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Herzstillstand: Mann stirbt zwei Monate nach Gesichts- und Handtransplantation

Tod nach Transplantation: Vor zwei Monaten hatte ein französisches Ärzteteam einem 30-Jährigen zwei Hände und ein neues Gesicht verpflanzt - eine Weltpremiere. Jetzt ist der Patient tot. Bei einer erneuten Operation erlitt er einen Herzstillstand. Warum, ist noch unklar.

Paris - Es ist erst zwei Monate her, dass der 30-Jährige als weltweit erster Patient zwei neue Hände und ein fremdes Gesicht bekommen hat. Nun ist der junge Mann gestorben. Er erlitt bei einer neuerlichen Operation in dem Krankenhaus Henri Mondor bei Paris einen Herzinfarkt, wie die Klinikleitung mitteilte. Noch sei die Ursache unklar, sagte der Leiter des Transplantationsteams, Laurent Lantiéri, dem französischen Radiosender RTL. Der Leichnam des Patienten solle untersucht werden.

Der Verstorbene hatte 2004 bei einem Unfall schwere Verbrennungen erlitten. Er war seitdem entstellt, konnte seine Hände nicht mehr gebrauchen und hatte sich kaum noch in die Öffentlichkeit gewagt. Anfang April wurden ihm in der Klinik Henri Mondor das Gesicht eines Spenders und gleichzeitig zwei Hände verpflanzt. An der 30-stündigen Operation waren mehrere Dutzend Ärzte beteiligt.

Der Patient habe die Transplantation zunächst gut überstanden, sein Körper habe das verpflanzte Gewebe nicht abgestoßen, sagte Lantiéri. Um eine Abwehrreaktion gegen das transplantierte Gewebe zu verhindern, muss ein Empfänger meist lebenslang Medikamente nehmen, die das Immunsystem in Schach halten. Das macht ihn jedoch anfällig für Bakterien, Viren und andere Erreger. Auch der Pariser Patient hatte sich Wochen nach dem Eingriff mit einem multiresistenten Bakterium infiziert, wie die britische Tageszeitung "The Independent" berichtet. Der Keim hatte sich im Gesicht ausgebreitet, so dass der Mann erneut operiert werden musste. Dabei sei er vergangene Woche gestorben.

Weltweit haben sich bisher sechs Patienten einer Gesichtstransplantation unterzogen. Die erste war vor mehr als drei Jahren die heute 41 Jahre alte Französin Isabelle Dinoire, deren Gesicht durch Bisse ihres Hundes völlig entstellt worden war. Zehn Monate nach der Operation konnte Dinoire ihre Lippen ganz schließen, nach 18 Monaten wieder normal lächeln.

Wie gefährlich ist die Transplantation?

Auch das Gesicht der US-Amerikanerin Connie Culp war völlig zerstört, nachdem ihr Mann ihr mit einer Schrotflinte mitten ins Gesicht geschossen hatte. Mit der bisher wohl umfassendsten Gesichtstransplantation der Welt konnten Ärzte Culp in 30 Operationen wieder zu einiger Lebensqualität verhelfen. Kürzlich hat die Frau ihre Geschichte der Öffentlichkeit vorgestellt - und für mehr Akzeptanz von Menschen mit entstellten Gesichtszügen geworben.

Trotz der erfolgreichen Eingriffe in den vergangenen Jahren gibt es unter Chirurgen immer wieder Diskussionen darüber, ob solche Operationen angesichts der möglichen Nebenwirkungen überhaupt vorgenommen werden sollten. Neben den Gefahren durch ein geschwächtes Immunsystem drohen chronische Schäden durch die Arzneien. Zudem sei auch die psychische Herausforderung, die von den fremden Gliedmaßen ausgeht, immens und werde oft unterschätzt, meinen Experten.

Berühmt ist etwa der Fall des ersten Menschen, dem eine ganze Hand transplantiert worden war: Der 50-jährige Neuseeländer Clint Hallam bezeichnete das fremde Körperteil bald als "abscheulich und verblüht" und bat seine Ärzte, es wieder zu entfernen - er habe sich davon "mental gelöst". Der Fall hatte den US-amerikanischen Schriftsteller John Irving zu seinem Roman "Die vierte Hand" inspiriert.

Der Chirurg Lantiéri verteidigte jedoch die Entscheidung des jetzt verstorbenen Mannes, sich der komplizierten Operation zu unterziehen. "Er war so schwer entstellt, dass er nur mit einer Transplantation behandelt werden konnte", zitiert ihn "The Independent". Zudem habe der Eingriff die Transplantationsmedizin einen großen Schritt weiter gebracht. Erstmals sei es gelungen, Augenlider nicht nur zu verpflanzen, sondern sie auch so gut mit dem umliegenden Gewebe zu verbinden, dass sie einige Wochen nach der Transplantation langsam funktionstüchtig wurden.

hei/AFP

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