Verkehrsplanerin Diese Frau will Helsinki autofrei machen

Rund 95 Prozent seiner Lebensdauer verbringt ein Auto auf dem Parkplatz, sagt die finnische Verkehrsplanerin Sonja Heikkilä. Warum nicht einfach weg damit? Sie hat einen Plan.

Sonja Heikkilä: "Es geht nicht darum, ein Auto zu haben, sondern darum, möglichst gut von A nach B zu kommen."
Susanna Lehto

Sonja Heikkilä: "Es geht nicht darum, ein Auto zu haben, sondern darum, möglichst gut von A nach B zu kommen."

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Ob sie selbst eigentlich ein Auto habe? Diese Frage lässt Sonja Heikkilä kurz stutzen. Dabei liegt sie nahe. Schließlich will die junge Finnin eine entscheidende Rolle dabei spielen, dass in ihrer Heimatstadt Helsinki in einigen Jahren keine Privatfahrzeuge mehr unterwegs sind. Weil sie niemand mehr brauchen wird, so Heikkiläs Prognose.

In ihrer Masterarbeit an der Aalto University hat die 25-jährige Transportingenieurin dafür im vergangenen Jahr ein Konzept präsentiert. Jetzt arbeitet sie beim finnischen Innovationsförderer Tekes daran mit, es umzusetzen. "Es geht ja nicht darum, ein Auto zu haben", sagt Heikkilä im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, "sondern darum, möglichst gut von A nach B zu kommen." Dabei soll ihr Konzept helfen.

"Mobility as a Service" heißt das Ganze. Wichtigstes Hilfsmittel ist ein Mobiltelefon mit einer App. Mit ihrer Hilfe sollen sich die Bewohner von Helsinki schon bald die für sie jeweils beste Transportverbindung zusammensuchen - kombiniert aus Bus, Bahn, Leihfahrrad, Mietauto oder Fähre.

Teurer als ein normaler Bus, billiger als ein Taxi

Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts werden voraussichtlich zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Konzepte, wie man eine Metropole vor dem Verkehrskollaps bewahrt, sind für viele Orte interessant. Man kann das über Strafabgaben für Autofahrer lösen, wie es London oder Madrid tun. Oder mit attraktiven Angeboten für den Nahverkehr, wie es Helsinki versuchen will. Auf zahlreichen Kongressen rund um den Globus hat Sonja Heikkilä das Konzept bereits vorgestellt.

Kreuzung zum Fährhafen in Helsinki: "Möglichst gut von A nach B kommen"
DPA / Jens Büttner

Kreuzung zum Fährhafen in Helsinki: "Möglichst gut von A nach B kommen"

Rund 95 Prozent seiner Lebensdauer verbringe ein Auto auf dem Parkplatz, rechnet die Verkehrsingenieurin vor. In dieser Zeit sei es nutzlos. Da sei es doch nur konsequent, es auch für die anderen fünf Prozent überflüssig zu machen. Die App soll stattdessen in Echtzeit die beste Verbindung ermitteln - und dabei etwa die Verkehrslage und das Wetter berücksichtigen: Wer fährt schon gern mit dem Leihfahrrad durch strömenden Regen?

Auf einer Art Marktplatz sollen verschiedene Transportangebote wählbar sein. Der Kunde muss sich dann entscheiden - eine Art Uber für den Nahverkehr. Interessant dafür ist auch ein spezielles Bussystem in Helsinki. Die 15 Fahrzeuge der Kutsuplus-Flotte gab es schon vor Heikkiläs Masterarbeit. Sie sind seit drei Jahren ständig im Stadtgebiet unterwegs. Wer mitfahren möchte, kann sie per App anfordern - wird dann zügig eingesammelt und an sein Ziel gebracht. Das Ganze ist teurer als ein normaler Bus, aber billiger als ein Taxi.

Stadtzentrum von Helsinki (im September 2015): Bald ohne Autos?
DPA

Stadtzentrum von Helsinki (im September 2015): Bald ohne Autos?

Die Software des Systems kommt vom finnischen Unternehmen Ajelo, das mittlerweile zum Split-Konzern gehört. Für die Busse ist die Stadt zuständig. Jedes Fahrzeug hat neun Plätze und ist für 200 bis 300 Fahrten pro Tag im Einsatz - also kann derzeit nur ein winziger Teil der Menschen in Helsinki damit unterwegs sein. "Es geht darum zu zeigen, dass das Konzept funktioniert", sagt Heikkilä. Ein Privatunternehmen müsse nun den Service übernehmen, die öffentliche Hand könne nicht dauerhaft subventionieren. Denn kostendeckend ist das Busnetzwerk nicht ansatzweise.

Das ist gleichzeitig die größte Schwierigkeit bei der Idee: Normalerweise ist der öffentliche Nahverkehr ein Zuschussgeschäft. Wenn Firmen damit Geld verdienen möchten, müssen sie wahrscheinlich die Preise anheben. In US-Metropolen wie Boston, Washington oder San Francisco arbeiten Firmen wie Bridj, Chariot, UberPool oder Lyft Line an Systemen, bei denen sich mehrere Nutzer einen Minibus teilen. Manch einer mag bereit sein, für besseren Service tatsächlich auch mehr zu zahlen. Doch andere werden sich das nicht leisten können - oder wollen.

