Hirnforschung Der Kampf gegen das Altern im Kopf

Nicht alle Menschen altern gleich. Manche sind geistig beweglicher als andere, leben sogar mit Alzheimer-Hirnschäden ein normales Leben. Wissenschaftler suchen fieberhaft nach den Gründen für das Altern des Gehirns - denn die Zahl der Demenzerkrankungen steigt stetig.


Passiert Ihnen das auch ab und zu? Dass Ihnen manche Namen einfach nicht mehr einfallen wollen? Dass Sie womöglich auch gar nicht mehr in der Lage sind, sich neue zu merken - so wie früher, in jungen Jahren? Ist das schon Alzheimer? Man muss nicht gleich das Schlimmste annehmen. Gehirne altern und damit nehmen die kognitiven Leistungen ab. Alterungsprozesse sind normal - man kann sie nicht verhindern. Wohl aber aufschieben. Und jeder altert anders.

Alzheimer-Patient: Die Krankheit zerstört zuerst das Gedächtniszentrum des Gehirns
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Alzheimer-Patient: Die Krankheit zerstört zuerst das Gedächtniszentrum des Gehirns

Bewegung, Kreuzworträtsel lösen, Freunde treffen, viel Fisch essen, Alkohol, Stress und Zigaretten meiden - das sind die gängigen Tipps, die man mittlerweile schon in jeder zweiten Frauenzeitschrift nachlesen kann, um dem "Abbau im Kopf" entgegenzuwirken. Zigaretten meiden? Ja aber… ist man geneigt zu denken, Altkanzler Helmut Schmidt qualmt doch auch seit Jahrzehnten eine Mentholzigarette nach der anderen und hat noch immer einen rasiermesserscharfen Verstand. Möglicherweise liegt es an seiner "kognitiven Reserve", die er sich in seinem bis heute hochaktiven Leben angeeignet hat. Ein Art neurologische Altersvorsorge, von der er jetzt zehrt. Wissenschaftler sind dieser Reserve auf der Spur. Und dabei entpuppt sich der neurobiologische Hintergrund der einen oder anderen alten Volksweisheit.

Denise Parker, Direktorin des University of Illinois' Center for Healthy Minds ist überzeugt: "Wir müssen verstehen, wie wir den normalen geistigen Alterungsprozess aufschieben können - so wie wir in die Bekämpfung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs investiert haben."

Es geht dabei nicht um eine vermeintliche neue Anti-Aging-Modewelle, dem Nachjagen der Illusion ewiger Jugend. Das Problem drängt tatsächlich, die Statistiken sind eindeutig: In vielen Industrienationen verschiebt sich langsam aber sicher die Altersstruktur der Bevölkerung. Der demografische Wandel ist bereits im Gange. Steigende Lebenserwartung trifft auf sinkende Geburtenraten. Für Deutschland hat das Statistische Bundesamt eine Prognose herausgegeben, die ein gänzlich anderes Land voraussagt: Im Jahr 2050 wird die Hälfte der Einwohner älter als 48 Jahre sein. Ein Drittel der Deutschen wird über 60 sein. Ein im Jahr 2050 geborenes Mädchen kann sich dann auf ein 88 Jahre langes Leben freuen, ein Junge immerhin auf 83,5 hoffentlich erfüllte Jahre.

Manche Menschen haben eine kognitive Reserve

Findet die Medizin nicht plötzlich ein Wundermittel, werden im Zuge steigender Lebenserwartung auch Demenzkrankheiten wie Alzheimer zunehmen. Laut Statistischem Bundesamt leiden in Deutschland derzeit rund eine Million Menschen an Demenz. Jedes Jahr treten fast 200.000 Neuerkrankungsfälle auf, und mit zunehmendem Alter steigt die Häufigkeit rapide an. Beträgt sie bei den 65- bis 69-Jährigen noch etwa 1,5 Prozent, liegt sie bei über 90-Jährigen bereits bei über 30 Prozent. Experten erwarten im Jahr 2050 doppelt so viele Demenzfälle wie heute.

Warum nun trifft es manche ältere Menschen schlimmer als andere? Nach Ansicht der Wissenschaftler gibt es deutliche Anzeichen, dass ältere Gehirne altersbedingten Schaden quasi umgehen. Sie formen neue Nervenzell-Verbindungen, wenn alte zerstört werden.

Ein gesundes Gehirn ist ein buschiges Gehirn - die Enden der Milliarden Nervenzellen in unserem Gehirn sind vielfach miteinander verknüpft. Je mehr Lernerfahrungen man macht, je mehr Verbindungen werden ausgebildet.

Während des normalen Alterungsprozesses sterben die Zellen nicht, aber die Anzahl der Nervenzell-Verknüpfungen wird geringer. Und weniger Verknüpfungen bedeuten langsamere Übertragung von Signalen. Wie sich das äußern kann, kennt man: Der Name eines Menschen liegt einem auf der Zunge, man weiß, dass man ihn weiß - aber er will einem partout nicht mehr einfallen. Oder erst nach längerem Grübeln.



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