Himmelsscheibe von Nebra Erst Astro-Uhr, dann Bronzezeit-Nippes

Seit vier Jahren suchen Wissenschaftler nach geheimen Codes auf der Himmelsscheibe von Nebra. Jetzt entdeckten sie: In dem Fundstück steckte die bronzezeitliche Entsprechung des Schaltjahres. Jedenfalls solange die frühen Sachsen-Anhaltiner ihre Scheibe lesen konnten.


1600 Jahre vor Christus lebte dort, wo heute das südliche Sachsen-Anhalt liegt, eine äußert gut informierte Gruppe Menschen. Sie wussten, wie weit das Jahr fortgeschritten war. Nicht bloß die groben Anhaltspunkte der Winter- und Sommer-Sonnenwende dienten ihnen zur Orientierung. Vielmehr waren sie in der Lage, Tages- und Jahreszeit anhand des Sonnenstandes und die Monate nach dem Mondzyklus zu bestimmen. Das Instrument für diese Zeitmessung war die Himmelsscheibe von Nebra, sagte Landesarchäologe Harald Meller. Das berühmte Fundstück habe als astronomische Uhr gedient.


Zusammen mit einem Bronzeschatz war das Fundstück bereits 1999 bei Nebra entdeckt worden - allerdings von Raubgräbern. Sie gingen vor vier Jahren der Polizei bei einem fingierten Kauf in die Fänge. Seitdem streiten Wissenschaftler zum Teil heftig über ihre Herkunft und Bedeutung der Scheibe: kultisches Objekt, astronomisches Instrument oder gar Fälschung? Der Fund hatte weltweit für Aufsehen gesorgt, da es sich um die älteste konkrete Darstellung des Kosmos handelt. Nun ist ein weiteres Stück seines Geheimnisses gelüftet.

Bronzezeit-Version des Schaltjahrs

"Der Mondkalender ist elf Tage kürzer als der Sonnenkalender", sagte Archäologe Meller. "Die Sensation ist, dass die bronzezeitlichen Menschen das Mond- und das Sonnenjahr in Einklang gebracht haben. Das hätten wir ihnen nie zugetraut."

Der Astronom Rahlf Hansen vom Planetarium Hamburg hat auf der Scheibe eine Schaltregel entschlüsselt. Mit ihrer Hilfe haben die die Menschen in der bronzezeitlichen Nebra-Gegend das Sonnenjahr mit seinen 365 Tagen und das Mondjahr mit 354 Tagen in Einklang bringen können.

Wenn im Frühlingsmonat, mit dem das Jahr begann, eine Neulichtsichel des Mondes am Siebengestirn aufgeht, sei dies ein normales Jahr. Stehe in diesem Monat erst am dritten Tag der Mond an diesem Gestirn und bilde dann eine dickere Sichel, müsse ein Schaltmonat von 29,5 Tagen eingefügt werden.

Nach Ansicht des Astronomen Wolfhard Schlosser von der Ruhr-Universität Bochum haben die Erbauer der Himmelsscheibe dieselben astronomischen Beobachtungen gemacht, die 1000 Jahre später die Babylonier erstmals beschrieben.

Wahrscheinlich sei die Funktion der Scheibe aber nur einer kleinen Gruppe Eingeweihter bekannt gewesen, sagte Landesarchäologe Meller. Die Forschergruppe geht davon aus, dass das Wissen um die Schaltmonate mit der Zeit verloren gegangen ist. Die Nutzungsdauer des Fundstücks beziffern die Wissenschaftler auf nur 200 bis 400 Jahre. An deren Ende war das astronomische Instrument dann zu schnödem Bronzezeit-Nippes verkommen. Beispielsweise kam ein Schiff auf die Scheibe, und am Rand wurde sie vielfach gelocht. Archäologe Meller folgert: "Das bedeutet, dass zum Schluss die Scheibe ein Kultobjekt war."

stx/ddp/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.