Hightech-Fotografie Jesus-Tuch im Superscanner

Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen haben italienische Wissenschaftler eine neue Aufnahme des Turiner Grabtuches angefertigt. Die hochauflösenden Fotos zeigen das Gewebe in noch nie gesehener Detailschärfe - nur: Lösen sie das Rätsel um seine Echtheit?


Die Wissenschaftler waren höchst vorsichtig. In einem Reinraum streckten sie das Objekt auf einer Bahre aus, fixierten es für die anstehende Operation. Alle Anwesenden mussten Schutzanzüge tragen. Die Luftfeuchtigkeit wurde genau überwacht, sogar das Licht gefiltert. Denn das Objekt ist alt. Sehr alt. Mindestens 700 Jahre - viel glauben sogar: zwei Jahrtausende.

Das berühmte Grabtuch von Turin lag am 22. Januar dieses Jahres auf dem Operationstisch. Die Wissenschaftler erstellten mit einem Superscanner ein neues, höchstauflösendes Bild des angeblichen Leichentuches Jesu, über dessen Echtheit seit langem gestritten wird - jetzt sind die neuen Fotos veröffentlicht.

Die Firma HAL9000, spezialisiert auf hochauflösende Fotografie von Kunstwerken, hatte vom Heiligen Stuhl die Erlaubnis bekommen, das rund viermal einen Meter große Tuch auf 158 Gigabytes abzulichten - mit einer Detailgenauigkeit von bis zu einem fünfhundertstel Milimeter. "Wir haben über 1600 Einzelaufnahmen zusammengesetzt, jede einzelne so groß wie eine Kreditkarte. Das Ergebnis ist ein riesiges Bild, das 1300-mal schärfer ist als die Aufnahme einer Zehn-Millionen-Pixel-Kamera", sagt Chefingenieur Mauro Gavinelli.

Dazu fuhr die Kamera einen Tag lang auf einem Gestell über dem Tuch umher, in 30 Zentimeter Höhe schwebend. "Wir mussten sehr konzentriert arbeiten, weil wir keinen Fehler machen durften", sagt Gavinelli SPIEGEL ONLINE. "Erst am Ende des Tages, als wir fertig waren, hatten wir ein paar Minuten lang Zeit, das Tuch überhaupt als Ganzes anzuschauen und zu bewundern. Vorher war das gar nicht möglich."

Was verrät das Gigabyte-Foto?

Vor wenigen Tagen haben die Ingenieure und Fotografen von HAL9000 das Bild in der Kathedrale von Novara auf einer 28 Quadratmeter großen Leinwand der Kommission des Vatikans vorgestellt. Über die Osterfeiertage ist das mehr als zwölf Meter lange Bild dort auch für Besucher zu sehen. Die Aufnahmen sind im Besitz der Kommission - und werden dort wohl auch erst einmal bleiben. Ob sie länger ausgestellt oder sogar im Internet einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, steht noch nicht fest.

Die zentrale Frage ist jedoch: Haben die spektakulären Detailaufnahmen des Gewebes vielleicht neue Geheimnisse über die Echtheit oder Entstehung des Tuches preisgegeben? "Es ist in einem sehr guten Zustand" - das ist alles, was Mauro Gavinelli verrät.

"Das Gewebe ist sehr sauber, bis auf die schon lange bekannten kleinen Verunreinigungen, zum Beispiel durch winzige Wachströpfchen. Bei einem so nahen Blick scheint es auch keinen Unterschied zu geben zwischen den gewöhnlichen Fasern des Tuches und jenen, auf denen das angebliche Bild Jesu abgedrückt ist."

Umstritten ist das Grabtuch bereits seit seiner ersten historischen Erwähnung im 14. Jahrhundert. Kirchenmänner und Wissenschaftler mühen sich, die Echtheit des Leichentuches entweder zu beweisen oder zu widerlegen. Angeblich hat es den Leichnam Jesu bedeckt, als dieser nach seinem Tod vom Kreuz genommen wurde. Dabei haben sich, so die Befürworter der Echtheit, die Züge seines Körpers mit den Wunden der Kreuzigung in das Gewebe abgedrückt.

