Holzkohle durchsetzen kann, ist noch ungewiss. Kulturelle Gewohnheiten sind auch in den tropischen Haushalten tief verwurzelt. Die ersten Exemplare des Öko-Herds für das philippinische Experiment waren noch von den Auszubildenden in den süddeutschen Produktionswerkstätten der Bosch und Siemens Hausgeräte gefertigt worden. "Für die Weltfirma ist das doch ein Risiko", urteilt Kocherpionier Mühlbauer. "Wenn das nicht funktioniert, lacht die ganze Konkurrenz."



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