High-Tech-Prothesen Besser als echte Beine

Dutzende Gipfel hat Hugh Herr bestiegen - obwohl er an beiden Unterschenkeln amputiert ist. Jetzt strebt der Biophysiker nach der perfekten Prothese: künstliche Beine, die besser sind als natürliche.

Aus Cambridge berichtet Franziska Badenschier


"Unglaublich, diese Beine sind so schnell": Hugh Herr flitzt das erste Mal mit seiner neuesten Kreation durch sein Labor - und ist begeistert. Mit den zwei Unterschenkeln aus Gestänge, Schrauben und einem Motor im Fußgelenk habe er sich das erste Mal ein wenig wie ein Roboter gefühlt. Dabei mag der US-Tüftler das Wort "Roboter" gar nicht. Es sei negativ, während er selbst Gutes im Sinn hat: Beinamputierte sollen wieder laufen können. So wie er.

Seine echten Beine verlor er im Jahr 1982 am Mount Washington, mit 1917 Metern der höchste Berg im Nordosten der USA, der berüchtigt ist für sein arktisches Wetter und Wind-Rekorde. Der damals 17-jährige Herr und ein Freund gerieten auf einer Hochebene ohne Kompass in einen Schneesturm; manchmal versanken sie bis zur Brust im Schnee. Nach dreieinhalb Tagen wurden die beiden gefunden - mit schwersten Erfrierungen. Die Unterschenkel mussten ab.

"Ich musste zurück in die Berge", erzählt Herr. Schon zehn Jahre lang war Kraxeln seine Passion gewesen, aufhören wollte er auf keinen Fall. Als er nach zwei Wochen Reha-Klinik übers Wochenende nach Hause durfte, ging er sofort wandern. "Es war dumm von den Ärzten, mir zu erlauben, die Prothesen mit nach Hause zu nehmen." Herr schmunzelt. Die Holzprothesen von damals taten höllisch weh. Seitdem konstruiert er selbst Beine, studierte dafür Physik und Biomechanik.

Inbusschlüssel fürs Zweitbein

Herr schlurft und rennt durch das Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT), einem Ort für den Bastler und Tüftler im Wissenschaftler: Der Biophysiker steigt die Treppe zu einer seiner Werkstätten hinab und zeigt dort, wie man mit einem Inbusschlüssel innerhalb einer Minute ein Bein austauschen kann. Er führt in sein kleines Büro, wo alte und neue Beinprothesen stehen und an der Wand eine Tafel mit Notizen und Formeln hängt.

"Meine Seele hat sich geändert", sagt Herr heute über die Amputation. Sein Blick ist ruhig und zuversichtlich. Man sieht ihm den schweren Schicksalsschlag an, aber auch den Glauben daran, dass es weiter geht, gar besser werden kann.

Nachdem ihm die beiden Unterschenkel abgenommen worden waren, trennte sich Herr von seiner damaligen Freundin. Er musste erst einmal alleine mit sich wieder ins Lot kommen. "Man fühlt sich hässlich", sagt Herr. Doch dann kletterte er wieder, wurde besser als je zuvor. "Ich wurde stolz, ich fühlte mich stark."

Bald, erzählt er, zelebrierte er jeden Trip, er bemalte seine Holzprothesen. Mit einem Mal habe er sich sexy gefühlt. Es folgten "Tausende Dates" - "nicht aus Mitleid", sagt er, sondern wegen seiner Ausstrahlung. "Dein Herz und deine Seele stecken nicht in deinen Füßen und Beinen", sagt er. Heute ist Herr verheiratet, hat zwei Töchter im Alter von vier und zwei Jahren.

Von Mitleid hält der sportliche Forscher ohnehin nichts. "Aus Mitleid wird über Nacht Neid", sagt er immer wieder. Auf seine Lebenskraft, seinen Forschererfolg, seine sportlichen Leistungen: Hugh Herr hat mit Eispickeln, ausfahrbaren Teleskopbeinen und anderen Sonderanfertigungen seit seinem Unfall rund 40 Erstbesteigungen geschafft - und hat an Gletscherwänden keine Angst mehr vor erfrierenden Füßen.



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