Gerüchte um Higgs-Boson: Forscher bloggen über Gottesteilchen-Durchbruch

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Ist das Gottesteilchen nun endlich entdeckt? In mehreren Blogs kursieren entsprechende Gerüchte - und sogar konkrete Zahlen. An den Messungen beteiligte Physiker wollen die Entdeckung jedoch nicht bestätigen.

Higgs-Boson: Gottesteilchen aus der Gerüchteküche Fotos
AFP

Hamburg - Ein Higgs-Boson findet man nicht alle Tage. Kein Wunder, dass Gerüchte über den Nachweis des rätselhaften Teilchens in den Blogs von Wissenschaftlern schnell die Runde machen. Schließlich geht es um ein äußerst mysteriöses und zugleich enorm wichtiges Teilchen, denn das Higgs-Boson gilt Beweis für die Existenz des sogenannten Higgs-Felds, das Materie Masse verleiht. So zumindest die Theorie.

Peter Woit, Mathematiker an der Columbia University, hat die Spekulationen nun mit einem Blogeintrag angeheizt. Er war gerade zu einer mehrtägigen Wandertour im Grand Canyon unterwegs, als er von den neuen Messdaten aus Genf erfuhr. "Verlässliche Gerüchte können nicht warten", tippte er in sein Smartphone, der Text landete umgehend auf seiner Blog-Seite. Neue Messdaten bestätigten Ergebnisse aus dem Vorjahr, nur diesmal mit höherer statistischer Sicherheit. Es gebe starke Hinweise auf das Higgs-Boson im Massebereich von 125 Gigaelektronenvolt (GeV).

Woits Informationen stammen offenbar aus erster Hand - von Wissenschaftlern, die an den Experimenten Atlas und CMS beteiligt sind. Beide finden am LHC bei Genf statt, dem größten und leistungsstärksten Teilchenbeschleuniger der Welt am Kernforschungszentrum Cern. "Ich höre von beiden Experimenten, dass es eine Vielzahl von Daten gibt, welche die Signifikanz des Signals erhöhen", schreibt Woit.

Physiker glauben, dass das Higgs-Feld das gesamte Universum durchdringt. Es wechselwirkt mit Materie und erzeugt damit quasi deren Masse. Higgs-Bosonen entstehen, wenn sich schwere Elementarteilchen extrem schnell durch das Higgs-Feld bewegen. Sie sollten bei den Kollisionen am LHC-Beschleuniger in Genf produzieren werden.

Über erste konkrete Hinweise auf die Entdeckung des Higgs-Boson im Bereich von 125 GeV hatten die Physiker zuletzt im Dezember berichtet. "Die statistische Signifikanz reicht jedoch noch nicht aus, um definitive Aussagen zu machen", sagte CMS-Sprecher Guido Tonelli damals. Was man beobachtet habe, könne sowohl mit Hintergrund-Fluktuationen, also dem Zufall, oder der Existenz des Higgs-Boson erklärt werden. Man benötige mehr Daten, um die Signifikanz der Ergebnisse zu erhöhen, erklärten die Wissenschaftler.

Diese Messdaten liegen nun offensichtlich vor. Ein deutscher Forscher bestätigte dies in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE: "Sie haben sicher Gerüchte zur Higgs-Suche gelesen. In der Tat haben wir letzte Woche am Freitag in die Daten geschaut und wurden nicht enttäuscht." Nähere Informationen könne er aber nicht geben, auch weil die Daten erst noch vollständig ausgewertet werden müssten.

Higgs-Gerüchte? Kein Kommentar!

Die Forscher stecken in einem Dilemma: An den Messungen und der Datenauswertung sind Hunderte Physiker beteiligt. Jedes Einzelexperiment wird von einem Sprecher koordiniert, aber die Entdeckung eines Teilchens wird stets dem gesamten Team zugeschrieben und nicht etwa einzelnen Kollegen. Wenn einzelne Wissenschaftler nun aber spektakuläre Zwischenergebnisse über Blogs in die Welt posaunen, bevor diese im großen Team geprüft und abgesegnet sind, kommt das bei vielen Forschern gar nicht gut an.

Tommaso Dorigo, selbst am CMS-Experiment beteiligt, zeigt sich wenig erfreut über die neuen Higgs-Gerüchte: "Ich kann diese nicht kommentieren und verlinke nicht mal darauf", schreibt er in seinem Blog A Quantum Diaries Survivor. Unter seinen Kollegen gebe es immer mehr "empfindliche Reaktionen" auf derartige Meldungen.

