Helligkeit und Emotion Licht an, Glück auf!

Licht ist mehr als Helligkeit: Es macht uns glücklich oder traurig, es stresst und beruhigt. Licht ist ein Mittel, unsere Psyche zu steuern, und es beeinflusst unsere Gesundheit. Ärzte und Ingenieure träumen von einer Welt, in der richtige Lampen Kranke heilen - und müde Schüler munter machen.

Von Katrin Blawat


Fünf Stunden noch, dann wird in den mit bunten Stoffen bezogenen Sesseln die frischverheiratete Maria Braun mit ihrem Ehemann sitzen, bevor der zurück an die Front muss. Fünf Stunden also, in denen die Lichttechniker der Münchner Kammerspiele jeden Scheinwerfer und jede Blende exakt auf- und einstellen müssen. In einem Kämmerchen über dem Zuschauerraum spielt der Stellwerksbeleuchter an einem Schaltpult herum, vor sich ein 50 Seiten starkes Manuskript voll kryptischer Tabellen und Zahlen.

Die Beleuchtung für das Stück "Die Ehe der Maria Braun sei eine besonders schwierige Aufgabe", sagt Max Keller, Chefbeleuchter und Lichtgestalter an den Münchner Kammerspielen. Mehr als 2000 unterschiedliche Lichtstimmungen untermalen die Handlung während der Proben, eine große Aufgabe auch nach 40 Jahren, in denen der gebürtige Schweizer Theaterstücke und Opern ins rechte Licht gesetzt hat. Wen, wenn nicht diesen stattlichen weißhaarigen Mann, sollte man fragen, um herauszufinden, was künstliches Licht mit Menschen macht - und was der Mensch mit Kunstlicht machen kann. "Meine Aufgabe ist es, Emotionen herauszufordern", sagt Max Keller. "Und das schaffe ich."

Derart klar ist nur am Theater definiert, was künstliches Licht bewirken soll. Dabei gilt auch abseits der Bühne, im Büro, im Klassen- und im Badezimmer, was Max Keller mit größter Selbstverständlichkeit sagt: "Licht ist niemals einfach nur Helligkeit." Zunehmend erkennen heute Mediziner, Chronobiologen und Lampenhersteller: Licht ist vor allem ein Mittel, um die Psyche des Menschen zu beeinflussen - und damit auch seine Gesundheit und Leistungsbereitschaft.

Es lohnt sich also, auf Max Keller zu hören. Der ist auch nach mehr als 30 Jahren vor allem von seiner Entwicklung des künstlichen Tageslichts begeistert. Jedes sichtbare oder "weiße" Licht besteht aus einer Mischung farbigen Lichts, ähnlich dem Spektrum eines Regenbogens. Nur im Tageslicht sind alle Farben zu etwa gleichen Teilen vertreten, in Lampen dagegen variieren die einzelnen Anteile. So überwiegt im typischen Glühlampenlicht das langwellige rötliche Spektrum, während kurzwellige blaue Anteile kaum enthalten sind. Im Gegensatz zum warmen Licht der Glühlampe erscheint das Tageslicht daher bläulich-kalt - und wegen seiner höheren Farbtemperatur viel heller.

Das von Keller zusammen mit der Firma Osram entwickelte künstliche Tageslicht stammt nicht aus Glüh-, sondern sogenannten Entladungslampen, in denen Elektronen angeregt werden. Dank dieser Technik erhöht sich der Blauanteil, "und die Lampen sind viermal heller als vergleichbare Glühlampen", sagt Keller. Als er das neuartige Licht 1972 zum ersten Mal auf einer Berliner Bühne einsetzte, trugen seine Mitarbeiter bei den Proben Sonnenbrillen. Max Keller schwärmt von "seinem" Licht: "Man spürt viel mehr Dynamik, alle Entscheidungen gewinnen an Kraft."

Michael Schulte-Markwort arbeitet nicht am Theater, sondern viel am Schreibtisch, deshalb formuliert er etwas nüchterner, doch nicht weniger begeistert: "Beim Lesen springen mir die Buchstaben jetzt direkt entgegen." Michael Schulte-Markwort ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und hat in seinen Büro- und Konferenzräumen ebenfalls Lampen mit künstlichem Tageslicht installiert - weniger leistungsstark als Kellers Scheinwerfer, aber mit der gleichen belebenden Wirkung. "Ich war selbst zunächst sehr skeptisch und dachte, ich würde keinen Unterschied spüren", sagt Schulte-Markwort. "Aber meine Lesegeschwindigkeit hat deutlich zugenommen."

Ähnlich urteilten in einer Studie Mitarbeiter eines Callcenters in England, deren Büros mit Lampen mit hohem Blaulichtanteil ausgestattet wurden. Die Lampen hatten eine Farbtemperatur von 17.000 Kelvin - Tageslicht kommt an einem bedeckten Tag auf etwa 6500 Kelvin. Nach Selbstauskunft der Probanden verbesserten sich innerhalb von sieben Wochen die Arbeitsleistung und die Konzentrationsfähigkeit im Mittel um 20 beziehungsweise 30 Prozent; die Müdigkeit tagsüber verringerte sich um 27 Prozent. Probanden der Kontrollgruppe reichte zwar der Placeboeffekt, um sich etwas munterer zu fühlen, doch waren die Änderungen bei ihnen viel schwächer ausgeprägt.

Schon 1971 definierte der Biologe Stephen Boyden das Bedürfnis nach Tageslicht als eine der "Well-being Needs": als Voraussetzung für ein Leben ohne stressbedingte Krankheiten. Kaum ein Bedürfnis des Menschen ist so tief in der Geschichte des Lebens verwurzelt wie die Hinwendung zum Licht. Schon Einzeller bewegen sich zur Helligkeit, Pflanzen drehen sich zur Sonne und beziehen lebenswichtige Stoffe aus der Strahlung.

Und der Mensch? Sein Auge ist recht kümmerlich mit jenen Rezeptoren ausgestattet, die das Sehen im Dunkeln ermöglichen. In der Dämmerung wird der Mensch verletzlich und unsicher. Dunkelheit schreckt ihn ab. Studien wie die des Berliner Ergonomic Instituts für Arbeits- und Sozialforschung oder der California Energy Commission zeigen: Mitarbeiter, die wenig Tageslicht abbekommen, werden unzufrieden und gesundheitlich anfällig. Umgekehrt verbessern sich ihr Wohlbefinden und die Arbeitsergebnisse mit hohen Dosen Tageslicht. "Wir sitzen, evolutionsgeschichtlich gesehen, erst seit kurzer Zeit den ganzen Tag im Büro", sagt der Berliner Schlafmediziner Dieter Kunz von der Charité. "Unser Körper hinkt noch hinterher, für ihn wäre es normal, wenn wir tagsüber draußen im Hellen wären."



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