Eigener Forschungszweig Sindonologie

Gerade die Abdrücke der Wunden sind ein heikler Punkt. Sämtliche mittelalterliche Darstellungen zeigen Jesus am Kreuz mit Nägeln durch die Handflächen und einem Dornenkranz auf der Stirn. Die Verletzungen auf dem Grabtuch aber zeugen von Nägeln in den Handgelenken; die Dornen waren zu einer Haube geflochten, die den gesamten Schädel umhüllte. Das entspricht den tatsächlichen Folterpraktiken um die Zeitenwende im Heiligen Land - was Archäologen allerdings erst zum Ende des vergangenen Jahrhunderts herausgefunden haben.

Um 1900 bildete sich ein eigener Wissenschaftszweig, der sich mit der Frage nach der Echtheit des Grabtuches von Turin beschäftigt: die Sindonologie, abgeleitet von altgriechischen Wort für Leichentuch (sindón). Seitdem wird das Tuch - mit wechselnden Ergebnissen - analysiert, fotografiert und diskutiert. 1978 begann das Shroud of Turin Research Project (Sturp) mit einer Untersuchungsreihe. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass die Blutflecken in dem Gewebe tatsächlich echt sind und die Körperabdrücke aus dehydrierten Fasern bestehen.

Allerdings gehören viele der Wissenschaftler dieser Untersuchungskommission der "Gilde des Heiligen Grabtuches" an, einer katholischen Organisation. Der Mikroskopie-Experte Walter McCrone, der nach heftigem Streit aus Sturp ausschied, fand vielmehr, dass sowohl die angeblichen Blutflecke als auch Abdrücke durch die Farbpigmente Zinnober und Ocker entstanden sind.

Echt oder falsch?

1988 berief der Heilige Stuhl erneut eine Untersuchung ein. Diesmal ging es um das Alter des Tuches. Die C14-Datierung von drei unabhängigen Instituten, der University of Arizona, der Oxford University und der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, wies das Tuch in das 14. Jahrhundert, also genau in jene Zeit, zu er es auch erstmals schriftlich erwähnt wurde. 2005 kam ein Chemiker zum Schluss, dass das Tuch doch echt sein könnte, weil die Forscher 1988 angeblich einen Fehler bei der Radiokarbonanalyse gemacht haben.

Die Kirche selbst hält sich übrigens elegant aus der Frage nach der Echtheit heraus: "Die geheimnisvolle Faszination des Grabtuches wirft Fragen über die Beziehung dieses geweihten Leinens zum historischen Leben Jesu auf. Da das aber keine Glaubensangelegenheit ist, hat die Kirche keine besondere Befugnis, zu diesen Fragen Stellung zu beziehen", urteilte der damalige Papst Johannes Paul II. am 24. Mai 1998. Das Tuch wird jedenfalls nur noch selten hervorgeholt. Zuletzt geschah das im Jahr 2000, als mehr als drei Millionen Pilger nach Turin strömten, um das Leichentuch mit eigenen Augen zu sehen. Die nächste Ausstellung ist erst für 2025 geplant.

Nach Abschluss der Arbeiten kann sich die Firma HAL9000 nun dem nächsten Projekt zuwenden. In der Vergangenheit hat sie bereits Gemälde wie Leonardo da Vincis Abendmahl oder das Leben Christi von Gaudenzio Ferraris in noch nie gekannter Detailschärfe abgelichtet. Der Firmenname ist Programm. HAL9000 heißt der Computer des Raumschiffs Discovery in dem Buch "2001: Odyssee im Weltraum" des vor wenigen Tagen verstorbenen Science-Fiction-Autors Arthur C. Clarke. "Das Hauptaufgabenfeld unserer Firma ist die Steuerung von Multimedia-Software", sagt Mauro Gavinelli, "da drängte sich die Referenz an HAL9000 förmlich auf." In der Romanvorlage entwickelt HAL9000 ein Eigenleben und versucht, die Steuerung der Mission selbstständig zu übernehmen.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.