Ein anderer Teilchenphysiker redet seinen Kollegen im Collider Blog regelrecht ins Gewissen: "Wollt ihr Gerüchte verbreiten?" lautet die rhetorische Frage - und zumindest für den Blogger, der ebenfalls am Cern forscht, lautet die Antwort: nein. "Als Mitglied der CMS-Kollaboration weiß ich genau, wo wir stehen", schreibt er. Seine Loyalität gelte den Kollegen, die jetzt gerade arbeiteten, Daten analysierten und Ergebnisse verifizierten. "Etwas Furore in einem Blog ist es nicht wert, all diese Menschen zu verärgern."

Aber selbst wenn der Großteil der Forscher es ablehnt, zum jetzigen Zeitpunkt über Zwischenergebnisse zu reden - irgendjemand wird es immer tun. Vor allem, wenn Hunderte oder gar Tausende an den Experimenten beteiligt sind, wie am Teilchenbeschleuniger LHC.

Auf die seriös ausgewerteten Messdaten muss die Welt freilich noch etwa drei Wochen warten. Anfang Juli wollen die Wissenschaftler neue Ergebnisse auf der 36. International Conference on High Energy Physics (Ichep 2012) im australischen Melbourne vorstellen.

Glaubt man Peter Woit, dann erreicht die Kombination der Messdaten aus dem Vorjahr mit aktuellen Werten eine höhere Signifikanz als bislang möglich war. Ende 2011 lag dies für den Wert von 125 GeV bei drei Sigma, nun sollen es bereits vier Sigma sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Messungen Zufall sind, ist damit deutlich gesunken. Richtig zufrieden werden die Teilchenphysiker aber erst sein, wenn die Signifikanz bei fünf Sigma liegt.

