Herkunft der Vormenschen Knochenfunde in Südeuropa entzweien die Fachwelt

Eine neue Studie weckt Zweifel an der Annahme, die Wiege der Menschheit sei Afrika. Stammt der älteste Vormensch womöglich aus Europa? Andere Wissenschaftler reagieren skeptisch.

REUTERS/ Velizar Simeonovski

Ein Kieferknochen, gefunden in Griechenland, und ein Zahn aus Bulgarien bringen die Geschichte der Menschheit gehörig durcheinander. Beide Funde zeigen Formen, die sich am ehesten mit Kiefer und Zähnen des Menschen vergleichen lassen, behaupten Forscher in einer neuen Studie.

Der Schimpanse ist der nächste Verwandte des Menschen. Die Entwicklungslinien der Schimpansenvorfahren und der menschlichen Linie haben sich bisherigen Fossilfunden zufolge vor etwa sechs Millionen Jahren in Afrika getrennt - so steht es im Lehrbuch.

Die neue Studie stellt diese Theorie infrage - die Forscher behaupten:

  • Ihre Funde stammten von den ältesten bekannten Vormenschen, die demnach bereits vor sieben Millionen Jahren lebten; die Abstammungslinie von Menschen und Menschenaffen hätten sich demnach bereits früher getrennt als gedacht.
  • Und unsere ältesten menschlichen Vorfahren stammten folglich nicht aus Afrika, sondern aus Europa.

"Zu wenig"

"Ich erwarte viel Widerspruch", hatte Madelaine Böhme vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Paleoenvironment (HEP) in Tübingen bei der Vorstellung ihrer Studie am Montag gesagt. Sie und ihre Kollegen seien sich bewusst, dass ihre zwei Indizien nicht ausreichten, die Menschheitsgeschichte definitiv umzuschreiben.

Böhme hat recht behalten, ihre Fachkollegen urteilen kritisch. Widerlegen können sie die neue Theorie allerdings nicht.

Die grundsätzliche Behauptung der Studie ginge zu weit, gemessen an den verfügbaren Beweisen, sagte Richard Potts, Anthropologe am Smithsonian Institution's Human Origins Program, der "Washington Post".

Nach ihrer Blütezeit in Europa vor zwölf bis zehn Millionen Jahren seien die Affen aus klimatischen Gründen gen Süden durch das Fundgebiet der beiden untersuchten Fossilien gezogen. Es gebe aber "kaum Hinweise", dass Vormenschen erschienen seien, bevor Afrika erreicht wurde.

Angesichts der vielen Vormenschen-Knochenfunde in Afrika sei es nicht angebracht, die geltende Theorie zu verwerfen, ergänzt die Anthropologin Susan Antón von der New York University. Dafür seien zwei schwer zu deutende Knochenfunde in Südosteuropa zu wenig.

Was zeigen die Zahnwurzeln?

Die Autoren der neuen Studie hatten vor allem die Zahnwurzeln als menschenähnlich identifiziert: Sie sind weitgehend verschmolzen - ein charakteristisches Merkmal des Menschen und seiner ausgestorbenen Verwandten. Bei Menschenaffen liegen die Zahnwurzeln üblicherweise getrennt vor.

Allerdings wiesen nicht alle Vormenschen das Merkmal auf, gibt Jay Kelley, Paläontologe an der Arizona State University zu bedenken. Folglich könnte es sein, dass sich verschmolzene Zahnwurzeln in unterschiedlichen Abstammungslinien entwickelt hätten.

Dieser Meinung ist auch Sergio Almécija von der George Washington University in Washington DC. Es sei bekannt, dass Primaten manche Körpermerkmale getrennt voneinander erworben hätten. Einzelne Eigenschaften seien deshalb nicht ausreichend, um Urteile über die Evolution zu fällen, sagte der dem "New Scientist".

Strittiger Eckzahn

Die neue Studie trete in die bekannte Falle, unbekannte Merkmale nicht Affen, sondern Menschen zuzuordnen, meint Nathan Young at the University of California in San Francisco.

Auch der Zahn, das andere Beweisstück, sei nicht unbedingt überzeugend, sagt Potts. Der Eckzahn habe eine verkleinerte Wurzel, ähnlich wie beim Menschen, hatten die Studienautoren festgestellt. Doch die Zahnkrone sei abgeknickt, deshalb sei er nicht gut zu bewerten, wendet Potts ein.

Es gibt aber auch Zuspruch: Die neue Analyse der Knochenfunde zeige, dass sie sich von allen anderen Affenknochen, die in Europa gefunden wurden, unterschieden, sagte David Alba vom Catalan Institute of Palaeontology in Barcelona dem "New Scientist". Deshalb sei es möglich, dass es sich um Vormenschen handelte. Für ein Urteil sei die Beweislage allerdings zu dünn.

