Hirnforschung: Forscher löschen Erinnerungen aus dem Angstgedächtnis

Gibt es bald ein wirksames Medikament für posttraumatische Belastungsstörungen? In einem Experiment mit Freiwilligen haben Hirnforscher gezeigt, dass eine Substanz Erinnerungen aus dem Angstgedächtnis blockieren oder sogar löschen kann.

Schreckliche Erlebnisse brennen sich regelrecht in das Gedächtnis des Menschen ein. Ein großes Problem für Betroffene, denn mitunter genügt ein kleiner Reiz, um die Erinnerung an eine Bombenexplosion, den miterlebten Tod eines Freundes oder eine blutige Schießerei wachzurufen. Tausende Veteranen der Kriege im Irak und Afghanistan leiden unter der sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) - die Behandlung ist aufwendig. Selbst Erlebnisse aus dem 2. Weltkrieg können bis in heutige Tage nachwirken.

Traumatische Erlebnisse: US-Soldaten bringen einen verletzten Kameraden in ein Militärhospital in Kuwait
DPA

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In einem kontrollierten Laborexperiment konnten niederländische Forscher nun den Zugriff auf Inhalte aus dem Angstgedächtnis komplett verhindern - und das auf Dauer. Selbst längere Zeit nach dem Experiment schreckten die Probanden nicht mehr vor den Angstreizen des Experiments zurück. Damit könnten Therapien für posttraumatische Belastungsstörungen entwickelt werden, die als Folge von Unfällen oder Kriegserlebnissen entstanden sind, schreiben die Forscher um Merel Kindt von der Universität Amsterdam im Fachmagazin "Nature Neuroscience" (Online-Vorabveröffentlichung).

Aus Mäuseexperimenten wissen Forscher, dass sich das Angstgedächtnis manipulieren lässt. Durch den Rezeptorblocker Propranolol lassen sich die Stoffwechselvorgänge in der für Angst zuständigen Gehirnregion namens Amygdala beeinflussen und Angstgefühle auslöschen. Kindts Team wollte diese Erkenntnisse auf den Menschen übertragen und stellte zunächst sicher, dass die Substanz Propranolol für die 60 Probanden sicher und verträglich ist.

In der ersten von drei Testphasen stellten die Forscher bei den freiwilligen Studenten zunächst eine Angstassoziation her: Auf dem Computerbildschirm zeigten sie Bilder - und immer wenn eine Spinne erschien, spielten sie über Kopfhörer zeitverzögert einen ohrenbetäubenden Ton ein. Als Maß für die Angst nahmen die Forscher das Zucken der Augenlider. Am zweiten Tag gaben die Forscher einem Teil der Studenten vor der Wiederholung des Tests die Substanz Propranolol. Die Idee dahinter: Propranolol greift in den Stoffwechselvorgang des Angstabrufens im Gehirn ein und blockiert oder löscht die Assoziation von Spinne mit schmerzhaftem Geräusch. Eine Kontrollgruppe erhielt hingegen ein Scheinmedikament.

Am dritten Tag mussten die Probanden noch einmal vor den Bildschirm. Bei der Kontrollgruppe hielt die Angst vor dem Spinnenbild mit Kracheinspielung unvermittelt an, während bei den mit Propranolol behandelten Studenten die Schreckensreaktion nicht nur reduziert, sondern sogar ganz eliminiert war, schreiben die Forscher. Der Mechanismus dahinter ist den Forscher aber unklar: Ob die Gedächtnisinhalte komplett gelöscht wurden oder die Behandlung nur den Abrufvorgang aus dem Angstgedächtnis stört, können die Psychologen bisher nicht sagen.

hda/ddp

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