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"Hindenburg"-Unglück: Tödlicher Funke für tausend Theorien

Bis heute ranken sich Verschwörungstheorien um das Ende der "Hindenburg". Sabotage, Gewehrschüsse oder Bomben sollen vor 70 Jahren zum Absturz des Zeppelins geführt haben. Der tatsächliche Grund wurde erst nach fünf Jahrzehnten bekannt.

"Zeppelin LZ 129 'Hindenburg' wurde vom Himmel geschossen", behauptet der Autor Jan Gaspard. Dass Nikola Tesla, der Wechselstrom-Pionier und Erfinder von Hochleistungs-Transformatoren, sich am 6. Mai 1937 in Lakehurst aufgehalten habe, sei kein Zufall: Mit einer geheimen Strahlenkanone soll das US-Militär die deutsche Luxusflugzigarre abgeschossen haben. Warum? "Die Hindenburg wurde Opfer eines monströsen Wirtschaftskrieges", meint Gaspard. Nach dem Ende der Luftschiffe hätten US-amerikanische Personenflugzeuge sich zur Vorherrschaft am Verkehrshimmel aufschwingen können.

Gaspard ist Hörspiel-Autor, seine wilde These als Audiobuch unter dem Label "Offenbarung 23" erschienen. Dreiundzwanzig, die Zahl von Verschwörungstheoretikern und Paranoikern - der Absturz der "Hindenburg" regt bis heute die Fantasie der Menschen an.

Elmsfeuer oder Schrotschüsse, Anschlag, Sabotage oder Verschwörung? So karg der technische Befund zum tatsächlichen Hergang des Unglücks ist, so farbig werden Möglichkeiten, eventuelle Verbindungen und scheinbare Zusammenhänge ausgemalt. Die Verkettung unglücklicher Umstände als ganz triviale Alltagskatastrophe eines neuen, unausgereiften technischen Systems kann da nicht mithalten. Und auch bis das wahrscheinlichste aller Unglücksszenarien vollständig beschrieben war, sollte es fünf Jahrzehnte dauern.

Leck vor der Landung

Sofort nach Unglück am 6. Mai 1937 war eine deutsche Untersuchungsgruppe nach Übersee geeilt, um zusammen mit US-Kollegen die Trümmer zu untersuchen und Zeugen zu befragen - diplomatisch ein sensibles Unterfangen. Schließlich kühlte sich das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Hitler-Deutschland zusehends ab.

Die binationale Gutachtertruppe fand heraus: Die "Hindenburg" war bereits vor der Explosion leckgeschlagen. Ein gerissenes Seil hatte beim Landeanflug eine der Gaszellen des Riesen aufgeschlitzt, die sich in der Mitte des gewaltigen Rumpfs befanden (siehe Grafik). Wasserstoff entwich in den Innenraum, wo sich ein leicht brennbares Gas-Luft-Gemisch bildete. Doch woher kam der Funke?

Um Viertel nach sechs Uhr Ortszeit beginnt der Landeanflug des Giganten, der von der gewittrigen Atmosphäre bereits statisch aufgeladen ist. Sechs Minuten später werden die Halteseile zu Boden geworfen. Sie dienen dem Bodenpersonal dazu, das Luftschiff festzuhalten und am Boden zu manövrieren. Diesmal aber nieselt es, die Seile werden nass und damit elektrisch leitfähig. So wirkt der nasse Hanf wie eine Erdung für das Aluminiumgestell im Inneren der "Hindenburg", eine Ladungsdifferenz wird über sie abgeleitet.

Die Hülle bleibt elektrisch geladen. Um 18.25 Uhr wird der Spannungsunterschied so groß, dass ein Funke überspringt. So stellt der Untersuchungsbericht die als am wahrscheinlichsten angesehene Ursache dar - diese Version gilt bis heute als die Mainstream-Erklärung für das Inferno.

Luftschiffer wollten nicht an simple Erklärung glauben

Viele erfahrene Luftschiffer widersprachen, verwiesen auf den langjährigen Einsatz von Zeppelinen auch in tropischen Gebieten, wollten der Version der Berliner Untersuchungskommission einfach nicht folgen.

Dass auch Charles Rosendahl und Hugo Eckener, die beiden Leiter der deutsch-amerikanischen Gutachtergruppe, anfangs Sabotage für wahrscheinlich gehalten hatten, später aber die heutige Mainstream-Version favorisierten, half da nicht viel. Gleich nach dem Unglück blühten Hypothesen und Verschwörungstheorien auf (siehe Kasten) - und viele werden auch noch eifrig diskutiert.

Bis Anfang der neunziger Jahre - mehr als fünf Jahrzehnte - dauerte es indes, bis die wahrscheinlichste Version des Unglückshergangs auch in Deutschland vollständig dargestellt wurde. Damals machte der Pensionär und Luftschiff-Liebhaber Gordon Vaeth in der meteorologischen Fachzeitschrift "Weatherwise" auf eine Diskrepanz in der deutschen und der englischen Fassung des Abschlussberichts der Untersuchungskommission aufmerksam: Ohne die silberne Farbe der "Hindenburg" wäre es wohl nie zum Unglück von Lakehurst gekommen.

"Tödliche Spannungsdifferenz" durch falschen Lack

Den Lackanstrich der Außenhülle - mit Cellon, einem mit Aluminium vermischten Harzlack - hatte Max Dieckmann gleich im Verdacht. Auf der Dampferfahrt nach New York soll das Mitglied der Berliner Untersuchungskommission Kollegen anvertraut haben, dass über die elektrischen Eigenschäften des Anstrichs so gut wie nichts bekannt sei.

Der Elektrostatik-Experte hatte nach seiner Rückkehr im heimischen Labor analysiert und experimentiert: Wäre LZ 129 unter den Lakehurster Bedingungen auch explodiert, wenn es einen konventionellen Anstrich getragen hätte? Nein, lautete die Antwort. Nur wegen des Cellons konnte sich die starke statische Aufladung der Außenhülle aufrechterhalten - und wurde nicht über die Hanfseile abgeleitet. So sei es zur "tödlichen Spannungsdifferenz" gekommen, die schließlich zum Funkenschlag geführt haben müsse. Angesichts des Gaslecks an Bord war dieser fatal.

Die Ergebnisse aus Dieckmanns Labor waren eindeutig: "Bei Verwendung des Lacks der Hindenburg erfolgte jedes Mal eine Detonation." Vor dem Einsatz auf der "Hindenburg" war die verhängnisvolle Paste nicht ausreichend getestet worden. Doch weder den deutschen Ingenieuren noch der Nazi-Führung passte dieser technische Lapsus wohl ins Konzept. Die Cellon-Detail standen zwar in der englischen, nicht jedoch in der deutschen Version des Untersuchungsberichts.

stx

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Luftschiff "Hindenburg": Die Katastrophe von Lakehurst


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