Oslo will Privatautos verbannen

Bekommen diese Menschen am Ende womöglich einen schlechteren Service als bisher? Sonja Heikkilä sieht das nicht so. "Es wird weiter Angebote geben, die so viel kosten wie der aktuelle Service", sagt sie. Insgesamt würde ihr Konzept aber besseren Zugang für alle bringen. Überprüfen lassen sich solche Heilsversprechen bisher nicht, weil das Konzept noch am Anfang seiner Umsetzung ist.

Auch die öffentliche Hand könne einen besseren Service liefern, wirbt Heikkilä, wenn man das bisher aufgewendete Geld für ein flexibleres Transportsystem einsetze. So könne man bereits bestehende Transportangebote für Schüler, Behinderte oder Senioren auch für andere Menschen öffnen - und so zusätzliche Kapazitäten anbieten.

Auch andere skandinavische Städte arbeiten am Umbau ihres Transportsystems.

So baut Kopenhagen spektakuläre Fahrradwege wie die 190 Meter lange Bicycle Snake, einen Rad-Highway, der zwei durch Wasser getrennte Stadtteile miteinander verbindet. Die Brücke soll ermöglichen, dass die Hälfte aller Wege zur Arbeit, Schule und Uni mit dem Fahrrad zurückgelegt werden.

Und aus dem Zentrum der norwegischen Hauptstadt Oslo sollen Privatautos schon innerhalb der kommenden fünf Jahre verschwinden. Das hat der rot-rot-grüne Stadtrat gerade beschlossen. 60 Kilometer neue Fahrradwege sollen entstehen, der öffentliche Nahverkehr massiv gefördert werden.

Fußgänger auf dem Dach der Oper Oslo: Autofreie Innenstadt geplant
REUTERS

Fußgänger auf dem Dach der Oper Oslo: Autofreie Innenstadt geplant

Wann wird es also keine Privatautos mehr in Helsinki geben? In fünf Jahren vielleicht? In zehn? Es sei schwierig, über konkrete Daten zu reden, sagt Heikkilä: "Es wird keinen Stichtag geben, an dem es vorbei ist." Vor allem komme es darauf an, den Menschen bessere Transportalternativen anzubieten.

Aber wie ist nun eigentlich die Sache mit ihrem Auto? "Ich habe einen Fiat Punto, aber ich brauche ihn nicht mehr", sagt Heikkilä. "Ich habe ihn meinem Bruder geliehen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 173 Beiträge
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Seite 1
romanpg 02.12.2015
1.
Hat bei solchen Plänen eigentlich schonmal wer bedacht, dass auch öffentliche Verkehrsmittel den Großteil des Tages weil unterhalb ihrer Kapazität unterwegs sind und nur zu einigen Stoßzeiten dann vollkommen aus-/überlastet sind?
t...9 02.12.2015
2.
so etwas wird es in Deutschland nie geben...
Jim Power 02.12.2015
3. Ist das Frauenlogik?
"Rund 95 Prozent seiner Lebensdauer verbringt ein Auto auf dem Parkplatz, sagt die finnische Verkehrsplanerin Sonja Heikkilä. Warum nicht einfach weg damit?" Über 80% seiner Lebensdauer verbringt unsere Heizungs-Gasterme ungenutzt im Keller. Warum nicht einfach weg damit?
Leser161 02.12.2015
4. Der Service ist noch nicht so weit
Durchaus eine Idee. Das Problem sehe ich darin, dass wir noch keine Wege gefunden haben Service standardisiert und verlässlich anzubieten. Wenn ich zu einer Sache Service bekomme ist das ein breites Spektrum von aktiver Kundenabwehr bis zu wirklich vorbildlichem Service. Allerdings weiss man das vorher nicht. Da kann es noch so viele Siegel geben. Des weiteren kann es auch schon mal vorkommen, dass bis lang vorbildlicher Service sich ohne Vorwarnung verschlechtert. Zum Beispiel durch ein kleines Outsourcing. Service ist also heutzutage eine grosse Katze-Im-Sack. Dafür gibt man ungern Geld aus. Zu Mal es quasi unmöglich ist einem Anbieter mangelhaften Service nachzuweisen und Ausgleich zu erhalten (Wenn einem die Werkstatt kaputtes Teil einbaut verlangt man Ersatz, was macht man aber wenn die Werkstatt ein unnötiges Teil einbaut, weil sie nicht kompetent war oder so getan hat? Ah...) Solange für diese Problematiken keine Lösung gefunden wurde, sehe ich Angebote die viel aus Service bestehen sehr kritisch.
stefanmargraf 02.12.2015
5. Jung, hübsch, naiv....
Super, mit einer Smartphone App wird dein Leben geregelt...dann soll sie bei ihren Großeltern anfangen. Sie braucht kein Auto mehr? Klar, sie ist jung, kann radfahren und muss nicht für drei Kinder einkaufen gehen. Sie muss nur den Punto für den Ikea Besuch vom Bruder zurück bekommen. Ihre Arbeitsstätte liegt in der Stadt, was ist mit den Industriegebieten? Arbeitet da keiner mehr? Autofreie Innenstadt, außer Taxis, Busse, Ambulanzen, Müllabfuhr, Polizei, Rohrreiniger, Werkstattwagen, Leichenwagen, Strassenkehrmaschinen, Zulieferer und und und ...die anderen fahren vollkommen grundlos PKW
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