Falsche Prognosen 2012: Hellseher ohne Durchblick

Von Thomas Wagner-Nagy

Sportveranstaltungen, Aufstände, Naturkatastrophen: Selbsternannte Wahrsager lieferten erstaunliche Vorhersagen für 2012. Eine Untersuchung bescheinigt den Propheten nun "Versagen auf ganzer Linie".

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Kein guter Durchblick: Hellseher lagen mit ihren Prognosen für 2012 daneben

Hamburg - Angesichts Traumhochzeiten, sportlicher Großereignisse und Euro-Krise wollten viele Menschen das Jahr 2012 nicht einfach auf sich zukommen lassen. Stattdessen wagten Propheten auf der ganzen Welt einen Blick in die Zukunft und trafen Vorhersagen. Dabei waren die Hellseher wohl ziemlich verblendet, wie die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) in ihrem Jahresbericht meldet.

"Die selbsternannten Propheten haben auf ganzer Linie versagt", fasst der Mainzer Mathematiker Michael Kunkel die Jahresbilanz der Wahrsager zusammen. Er sammelt seit einigen Jahren solche Prophezeiungen und untersucht sie. Für das Jahr 2012 wertete er etwa 140 Prognosetexte und Webseiten von 70 namentlich bekannten Astrologen, Hellsehern und Wahrsagern aus. Drei Viertel der Prognosen stammen aus dem Internet, aber auch Zeitungen, Zeitschriften und Bücher durchforstete Kunkel nach Prophezeiungen.

Schwammige Prognosen

Für die Auswertung einer Prognose ist entscheidend, wie präzise diese ist. In anderen Worten: Je genauer die Prognose, desto überraschender wäre auch ihr Eintreffen. Gelänge es also einem der selbsternannten Hellseher, Datum und Ort einer Katastrophe wie eines Erdbebens genau vorherzusagen, wäre dies eine absolute Sensation. Doch so weit wagen sich die Propheten selten aus dem Fenster - viel zu groß ist die Gefahr einer Fehlprognose.

Ebenso wichtig für die Einordnung ist die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Ereignis überhaupt eintritt. So schreibt der Autor der GWUP-Rückschau, er habe 2009 selbst ein Erdbeben der Stärke 4,5 bis 5 für die zweite Maihälfte auf den Fidschi-Inseln vorausgesagt - und voll ins Schwarze getroffen. Allerdings beruhte seine Prognose nicht auf Kartenkonstellationen oder Rauchformationen, sondern auf einer kurzen Internet-Recherche: Er hatte herausgefunden, dass sich in dieser Region im Schnitt ein- bis zweimal pro Woche ein solches Beben ereignet.

Die Kanadierin Nikki Pezaro hätte sich mit einer korrekten Prognose unsterblich machen können. Allerdings wartete sie vergeblich darauf, dass am Jahresende Vögel erscheinen, die Menschen angreifen, dass Tiefseemonster auftauchen oder der Heilige Gral gefunden wird. Präzise Aussagen, die wohl eher guten Stoff für Romane oder Filme liefern würden. Mit ihrer Prognose, der Vulkan Vesuv würde ausbrechen, stand sie nicht allein. Ihr Kollege Blair Robertson hatte dies auch vorausgesagt, fälschlicherweise.

Bei den meisten Prophezeiungen handelt es sich laut GWUP aber ohnehin um "ungenaue und schwammige Aussagen, die es dem Prognostiker leicht machen, im Nachhinein alles nur Erdenkliche in seine Aussage hinein zu definieren". Demgegenüber seien jedoch auch korrekte Prognosen von Wirbelstürmen in der Karibik, Überschwemmungen zur Monsunzeit in Indien, Lawinen in den Alpen oder Waldbrände in Kalifornien keine Sensationstreffer, sondern erwartbare, jährlich wiederkehrende Ereignisse.

Der Papst lebt noch - die Euro-Zone auch

Auch die Wirtschafts- und Euro-Krise beschäftigte die Hellseher 2012. Der Zusammenbruch der Euro-Zone und ihrer Währung sowie der Ausstieg einzelner Länder wurden ebenso prognostiziert wie durch wirtschaftliche Probleme ausgelöste Volksaufstände. Seltenheitswert hatte dabei die dramatische, sehr genaue Prognose des Palmblattdeuters Thomas Ritter. Er sagte Aufstände in europäischen Metropolen voraus. Besonders blutige Kämpfe hätten Paris, Madrid, London und Prag zu erwarten. In Rom sollte der Sitz des Papstes gestürmt werden, auf der Flucht würde das Oberhaupt der katholischen Kirche sogar sterben. Die Horrorszenarien blieben aus.

Mit Spannung wurden die Prognosen zur Fußball-Europameisterschaft erwartet. Hier standen die tierischen Konkurrenten im Fokus der Medien und haben den menschlichen Auguren eindeutig den Rang abgelaufen.

Verständlich, denn Affen, Kühe, Schnecken, Elefanten und Co. legten sich - zugegeben auf ihre ganz eigene Weise - vor den Spielen eindeutig fest. Ihre menschlichen Mitbewerber hingegen hielten sich in Sachen EM sehr bedeckt. Zu eindeutig und nachprüfbar erschienen wohl die Ergebnisse, so dass für die deutsche Elf nur zaghaft "ein gutes Abschneiden" vorhergesagt wurde. Kleiner Trost: Auch die Tiere haben versagt. Nach dem Halbfinale gab es kein einziges Tier mehr, das bei allen Spielen richtig gelegen hatte. Krake Paul ist eben doch einzigartig.