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insgesamt 178 Beiträge
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1. Verschwiegenheit
HeinrichMatten 18.06.2012
Zitat von sysopIst das Gottesteilchen nun endlich entdeckt? In mehreren Blogs kursieren entsprechende Gerüchte - und sogar konkrete Zahlen. An den Messungen beteiligte Physiker wollen die Entdeckung jedoch nicht bestätigen. Higgs-Boson: Gerüchte über Entdeckung des Gottesteilchens am LHC - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,839514,00.html)
Tja, liebe Forscher, mit der Verschwiegenheit war das immer schon so eine Sache. Wenn Sie etwas Verbotenes täten und außerdem mit dem Schwur einer Geheimgesellschaft belegt wären, sähe es schon anders aus.
2. Aha
crocodil 18.06.2012
wieder was neues aus CERN. Gut verpackt in der Nachricht. Was soll das Ganze, Hunderte gut bezahlte Wissenschaftler arbeiten an diesen Projekten. Was ist bis jetzt herausgekommen? Nichts, ausser mal das Internet. Kostet Unsummen von Energie und Steuerzahlermillionen ohne wirkliche Resultate. Sollen sie doch mal einen Fusiosreaktor konstruktieren - aber wahrscheinlich wird das nie möglich sein, bei den hohen Temperaturen, die man dafür benötigt. Aber die "Wissenschafler" haben eben ein Ziel, -wenn sie auch nicht selbst daran glauben- Hauptsache die Gehälter stimmen.
3. Gottesteilchen
Weberameise 18.06.2012
Kann man mal bitte aufhören vom Gottesteilchen zu reden? Es gibt keinen Anlass irgendein Teilchen so zu nennen! Wer hat diesen Käse überhaupt in die Welt gesetzt?
4.
symolan 18.06.2012
Zitat von crocodilwieder was neues aus CERN. Gut verpackt in der Nachricht. Was soll das Ganze, Hunderte gut bezahlte Wissenschaftler arbeiten an diesen Projekten. Was ist bis jetzt herausgekommen? Nichts, ausser mal das Internet. Kostet Unsummen von Energie und Steuerzahlermillionen ohne wirkliche Resultate. Sollen sie doch mal einen Fusiosreaktor konstruktieren - aber wahrscheinlich wird das nie möglich sein, bei den hohen Temperaturen, die man dafür benötigt. Aber die "Wissenschafler" haben eben ein Ziel, -wenn sie auch nicht selbst daran glauben- Hauptsache die Gehälter stimmen.
Jaja, weshalb auch Grundlagenforschung. Aus der Expedition, die der spanische Königshof einem gewissen Kolumbus spendierte, wurde ja auch nix wesentliches entdeckt. Und weshalb kam der verschwenderische Hölenmensch bloss auf die Idee ein Rad zu erfinden. Er hätte das Holz doch besser verfeuert. Und sie sind mit Sicherheit der Experte, der den konkreten Nutzen eines Cern gut beurteilen kann, oder?
5. Sorry, SPON...
neu_ab 18.06.2012
Zitat von sysopIst das Gottesteilchen nun endlich entdeckt? In mehreren Blogs kursieren entsprechende Gerüchte - und sogar konkrete Zahlen. An den Messungen beteiligte Physiker wollen die Entdeckung jedoch nicht bestätigen.
Aber müsst ihr diesen Quatsch mit "Gottesteilchen" mitmachen? Keine Ahnung, wer das aufgebracht hat & wieso, aber der Begriff ist einfach Dünnfug.
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Die Grundkräfte der Natur
Fundamentale Wechselwirkungen
Sie sind buchstäblich das, was die Welt im Innersten zusammenhält: die Grundkräfte der Natur. Sie sind die Basis aller physikalischen Vorgänge, ohne sie wäre unser Universum nicht denkbar. Die Wissenschaft kennt vier dieser Kräfte, die auch fundamentale Wechselwirkungen genannt werden. Seit Jahrzehnten fahnden Wissenschaftler auch nach einer fünften - bisher allerdings ergebnislos.
Die Gravitation
Isaac Newton hat im 17. Jahrhundert die Schwerkraft erstmals mathematisch beschrieben. Sie besitzt eine unendliche Reichweite, lässt sich - anders als andere Grundkräfte - nicht abschirmen und wirkt vor allem auf große Distanzen. Planeten, Sterne und ganze Galaxien werden maßgeblich von ihr gesteuert. Dennoch ist sie die schwächste aller Fundamentalkräfte. Ein Mensch etwa - obwohl im Vergleich zur Erde winzig klein - kann die Schwerkraft zumindest kurzzeitig spielend mit seiner Körperkraft überwinden.
Die elektromagnetische Kraft
Sie ist neben der Gravitation die zweite Kraft, der schon früh der Rang eines allgemeinen Naturgesetzes gegeben wurde. Auf ihr basieren die meisten Alltagsphänomene: Wenn eine Glühbirne dank Strom Licht erzeugt, wenn Magneten sich anziehen, wenn Substanzen chemisch miteinander reagieren ist die elektromagnetische Wechselwirkung die Basis des Geschehens. Die Teilchen, durch die sie vermittelt wird, sind die Photonen.
Die starke Kernkraft
Die Kernkräfte wurden erst im 20. Jahrhundert mit der Entdeckung von Atomkernen und Radioaktivität beschrieben. Nach dem Standardmodell der Elementarphysik besteht ein Atomkern aus Neutronen und Protonen, die sich wiederum aus Quarks zusammensetzen. Die starke Kernkraft, auch starke Wechselwirkung genannt, hält diese Quarks zusammen - und damit auch die Atomkerne. Sie wird durch Gluonen vermittelt.
Die schwache Kernkraft
Die schwache Wechselwirkung ist die Grundlage einiger radioaktiver Zerfallsprozesse und spielt auch eine Rolle bei der Kernfusion, die etwa im Innern von Sternen abläuft. Sie besitzt wie auch die starke Kernkraft nur eine kurze Reichweite.

Die schwache Kernkraft sagt auch die Existenz des sogenannten Higgs-Bosons voraus, das der Theorie zufolge allen anderen Elementarteilchen ihre Masse verleiht. Der Partikel, auch "Gottesteilchen" genannt, wurde bisher aber noch nicht direkt beobachtet. Weltweit fahnden Forscher intensiv nach dem Teilchen. Mit Hilfe großer Teilchenbeschleuniger wie dem Large Hadron Collider (LHC) in Genf könnte es schon bald nachgewiesen werden.
Die fünfte Kraft
Seit Jahrzehnten fahnden Wissenschaftler nach einer fünften Kraft. Sie soll ähnlich schwach sein wie die Gravitation und auf Objekte aller Art wirken. Doch experimentell ließ sich die fünfte Fundamentalkraft - trotz einiger Versuche insbesondere in den späten achtziger Jahren - nicht schlüssig belegen.

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