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Himmelsscheibe von Nebra: "Genauso echt wie die Mona Lisa"

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Himmelsscheibe von Nebra: "Einer der wichtigsten Funde der Menschheitsgeschichte"

Pompöse Inszenierung für ein Millionenpublikum: In Halle zeigt jetzt ein Prachtmuseum die Himmelsscheibe von Nebra. Landesarchäologe Harald Meller verrät auf SPIEGEL ONLINE, wieso das legendäre Archäologen-Fundstück mehr Wert ist als jeder Picasso - und wie viel Show die Wissenschaft verträgt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gerade in Halle für 5,4 Millionen Euro ein Museum umbauen lassen, um dort ab Freitag dauerhaft die Himmelsscheibe von Nebra zu zeigen. Wäre es nicht auch eine Spur weniger pompös gegangen?

Meller: Wir haben nichts Protziges gemacht, nichts Pompöses. Man muss bedenken, dass es sich um eines der bedeutendsten Archäologiemuseen Mitteleuropas handelt. Die Sanierung der Museumsinsel in Berlin kostet auch dreistellige Millionensummen - und zum Teil sind die Häuser, die da saniert werden, auch nicht bedeutender.

SPIEGEL ONLINE: Ein gesundes Selbstbewusstsein, das Sie nicht zum ersten Mal an den Tag legen. Sie haben Ihr Hauptexponat, die Himmelsscheibe von Nebra, mit der Alpenmumie Ötzi und Stonehenge vergleichen. Übertreiben Sie da nicht?

Meller: Überhaupt nicht! Die Scheibe ist einer der wichtigsten Funde der Menschheitsgeschichte. Als älteste konkrete Himmelsabbildung der Menschheit lässt sie uns wie durch ein Schlüsselloch einen Blick in die geistige Welt der Bronzezeit werfen. Niemand hätte gedacht, dass die Menschen damals solch ein astronomisches Wissen hatten. Und wenn ein Fundstück so wichtig ist, dann sollte man das auch sagen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist die Scheibe eigentlich versichert?

Meller: Museumsdirektoren sprechen nie über Versicherungswerte. Nur so viel: Wenn wir die Scheibe ausgeliehen haben, dann ist die Himmelsscheibe höher bewertet worden als jeder Picasso oder moderne Kunst.

SPIEGEL ONLINE: Vor einiger Zeit war von einem Versicherungswert von 100 Millionen Euro zu lesen…

Meller: Das ist nicht unrealistisch, so viel ist sicher. Sie wissen ja, was gute Picassos kosten.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie die Scheibe in der neuen Ausstellung präsentieren?

Meller: In einem runden, vollkommen schwarzen Raum mit zehn Meter Durchmesser. In dessen Mitte steht ein tiefschwarzer Monolith. Das ist wie bei Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum". In dem Monolith gibt es einen hell erleuchteten Ausschnitt, in dem wie magisch die Himmelsscheibe schwebt. Kein Text lenkt ab, alle Informationen gibt es in einem Vorraum. Und wer nach oben blickt, der schaut auf einen strahlenden Himmel, an dem sich 70.000 Sterne bewegen.

SPIEGEL ONLINE: Bei so viel Aufwand muss die Frage erlaubt sein: Wie viel Show verträgt die Wissenschaft?

Meller: Wir müssen die Archäologie sichtbar und verständlich machen. Das sind wir den Steuerzahlen schuldig, die unsere Arbeit finanzieren. Es kann nicht reichen, Fundstücke ins Lagerregal zu legen und Fachpublikationen zu schreiben. Wir müssen die Menschen begeistern. Aber: Auch wenn Archäologie bei uns manchmal sehr leicht aussieht, ist sie doch immer wissenschaftlich abgesichert. Wir haben die wichtigsten Spezialisten bei der Gestaltung der Ausstellung herangezogen.

SPIEGEL ONLINE: Kosmischer Bauernkalender, Rechenhilfe, um das Mondjahr mit dem Sonnenjahr zu synchronisieren, Kultgegenstand - was war die Himmelsscheibe denn nun tatsächlich?

Meller: Die Himmelsscheibe war das alles. Sie ist in ihrer Geschichte mehrfach verändert worden. Je nach Zeit hatte sie verschiedene Funktionen. Zunächst diente sie als Erinnerungshilfe zur Erstellung eines komplexen Mond-Sonnenkalenders. Später war sie dann ein Bauernkalender zur Bestimmung der Zeit der Aussaat. Als man dann diesen Code nicht mehr lesen konnte, diente sie als Kultgegenstand. Um 1600 vor Christus wurde sie dann den Göttern geopfert und auf dem Mittelberg deponiert.

SPIEGEL ONLINE: Was entgegnen Sie Leuten, die noch immer an der Echtheit der Scheibe zweifeln?

Meller: Man kann zweifelsfrei zeigen, dass die Scheibe nach derzeitigem technischem Stand nicht gefälscht ist. Die Himmelsscheibe von Nebra ist genauso echt wie die Mona Lisa. Bei der Scheibe bin ich mir sogar noch sicherer, denn die Mona Lisa habe ich nicht überprüft.

Das Gespräch führte Christoph Seidler.

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