"Zu fokussiert auf Afrika"

"Die Kollegen sind da an etwas dran", sagte anerkennend Darren Curnoe von der University of New South Wales zu "Sciencealert". Allerdings seien mehr Fossilfunde nötig, um Graecopithecus freybergi eindeutig den Vormenschen zuzuordnen.

"Die Stärke der neuen Studie ist, dass sie uns zeigt, dass wir zu fokussiert auf Afrika sind", sagte James Cole, Archäologe an der University of Brighton in Großbritannien dem Magazin "Newsweek".

In Europa und im Nahen Osten sollte vermehrt nach Fossilien von Affen und Menschen gesucht werden. Da sei vermutlich mehr über die menschliche Evolution zu erfahren als angenommen.

Diesen Ansatz verfolgen die Autoren der Studie. Sie planen, in Bulgarien nach weiteren Hinweisen auf die ersten Vormenschen zu suchen.

boj

insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
McFly_Climate 23.05.2017
1. Wieder ein PR-Coup der Palaeoanthropologen!
Sicherlich eine weitere interessante These, eine von vielen in diesem Forschungsgebiet, welches all paar Monate "das Rad neu erfindet" um an neue Forschungsgelder zu kommen.
muellerthomas 23.05.2017
2.
Zitat von McFly_ClimateSicherlich eine weitere interessante These, eine von vielen in diesem Forschungsgebiet, welches all paar Monate "das Rad neu erfindet" um an neue Forschungsgelder zu kommen.
ja, die Paläontologen sind noch schlimmer als die Klimaforscher oder die Astrophysiker, alle raffgierig und kriegen den Hals nicht voll. Wer kennt sie nicht, die Forscher in ihren Lamborghinis mit Goldketten und Rolex?
ackergold 23.05.2017
3.
Zitat von McFly_ClimateSicherlich eine weitere interessante These, eine von vielen in diesem Forschungsgebiet, welches all paar Monate "das Rad neu erfindet" um an neue Forschungsgelder zu kommen.
Wissen Sie, mit rumstänkern kommt man in der Naturwissenschaft auch nicht weiter. Was soll das also? Die ständige Laienbehauptung, es ginge bei wissenschaftlicher Erkenntnis nur um den Selbstzweck der Forschungsgelder ist nichts anderes, als der billige Versuch einer Diffamierung. Von Forschungsgeldern steigt mein Gehalt leider auch nicht, also sollte man doch bitte bei der Sache bleiben, oder einfach nur schweigen, wenn man schon überhaupt gar keine Ahnung von der Materie hat. Danke für Ihr Verständnis!
ackergold 23.05.2017
4.
Wer behauptet, in einem genetischen Pool möglicher Merkmale würden sich bei einer neuen Art diese Merkmale alle gleichzeitig ausprägen, der geht hoffnungslos in die Irre. Es ist längst erwiesen, dass dem nicht so ist. Selbstverständlich ist es möglich, dass im Merkmalspool von sich aufgrund der endmiozänen Klimadepression in Richtung Äquator zurückziehenden Primaten-Species das eine oder das andere Merkmal sich früher herausprägt als die weiteren. Das kann bei Zahnwurzeln selbstverständlich der Fall sein, und zwar ohne, dass man dabei von Vormenschen sprechen muss. Der genetische Pool von möglichen Menschenvorfahren ist im Miozän groß genug, dass sich Merkmale entweder mehrfach herausprägen können, oder aber sie ein kosmopolitisches Merkmal werden. Über den "Ort der Menschwerdung", was auch immer das sein mag, sagt das rein gar nichts aus. Wenn Vorfahren des Menschen auch in Europa vorkamen, dann ist das eben so, aber auf Basis von 2 Funden kann man den Grund dafür beim besten Willen nicht angeben. Individuen mit den gleichen Merkmalen könnten genauso gut auch in Afrika bereits gelebt haben - wir wissen es nicht. Fest steht aber trotzdem, dass die ältesten Hominiden aus Afrika stammen und auch die Homininen. Im Endmiozän waren Bulgarien und Griechenland Teile Afrikas - ein Mittelmeer gab es nicht, eine Wanderung war problemlos möglich und selbst niedere Primaten können unter klimatischem Druck ihren Lebensraum problemlos innerhalb von ein paar Jahrzehnten um tausende Kilometer verlegen.
wo_st 23.05.2017
5. Die Erde ist eine Scheibe
Damals, als diese Scheibe Common Sense war, wurden Wissenschaftler, die anderes erzählten, wenigsten mit dem Tod bedroht. Wissenschaftler weiter so und damit der Wahrheit näher zu kommen.
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