Neuer Helmholtz-Chef Wiestler Forscher Forscher

Otmar Wiestler will als neuer Boss die Helmholtz-Gemeinschaft kommerzialisieren. Sein autokratischer Führungsstil ist gefürchtet - Ärger mit Forschern scheint vorprogrammiert. Bei seiner letzten Station verhängte er ein Redeverbot für Wissenschaftler.

DPA

Von Hinnerk Feldwisch-Drentrup


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Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit ihren 18 Großforschungszentren ein Schwergewicht im deutschen Wissenschaftsbetrieb. Seit Anfang September wird sie vom Neuropathologen Otmar Wiestler gesteuert. Vor einem Jahr war er mit großer Stimmenmehrheit gewählt worden, am 22. September wurde er förmlich ins Präsidentenamt berufen. Doch nun droht Ärger, denn er will die bundesweit verteilten Zentren teils stark umgestalten.

Das jährliche Budget von vier Milliarden Euro erhalten die Forschungsinstitute mit ihren 38.000 Mitarbeitern zum Großteil von der Bundesregierung, um sich den großen gesellschaftlichen Themen anzunehmen. Egal ob Energie, Nachhaltigkeit, Verkehr oder Gesundheit: Wie schon an seiner letzten Wirkungsstätte in Heidelberg will Wiestler vermehrt darauf setzen, dass Forschungsergebnisse auch in der Praxis angewendet werden. Am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ), das zu Helmholtz gehört, hat er hierfür Millionensummen eingeworben und neue Einrichtungen für Patienten-orientierte Forschung gegründet. Dem Vorbild des DKFZ sollen nun die anderen Zentren folgen.

Um sich einen Überblick zu verschaffen und die wichtigsten Köpfe der Forschungszentren kennenzulernen, besucht Wiestler derzeit die Institute. So will er ihre jeweiligen Stärken ermitteln, um sie inhaltlich neu auszurichten. Wie das Krebsforschungszentrum oder das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt sollen die auf mehreren Gebieten parallel forschenden Zentren in Jülich, Karlsruhe oder Geesthacht sich zukünftig auf ein Thema konzentrieren.

Mitsprache eingeschränkt

Dies hätte jedoch zur Folge, dass bisherige Schwerpunkte gestrichen würden, wie beispielsweise die Küstenforschung in Geesthacht. Es sieht nicht so aus, als ob Wiestler dabei auf Kooperation setzt: Betroffene Wissenschaftler erfuhren von den Umstrukturierungsplänen aus der Presse.

Für seine bisherigen Mitarbeiter am DKFZ ist dies keine Überraschung. Sie berichten von einem Klima der Einschüchterung, das unter Wiestler und seinem Co-Vorstand Josef Puchta entstanden sei. Eine Satzungsänderung hatte ihrem Vertretungsgremium vor einem Jahr die Mitspracherechte weitgehend entzogen. Das Gremium hatte zwar selbst zugestimmt, realisierte aber wohl nicht die Folgen: Für die Vorstandsnachfolge hatten die Wissenschaftler - anders als zuvor - kein Vorschlagsrecht mehr. Sie konnten sich nur in einer inoffiziellen Abstimmung für einen externen, angesehenen Forscher als neuen Vorstand aussprechen.

Aber die Findungskommission, in der neben dem Bundesforschungsministerium auch Wiestlers Co-Vorstand Puchta vertreten war, verfolgte andere Pläne: Sie wollte Wiestlers ehemaligen Doktorsohn Wolfgang Wick zum neuen Vorstandsvorsitzenden machen, in dessen Arbeitsgruppe Wiestlers Sohn jahrelang tätig war. Mit Wick wäre in Heidelberg ein Intimus Wiestlers an die Macht gekommen. Doch ging die Taktik nicht auf. Keine zwei Wochen, nachdem der Neuroonkologe im Juli als neuer Vorstand angekündigt war, machte er einen Rückzieher.

Fragwürdiges Redeverbot

Auch kamen Vorwürfe auf, Wiestler und Puchta hätten nicht die Wahrheit gesagt, als sie in einer internen E-Mail von einem angeblich "einmütigen" Votum für Wick geschrieben haben. Im August verhängten sie einen Maulkorb und beriefen sich dabei auf eine Absprache mit der Abteilungsleiterin Bärbel Brumme-Bothe vom Forschungsministerium: In einer SPIEGEL ONLINE vorliegenden E-Mail an alle leitenden Wissenschaftler untersagten sie, mit Journalisten über die Nachfolge von Wiestler zu sprechen.

Auf Nachfrage wollten sich weder Wiestler noch Puchta zu den Vorgängen äußern. Das Ministerium schrieb, der DKFZ-Vorstand hätte nur darum gebeten, dass Brumme-Bothe Anfragen der Presse beantworten würde - ein Redeverbot sei nicht vonseiten des Ministeriums ausgegangen.

Für die Umstrukturierung der Helmholtz-Gemeinschaft sollte sich der neue Helmholtz-Präsident die Vorgänge um die Satzungsänderung und das Redeverbot am DKFZ wohl besser nicht zum Vorbild nehmen: Laut Juristen sind sie nicht mit der Wissenschaftsfreiheit vereinbar, die in Artikel 5 des Grundgesetzes verankert ist. Das Bundesverfassungsgericht hatte nur zwei Monate vor der Verabschiedung der neuen Satzung bekräftigt, dass Forschern weitreichende Mitspracherechte zustehen. Ihre Stimme muss in wissenschaftlichen wie auch organisatorischen Fragen Gewicht haben.

Freiheit von Forschung?

Während das Bundesforschungsministerium auf Nachfrage die Mitspracherechte nicht als geschwächt ansieht, äußert der Bonner Verfassungsrechtler Klaus Ferdinand Gärditz deutliche Kritik: "Die Satzungsänderung verweigert sich schlicht den Anforderungen, die das Bundesverfassungsgericht nicht erst seit vorigem Jahr, sondern letztlich in einer langen Kette an Entscheidungen aufgestellt hat", so Gärditz.

Der Kölner Staatsrechtler Christian von Coelln hält derart pauschale Verbote von Pressekontakten für unzulässig: "Die Wissenschaftsfreiheit schützt nicht nur, dass Forscher sich im stillen Kämmerlein kluge Gedanken machen."


Zusammengefasst: Der neue Chef der Helmholtz-Gemeinschaft will die 18 bundesweit verteilten Forschungszentren der Gemeinschaft teils stark umgestalten - und umgeht dabei offensichtlich seine Mitarbeiter. Die hatten von Plänen zu neuen Forschungsschwerpunkten erst aus der Presse erfahren. Damit knüpft Otmar Wiestler an seinen Führungsstil beim Deutschen Krebsforschungszentrum an, wo Mitarbeitern die Mitsprache verweigert wurde. Das widerspricht der im Grundgesetz verankerten Freiheit der Wissenschaft.

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