Hirnforschung: Babys bemerken Sprachnuancen schon vor Geburt

Das Gehirn kann feinste Sprachunterschiede erkennen - selbst wenn es noch nicht einmal richtig verdrahtet ist. Das zeigten Forscher bei Untersuchungen von Frühchen. Die Fähigkeit dazu soll angeboren sein.

Menschlicher Fötus: Unreifes Gehirn erkennt verschiedene Silben Zur Großansicht
Corbis

Menschlicher Fötus: Unreifes Gehirn erkennt verschiedene Silben

Washington - Schon drei Monate vor dem errechneten Geburtstermin kann das noch unreife Gehirn eines Babys verschiedene Silben sowie die Stimmen von Männern und Frauen unterscheiden. Dies haben Wissenschaftler aus Frankreich bei der Untersuchung von Frühgeborenen herausgefunden. Das Gehirn organisiere sich schon früh in der Entwicklung so, dass es die Sprache als solche erkennen und entschlüsseln könne, berichten die Forscher im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Das Team von der Université de Picardie Jules Verne im französischen Amiens hatte zwölf Frühchen untersucht, die zwischen der 28. und 32. Schwangerschaftswoche auf die Welt gekommen waren. Das Gehirn ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht voll ausgereift. Die Nervenzellen liegen noch nicht an ihrem Bestimmungsort im Gehirn, und auch die Verknüpfung der Hirnzellen ist noch nicht abgeschlossen. Mit speziellen Messgeräten, die am Brutkasten eingesetzt werden können, überprüften die Forscher bei den schlafenden Babys, wie sich die Aktivität der Gehirne als Reaktion auf verschiedene Silben und Stimmen änderte.

Die Experten um Mahdi Mahmoudzadeh fanden heraus, dass selbst feine sprachliche Unterschiede - zum Beispiel ein Lautwechsel von "Ba" zu "Ga" - im Gehirn wahrgenommen wird. Diese Unterscheidung sei sehr schwierig, bei Menschen mit Hörproblemen ginge die Fähigkeit dazu schnell verloren. Und auch die jüngsten Babys konnten schon männliche und weibliche Stimmen unterscheiden. Das rechte Frontalhirn reagierte sowohl auf die unterschiedlichen Laute als auch auf die verschiedenen Stimmen, berichten die Wissenschaftler weiter. Das linke reagierte hingegen nur auf die Lautverschiebung. Ein Grund dafür sei vermutlich, dass sich die rechte Seite einige Wochen vor der linken entwickle.

Das Fazit der Forscher: Das Gehirn bereitet sich schon Monate vor der Geburt auf die Verarbeitung von Sprache vor. Die Untersuchung zeige, dass angeborene Faktoren dabei anscheinend eine größere Rolle spielten als Umwelteinflüsse.

hda/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS
alles zum Thema Hirnforschung
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Kurzer Wegweiser durch das Gehirn
Gehirn: Steuerzentrale des Körpers
Als Gehirn bezeichnet man den im Kopf gelegenen Abschnitt des Nervensystems, der die zentrale Steuerungszentrale des Körpers bildet. Bei höher entwickelten Tieren bildet das Gehirn zusammen mit dem Rückenmark das Zentralnervensystem. In ihm sind die Sinneszentren und übergeordnete Schaltzentren (Koordinations- und Assoziationszentren) zusammengefasst. Es ist für die Ausbildung komplizierter Handlungsabläufe, für die Fähigkeit des Gedächtnisses und für die Ausprägung von Denken, Gefühlen, Bewusstsein und Intelligenz verantwortlich.
Gehirnteile: Vorderhirn, Mittelhirn, Rautenhirn
Das menschliche Gehirn und auch das Gehirn vieler Tiere ist in drei Hauptteile gegliedert: Vorderhirn, Mittelhirn und Rautenhirn. Schon bei niederen Wirbeltieren entstehen aus dem Vorderhirn (Prosencephalon) das der Nase zugeordnete Endhirn (Großhirn) und das den Augen zugeordnete Zwischenhirn. Das Mittelhirn (Mesencephalon) bleibt ungegliedert erhalten. Das Rautenhirn (Rhombencephalon) gliedert sich weiter auf in das Hinterhirn mit dem Kleinhirn und der Brücke sowie in das verlängerte Mark, das den Übergang zum Rückenmark bildet. Mit zunehmender Höherentwicklung vergrößern sich die Teile und differenzieren sich weiter.
Großhirn: Spezialität des menschlichen Gehirns
Speziell für das menschliche Gehirn ist die Größe und Komplexität des Großhirns. Die Faltung seiner Oberfläche bewirkt eine enorme Oberflächenvergrößerung, so dass es die übrigen Hirnteile überwölbt. Das Großhirn ist das Zentrum für unsere geistigen und seelischen Fähigkeiten und damit für die komplexesten Gehirnleistungen. Es besteht aus zwei Hälften (Hemisphären), die durch ein dickes Bündel Nervenfasern, den sogenannten Balken, miteinander verbunden sind.
Großhirnrinde: Sitz der "grauen Zellen"
Die äußere Schicht des Großhirns wird als Großhirnrinde (Cortex cerebri, kurz Cortex) bezeichnet. Sie ist nur etwa zwei bis fünf Millimeter dick und enthält die erstaunliche Menge von 10 bis 14 Milliarden Nervenzellen. Wenn Gehirne in Formalin haltbar gemacht werden, sieht die Großhirnrinde grau aus. Sie wird deshalb auch als graue Substanz bezeichnet und umgangssprachlich spricht man oft von "grauen Zellen". Der übrige Teil des Großhirns besteht aus Nervenfasern, welche die Nervenzellen mit anderen Hirnteilen verbinden. Dieser Teil wird auch als weiße Substanz bezeichnet.