Keine "spektakulären Prognosetreffer"

Angesichts der schwammigen Aussagen und Fehlprognosen fällt das Fazit der Prophetenprüfer für das Jahr 2012 vernichtend aus: "Spektakuläre Prognosetreffer waren nicht zu erkennen", schreiben sie in ihrem Abschlussbericht. Kates Schwangerschaft und Obamas Wahlsieg lassen sie nicht gelten. Zu wahrscheinlich war das Eintreten dieser Ereignisse.

Neues Jahr, neues Glück, heißt es da wohl für 2013. Einen attraktiven Anreiz gibt es jedenfalls für alle diejenigen, die meinen, in die Zukunft blicken zu können: Gleich mehrere Skeptikerorganisationen bieten bis Ende September 2013 denjenigen Menschen, die unter wissenschaftlich kontrollierten Bedingungen eine paranormale Fähigkeit nachweisen können, ein Preisgeld von einer Million Euro.

Die bereits vorliegenden Prognosen haben aber laut Kunkel keine Chance auf den großen Gewinn: "Bisher gibt es für 2013 nur die üblichen, schwammigen Katastrophenprognosen - wenn da nicht mehr kommt, können zumindest die selbsternannten Propheten die Million nicht gewinnen."

Den Rest des Jahres 2012 müssen Nicht-Hellsichtige wohl zittern: Für den mit dem Ende des Maya-Kalenders verbundenen Weltuntergang am 21. Dezember 2012 hätten einige Propheten zwar "eine besondere Konstellation", die meisten aber keine Apokalypse gesehen. Hoffentlich behalten sie wenigstens mit dieser Prognose recht.

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1.
meinmein 14.12.2012
Zitat von sysopCorbisSportveranstaltungen, Aufstände, Naturkatastrophen: Selbsternannte Wahrsager lieferten erstaunliche Vorhersagen für 2012. Eine Untersuchung bescheinigt den Propheten nun "Versagen auf ganzer Linie". http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/hellseher-versagen-mit-ihren-prognosen-fuer-2012-a-872759.html
Das finde ich aber nett von SPON, dass er uns aufklärt. Ich frage mich allerdings, ob es nötig ist, jedes Jahr wieder die Vorhersagen der Wahrsager zu überprüfen, so als ob eventuell wirklich einer von denen in die Zukunft sehen könnte.
2. Hellsehen
Layer_8 14.12.2012
Zitat von sysopCorbisSportveranstaltungen, Aufstände, Naturkatastrophen: Selbsternannte Wahrsager lieferten erstaunliche Vorhersagen für 2012. Eine Untersuchung bescheinigt den Propheten nun "Versagen auf ganzer Linie". http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/hellseher-versagen-mit-ihren-prognosen-fuer-2012-a-872759.html
Hellsehen gibts mit Sicherheit! Halt zeitlich umgekehrt. Da wird dann garantiert alles vorhergesagte eingetroffen worden sein. Besonders Politiker und Börsianer sind in diesem Metier spitze.
3. wer glaubt denn sowas
tarzom 14.12.2012
die einzige Prognose, die schon in der Antike niedergeschrieben wurde, ist bisher 1000% eigetroffen: die Dummen, die sowas glauben, werden nie aussterben.
4.
Irek 14.12.2012
Zitat von sysopCorbisSportveranstaltungen, Aufstände, Naturkatastrophen: Selbsternannte Wahrsager lieferten erstaunliche Vorhersagen für 2012. Eine Untersuchung bescheinigt den Propheten nun "Versagen auf ganzer Linie". http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/hellseher-versagen-mit-ihren-prognosen-fuer-2012-a-872759.html
Die Geschichte mit Maya-Kalender und dem Weltuntergang ist eine aus der ganzen Reihe von Propagandazügen mit denen die „Wissenschaftler“ die Steuerzahler zu terrorisieren versuchen. Ziel ist klar definiert, man muss den Menschen Angst einjagen, dann sind sie bereit für die ultimative Erlösung Geld den „Wissenschaftler zu geben. Diese Masche ist ein typisches Erkennungszeichen der „Wissenschaft“ als eine moderne Form der Schamanizmus. Genau das haben die Physiker mit LHC und „Schwarzen Löcher“ gemacht. Genauso arbeiten die Biologen und Mediziner mit täglichen Warnungen von Epidemien. Und es ist nicht anders mit Astronomen und „Kosmosforscher“, die sich des Tricks des Maya-Kalenders bedienen. Besonders schlimm sind aber die Klimatologen mit der Märchen von den Menschen verursachten Klimaerwärmung. Der Ort wo sich am liebsten die falschen Propheten tummeln heißt „Wissenschaft“. Hinter der heutigen Wissenschaft verbirgt sich nichts außer Betrug und Abzocke.
5.
Celegorm 14.12.2012
Zitat von meinmeinDas finde ich aber nett von SPON, dass er uns aufklärt. Ich frage mich allerdings, ob es nötig ist, jedes Jahr wieder die Vorhersagen der Wahrsager zu überprüfen, so als ob eventuell wirklich einer von denen in die Zukunft sehen könnte.
Solange es noch mehr als genug gibt, die an solche "Vorhersagen" bzw. die "übersinnlichen Fähigkeiten" der verantwortlichen Personen glauben, kann das wohl oder übel nicht schaden..;)
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