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Hirnforschung: Ein normales Leben mit einem halben Gehirn

Michelle Mack lebt mit nur einer Hirnhälfte. Die 37-Jährige hat nun ihr Schicksal öffentlich gemacht, um anderen Menschen Mut zu machen. Der Fall beweist, dass gesundes Hirngewebe die Funktionen von geschädigten Bereichen übernehmen kann - zumindest teilweise.

Falls Church - Als die Ärzte zum ersten Mal in den Kopf der Frau sahen, trauten sie ihren Augen nicht. Mit Hilfe eines Kernspintomografen entdeckten sie, dass die linke Hirnhälfte von Michelle Mack fast vollständig fehlt. Doch obwohl sie mit nur einer Hirnhälfte zur Welt kam, lebt sie ein überraschend selbständiges Leben, wie der Nachrichtensender CNN am Dienstag berichtete. Demnach spricht und liest Mack normal, hat einen High School Abschluss und arbeitet bei der Datenverwaltung einer Kirche.

Vor zehn Jahren entdeckten die Mediziner, dass die Patientin nur ein halbes Gehirn hat. Sie vermuten, dass ein Schlaganfall vor der Geburt die Ursache dafür war, dass sich die linke Hirnhälfte der heute 37-Jährigen aus Falls Church im US-Bundesstaat Virginia nicht ausgebildet hat.

Der Neurowissenschaftler Jordan Grafman erklärte, dass dadurch zwar wichtige Strukturen für die Bewegungssteuerung, das Verhalten und das geistige Vermögen wichtige Strukturen fehlten. Dafür habe sich aber die rechte Hirnhälfte "neu verdrahtet" und wichtige Funktionen wie Sprechen und Lesen übernommen, so der Mediziner vom National Institutes of Health (NIH).

Doch dieser Umstrukturierungsprozess sei nicht ganz einfach gewesen, erklärte Grafam: Zwar kann Mack normale Sätze bauen und das von anderen Menschen Gesprochene problemlos verstehen, allerdings hat sie Schwierigkeiten mit anderen Fähigkeiten, die normalerweise in der rechten Hirnhälfte gesteuert werden, zum Beispiel dem räumlichen Vorstellungsvermögen. Außerdem hat die Frau Probleme, ihre Gefühle zu kontrollieren oder komplexe Sachverhalte zu erfassen. In fremder Umgebung verliert sie schnell die Orientierung.

Doch um anderen Mut zu machen, hat die 37-Jährige jetzt beschlossen, ihre Geschichte in die Öffentlichkeit zu bringen. Viele Patienten erleiden nach einem Unfall oder Schlaganfall den Verlust bestimmter Hirnareale. Doch manchmal kompensiert das gesunde Gewebe die Fähigkeiten der geschädigten Hirnsubstanz. Es dauert aber mitunter Jahre, bis die Patienten etwa das Sprechen oder Sehen nach einem Schlaganfall wieder erlernen.

Über Fälle von Menschen, die mit nur einer Hirnhälfte leben, wird immer wieder einmal berichtet. Erst im Juli haben Forscher bei einem zehnjährigen Mädchen eine entsprechende Entdeckung gemacht. Im Sommer 2007 war in Frankreich ein ähnlich spektakulärer Fall bekanntgeworden: Ein damals 44 Jahre alter Beamter und Vater zweier Kinder führte ein ganz normales Leben - mit weniger als der Hälfte des normalen Hirnvolumens. Ärzte hatten erst bei einer Routine- Untersuchung festgestellt, dass der Mann ungewöhnlich große, mit Flüssigkeit gefüllte Hohlräume im Hirn hat.

cib/dpa

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